BG Kritik:

Australia


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Australia (AUS 2006)
Regisseur: Baz Luhrman
Cast: Nicole Kidman, Hugh Jackman

Story: Australien kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Die englische Edeldame Sarah Ashley (Nicole Kidman) bekomt eine Ranch überschrieben, die sie allein aber nicht zu schützen vermag. Dafür engagiert sie den rauen Einzelgänger Drover (Hugh Jackman), der ihr bei allen Gefahren und Ereignissen zur Seite steht, und ihr bald mehr als nur ein Begleiter ist.

In der Hitze der Sonne.

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Sieben lange Jahre ist es schon her, seit Baz Luhrman mit „Moulin Rouge!“ seinen bisher letzten Film abgeliefert hat. Sieben Jahre, seit die wilde, grelle, überbordende und mitreißende Liebesgeschichte das Musicalgenre quasi im Drogenrausch per Tritt in den Hintern ins neue Jahrtausend katapultiert hat. Nach einem gescheiterten Projekt zu Alexander dem Großen, begibt sich Luhrman nun in sein Heimatland, um das größte australische Epos aller Zeiten zu erschaffen. Ein Herzensprojekt, wie er selbst sagt und abermals eine kühnes, mit Sehgewohnheiten brechendes Experiment.

Nur ist dieses Experiment nicht so schnell als Experiment zu erkennen. Shakespeare mit Hawaiihemden und automatischen Pistolen fällt ja irgendwie auf; ein wilder Farbenrausch mit schrägen Popsong-Crossovern ebenfalls, aber „Australia“ wird sich wohl in erster Linie den falschen aber naheliegenden Vorwurf gefallen lassen müssen, altbacken und kitschig zu sein. Mit Kitsch hat Luhrman zwar noch nie gespart, aber wenn man nicht übermäßig empfindlich ist, trägt der Film maximal zum Ende, wenn es darum geht, wer hier wie und in welchem Zustand aus der Geschichte rauskommt, etwas dicker auf.

Es ist vielmehr dieser altmodische Touch, der den Film umgibt. Es ist nicht unwichtig, klassische Hollywood Melodramen mit Kriegsthematik gesehen zu haben. „Casablanca“, „Vom Winde verweht“ und mehr als deutlich auch „The African Queen“ dienten als Inspiration für diese postmoderne Retro-Version aus Australien. Wenn Lady Sarah Ashley auf Viehtreiber, Trinker und Rowdy Drover trifft, ist quasi vorprogrammiert, was passieren wird. Und es ist hier nicht einfach platt als Klischee übernommen, dass sich die beiden über Tage hinweg necken und einander am liebsten an die Gurgel gehen würden, obwohl sie sich insgeheim schon von der ersten Minute an irgendwie anziehend fanden. Es ist Hommage, Umwandlung und leise Parodie in einem. Wie Humphrey Bogart und Katherine Hepburn auf einem klapperigen Schiff einst einen Fluss entlang schipperten und einander in den Wahnsinn trieben, so verhalten sich hier Nicole Kidman und Hugh Jackman. Und es funktioniert blendend. Ihre Chemie ist spürbar und glaubwürdig, obwohl dem Ganzen natürlich kein besonders großer Realismusanspruch zugestanden wird. Das passt, denn mit den Aborigines kommt auch eine gewisse Mystik hinzu. Der fast geisterhafte King George beobachtet immer im Hintergrund, Rinder können scheinbar mit Magie aufgehalten, Schurken verflucht werden und immer wieder ertönt auf irgendeine Weise „Somewhere over the Rainbow“. „The Wizard of Oz“ ist wohl das zentrale Thema des Films, welches man in Grundzügen kennen sollte. Es ist keine Nacherzählung, aber auf die ein oder andere Weise greift der Film doch geschickt Elemente des Klassikers auf und erfindet sie neu, wobei besonders dieses Lied zauberhafte und emotionale Fähigkeiten entfaltet.

Baz Luhrman muss zudem einen merkwürdigen Humor haben. Und er muss eine besondere Freude daran haben, Nicole Kidman, die schon in „Moulin Rouge“ den stammelnden Poeten per vorgetäuschtem Null-Kontakt-Orgasmus becircen musste, dabei ein paar besondere Szenen zukommen zu lassen. Hier, immer im Kontext der Hollywood’schen Vorbilder, bekommt die Kidman im ersten Drittel ein paar wunderbar überkandidelte Minuten, grantelt in bester Katherine-Hepburn-Manier, stampft theatralisch und entgegen eines Verbotes umher und zeigt erschreckend schwache Textkenntnisse bei musikalischen Klassikern. Wer sich daran stört, bitte, aber eigentlich ist dieses forcierte Rumalbern genau passend. Die Menschen hier sind ja nun auch keine realistischen Figuren, sondern originelle Konstruktionen nach bekannten aber eben entscheidend veränderten Mustern, die Antizipation beim Zuschauer durchaus wecken, die involvieren und mitreißen können. Immerhin ist „Australia“ ja auch ein Film, wo Hugh Jackman, ebenfalls im 1. Drittel, quasi als verfrühter Deus-Ex-Machina wie aufs Stichwort angeritten kommt, um den Tag zu retten. Einige Minuten bevor Luhrman in einer herrlich ironischen, feucht-fröhlichen Szene Jackmans aktuellen Status als „sexiest Man alive“ gleichermaßen untermauert wie einreißt. Jackman muss hier keine Oscarwürdigen Schauspielleistungen abliefern, sondern nutzt einfach seine unglaubliche Präsenz und Coolness, die dem Drover aus jeder Pore fließt. Mit ihm Rinder zu treiben und seinen trockenen Humor zu erleben, ist das Abenteuer schon wert.

