BG Kritik:

A War


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Krigen (DK 2015)
Regisseur: Tobias Lindholm
Cast: Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Dar Salim, u.a.

Story: Claus Pedersen (Asbæk) ist Kommandant einer dänischen Einheit in Afghanistan. Nach einem Zwischenfall will er sicherstellen, dass seinen Männern nichts passiert und ist fortan ganz vorne mit dabei. Dann trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die bis nach Hause in Dänemark reicht.

Die dänische Antwort auf „American Sniper“ und Co.

Nominiert für den Oscar als bester fremdsprachiger Film 2015.


Auf den ersten Blick ist das Kino von Tobias Lindholm so nüchtern inszeniert, wie es betitelt ist. Neben der TV-Serie „Borgen“ stellte sich Lindholms Durchbruch durch den Film „Kapringen“ ein, zu Deutsch etwa Entführung, Kaperung, und hierzulande fast schon parodistisch anmutend als „Hijacking – Todesangst … In der Gewalt von Piraten“ (Kein Scherz) direkt auf DVD erschienen. „Hijacking“ beschreibt unaufgeregt und methodisch die Kaperung eines dänischen Transportfrachters durch moderne somalische Piraten und ließ Paul Greengrass‘ US-Version „Captain Phillips“ im Vergleich wie einen hysterisch-melodramatischen Actionfilm aussehen. Auch „Krigen“, was ganz simpel „Krieg“ bedeutet, vermeidet inszenatorische Spielereien und unnötige Dramatisierung. Doch Lindholms Beherrschtheit hat Methode und einen bemerkenswerten Effekt; unter der neutral beobachtenden Oberfläche werden minutiös geplant Hebel und Zahnräder in Bewegung gesetzt, mit denen der Zuschauer gefesselt und mental angeregt wird.

Lindholm erforscht in seinen Filmen Grauzonen, ethische und moralische Dilemma, die zwei Seiten einer Medaille; so ist „A War“ nicht nur in seiner Handlung zweigeteilt, die gesamte erste Hälfte lässt uns zwischen Afghanistan und Dänemark hin und herspringen. In Afghanistan versucht Kommandant Pedersen (der faszinierende Lindholm Stammgast Pilou Asbæk) seinen Männern ein guter Truppenleiter zu sein, sie zu sichern, ohne das eigentliche Ziel dieser Mission aus den Augen zu verlieren, nämlich die Zivilbevölkerung Afghanistans zu beschützen. Pedersen muss regelmäßig schnell und klar schwierige Entscheidungen treffen, die über Menschenleben entscheiden. Und am Abend, nachdem einer seiner Mannen durch eine Tretmine ums Leben kam, ruft Pedersen daheim in Dänemark an, wo seine Frau zunehmend ausgezerrt davon ist, die drei vom Vater getrennten Kinder vor psychologischen Traumata zu bewahren. Tuva Novotny hat eine ähnlich ausdrucksstarke Präsenz wie Asbæk, doch lange Zeit wirken die Wechsel nach Dänemark wie Klischees und simple Emotionalisierung, die dem sonst so radikal nüchternen Film nicht besonders gut zu Gesicht stehen. Doch nach einem Zwischenfall verkürzt sich Pedersens Dienst in Afghanistan und aus einem Kriegsdrama wird ein Justizthriller.

Regisseur Lindholm schrieb zusammen mit Thomas Vinterberg "Die Jagd" mit Mads Mikkelsen.


Lindholm nimmt Elemente des militärisch geprägten US-Genrekinos und rückt sie in ein neues, vermeintlich realistischeres und zweifellos ambivalenteres Licht. Was heißt Gerechtigkeit im Krieg? Was ist die richtige Tat im Krieg? Und wie kann ein Rechtsstaat auf eine Kriegssituation reagieren? So wird der vermeintlich simple Titel zu einer komplexen Beschreibung. Worte können dem moralisch widersprüchlichen Chaos namens Krieg nicht gerecht werden; Krieg wird zu einer eigenen Dimension. Lindholm gibt uns alle Fakten, lässt am Hergang des Vorfalls keinen Zweifel zu, und lässt uns dann zusehen, wie dieser Fall von zwei Seiten diskutiert wird. Lindholm überlässt jedem Zuschauer seine subjektive Gewichtung von Recht und Unrecht; eindeutig ist der Regisseur nur darin, dass das zentrale Problem komplex, problematisch und vielleicht sogar unmöglich zufriedenstellend zu lösen ist. „A War“ ist mehr als ein „Wie würdest du handeln?“ Film, sondern einer, der konkret an den Ursachen des Dilemmas interessiert ist.

Krieg und damit auch „A War“ ist eine Grauzone, eine Paradoxon von einem Problem, an dem man eigentlich nur scheitern kann, dem man sich aber stellen muss, will man sich die Möglichkeit einer Lösung bewahren. So spielt Lindholm mit Gegensätzen, zeigt die allgegenwärtige Gefahr in Afghanistan, das paranoide Misstrauen gegen jede auch nur irgendwie verdächtige Person in einem Kriegsgebiet. Geschickt setzt Lindholm Kinder an völlig verschiedenen Orten dieser Welt in Relation und ergründet auch vorsichtig einen Unterschied im Umgang zwischen Richtig und Falsch zwischen den Geschlechtern. Zwischen Pedersen und einer Übersetzerin, Pedersen und seiner Frau, und schließlich zwischen zwei Anwälten kommen unterschiedliche Sichtweisen zur Sprache. Eindeutig bewertbar ist keine einzige Situation, doch manche Entscheidungen haben größere Folgen als andere. Durch diesen spannenden Umgang mit moralischer Ambivalenz ist Tobias Lindholm ein bemerkenswerter Film gelungen. Die schwammigen statt ambivalenten Heldengeschichten eines „American Sniper“ oder „Lone Survivor“ wirken im Vergleich wenn nicht gefährlich, dann doch zumindest annähernd wertlos.

Fazit:

Komplex, spannend und zum Denken anregend. Tobias Lindholms Kriegsdrama ist eine willkommene Alternative im Kosmos des zeitgenössischen Kriegsfilms.

8 / 10

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