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Ein Abenteuer, so bildgewaltig und kraftvoll. Die Eröffnungssequenz im Teich, Drover mit den Pferden, die Rinderstampede, die Ankunft, der Tanz, der Angriff, das Feuer und noch viele weitere Szenen sind so geschickt gefilmt, so kraftvoll geschnitten, so mitreißend und erinnerungswürdig, dass nur die große Leinwand dem gerecht werden kann. Es wirkt mitunter tendenziell künstlich, aber eben weil es altmodisch ist. Die Figuren, die Erzählweise und die Optik sind komplett anders als heutige Epen und weil technisch eindeutig professioneller – was den Machern bewusst war – auch anders als die klassischen Vorbilder. Dieser Wagemut, durch das aufgreifen, umwandeln und expandieren einer klassischen Ästhetik eine neue zu erschaffen, beschreibt dieses Experiment. Auch Luhrmans Hang zur digitalen Technicolor-Kopie kann dabei kritisiert werden, aber diese fliedergelben Himmelsfarben und die starken Gegenlichteffekte faszinieren ungemein und passen einfach zu diesem Projekt. Es ist überlebensgroß. Episch. Die schieren Ausmaße des Projektes entsprechen fast dem Kontinent selbst. Es ist anders als „Herr der Ringe“, der Neuseeland quasi zu Mittelerde machte, aber „Australia“ identifiziert sich so vielfältig mit seinem Land und lässt sich in so verschiedenen Merkmalen damit vergleichen, dass man einfach Lust bekommt, unbedingt diesen Kontinent zu besuchen.

Dabei ist der Film gar kein blinder, einseitiger Werbefilm. Gewidmet ist er der „Verlorenen Generation“, den Mischlingskindern, halb Weiß, halb Aborigine, die bis in die 1970er Jahre per Gesetz aus ihren Familien gerissen wurden, um in kirchlich organisierten Heimen zu leben. Der Identitätsverlust der Aborigines und ihr Leben, ihre Kultur selbst, sind fast Hauptanliegen des Films. Natürlich aber im kritischen Vergleich und im Kontakt mit dem Einfluss der vermeintlich „zivilisierten“ weißen Oberschicht. Das Schicksal des jungen Nullah, der von einer tollen Neuentdeckung gespielt wird, entwickelt sich zu einem Selbstfindungs- sowie Mutter-und-Sohn-Drama, in dem sich all die Aspekte des Landes, all die Emotionen seiner Bevölkerung, irgendwie kulminieren. Der Wunsch nach Unabhängigkeit, die Wut auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit und der sorgenvolle Beschützerinstinkt lassen sich beliebig auf höhere Stufen abstrahieren. Das heißt aber auch, dass man auf der Seite der Bösen recht eindimensionale, wenn auch charismatische Figuren hat. David Wenham spielt dann auch ein wahres Ekel von Widerling, ist aber eigentlich ausschließlich finster gesonnen. Dieses recht simple Gut/Böse-Schema ist dann definitiv einer der größeren Kritikpunkte, aber irgendwie passt das ja auch zu den Vorbildern. Es ist irgendwie ja nur konsequent.

Der finale Aspekt zu Luhrmans Experiment ist dann die Handlung selbst. Erzählt werden drei und mehr Geschichten, so dass der Film nicht nur groß, sondern auch lang ist. Straffung wäre möglich gewesen, aber er wirkt zu keiner Minute langweilig und auch nicht konfus, was bei diesem Inhaltswust schnell hätte passieren können. Dafür ist es zu spannend und mitreißend, dafür wirkt das Gesehene auf so freudige Weise gleichzeitig neu und vertraut. Die Liebesgeschichte zwischen Drover und Lady Ashley scheint nach etwas mehr als der Hälfte zuende und sogar eine abschließende, dramatisierende Endmontage, als folgten gleich die Abschlusstitel, gibt es, ehe sich der Film erneut komplett umwandelt und quasi eine gänzlich neue Geschichte mit den gleichen Figuren erzählt. Nullahs Schicksal, Drovers Zögern und plötzlich nähern sich japanische Flugzeuge einer kleiner Funkinsel. Die Handlung erstreckt sich von 1939 bis 1945 und zeigt daher auch ein Land, vermeintlich abgeschnitten vom 2. Weltkrieg und welches doch irgendwie komplett davon beeinflusst wurde, nicht nur durch den großen Angriff gegen Ende, in dem Luhrman noch mal alles auffährt, was seine Vision und das Budget hergeben.

Fazit:

„Australia“ kämpft gegen Sehgewohnheiten an und gerade weil man dem Film dies nicht sofort ansieht, könnte er seine Schwierigkeiten beim Publikum bekommen. Wer sich drauf einlässt, bekommt ein mitreißendes Abenteuer, eine klassische Liebesgeschichte, ein Persönlichkeitsdrama und ein Kriegsszenario in einem. Überlang und in einer gewollten Künstlichkeit schwebend, aber voller Kraft und Spektakel, mit tollen Darstellern und dem Zauber eines faszinierenden Kontinents.

8 / 10

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