BG Kritik:

Babel


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Babel (US 2006)
Regisseur: Alejandro G. Inarritu
Cast: Brad Pitt, Cate Blanchett, Rinko Kikuchi

Story: Ein marokkanischer Ziegenhirte kauft von einem befreundeten Jäger ein Gewehr, mit dem seine Söhne wilde Tiere schießen sollen. Als sie von einem Hügel aus, in die Gegend schießen, treffen sie die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) in einem Reisebus. Ihr Mann Richard (Brad Pitt) versucht in diesem, ihm fremden und unverständlichen Land, Hilfe für seine schwer verletzte Frau zu bekommen, während die Geschichte weltweit für Aufsehen sorgt. Die Kinder des Ehepaars fahren gerade mit ihrer Haushälterin und deren Neffen (Gael García Bernal) über die Grenze nach Mexiko, bis es Probleme bei der Grenzkontrolle gibt, während auf der anderen Seite der Welt in Japan, ein junges, taubstummes Mädchen nach Aufmerksamkeit sucht, vor allem bei ihrem Vater, der gerade ein Gewehr an einen marokkanischen Jäger verschenkt hat.

Inarritus Rückkehr.

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Zum dritten Mal schickt uns der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu auf eine Episodenhafte und intensive Studienfahrt, menschlicher Tragödien und Schicksalsschläge, in denen kleine Handlung, für einen selbst oder für Andere große Auswirkungen haben und schließt damit den Kreis seiner Themenverwandten Trilogie. Nach der Hundeliebe in „Amores Perros“ und dem Autounfall in „21 Gramm“ zeigt Iñárritu dieses Mal eine weitgreifende Geschichte, metaphorisch verbunden mit der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel, als des Menschen Hochmut gestraft wurde, indem sie einander fortan nicht mehr verstanden.

Es ist Iñárritus umfassendster und auch reifster Film bisher, dessen Geschichte sich von Mexiko über Marokko bis nach Japan ausbreitet und durch Iñárritus gewohnten Stil, zu einer zutiefst menschlichen Studie wird. Die Welt und ihre verschiedenen Gesichter im Jahre 2006. Es ist ein bisweilen deprimierendes und schockierendes Bild, das hier kreiert wird und welches bei all den scheinbar zufälligen Zusammenhängen, dennoch realistisch bleibt. Iñárritu erreicht abermals eine ungeheure Intensität, die förmlich spürbar ist und sehr zum Gewinn des Films beiträgt.

Kameramann Rodrigo Prieto erschafft karge und realistische Bilder, ohne Glanz, teilweise verwackelt, immer mitten im Geschehen und doch mit einer gewissen Schönheit und Poesie. Selbst das moderne Tokio mit seinen Discos und Szene-Bars wirkt zwar moderner, die Bilder sind jedoch ebenso realistisch und rau, wie zuvor. Hier ist der Zuschauer immer sehr nah an den Personen, in extremen Nahaufnahmen fühlt man sich noch stärker mit dem Erlebten verbunden. Dazu kreiert Komponist Gustavo Santaolalla, der 2005 den Oscar für sein Schaffen in „Brokeback Mountain“ erhielt, wunderbare und vielseitige Musik, die nicht nur die Menschen der verschiedenen Länder näher bringt, sondern auch starke Emotionen hervorruft. Es gibt in jeder Episode schneller montierte Szenen, ohne Dialoge, die einen Handlungsstrang überbrücken und Santaolallas zumeist minimalistische, aber immer feinfühlige und ausdrucksstarke Musik verleiht diesen Szenen eine eigene, wunderbare Sprache.

Während ein Mel Gibson versucht, mit toten Sprachen und Hochglanzoptik authentisch zu wirken, lässt Iñárritu seine Filme einfach originalgetreu, besetzt marokkanische Bauern mit marokkanischen Bauern ohne Filmerfahrung, lässt sie in ihrer Muttersprache sprechen und stellt ihnen Hollywoodstars daneben. Diese Authentizität ist unglaublich dicht und kommt dem Film jederzeit zu Gute, um sein radikales und harsches Statement vorzutragen. Iñárritu schafft es dabei, drei hochkomplexe Geschichten nicht nur geschickt zu verbinden, sondern auch jeder ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Die drei Schauplätze, wobei die Marokko-Episode in sich zusätzlich zweigeteilt ist, werden zwar chronologisch aber scheinbar ohne roten Faden abwechselnd gezeigt, wie es auch in Iñárritus vorherigen Filmen der Fall war. Dadurch, dass die verschiedenen Szenerien zeitversetzt sind, sie aber hin und her wechseln, entsteht ein eigenartiges, selbstständiges Bewusstsein im Film, als wir am Telefon erfahren, wie es um Susan steht, während wir erst eine Stunde später sehen, wie es tatsächlich passiert. Die Wechsel in den Episoden sind stark kontrastreich. Aus der marokkanischen Wüste wird in das teure Wohnzimmer des amerikanischen Ehepaars geblendet, ehe wir uns in einer japanischen Sporthalle wiederfinden und aus einer grellen Bar in Tokio, kommen wir zu einer mexikanischen Hütte, wo gerade ein Huhn seinen Kopf verliert.

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Die marokkanische Episode steht im schicksalhaften Spiel, menschlicher Entscheidungen und Handlungen, im Zentrum, nimmt jedoch nicht die meiste Laufzeit ein. In Marokko sind nicht nur die bekannten Gesichter der Hollywooddarsteller, hier laufen auch die roten Fäden zusammen und spinnen sich weiter. Japan – das Gewehr – Susan – die Kinder – Mexiko. Der Beginn ist karg und rau, zeigt uns die steinige Wüste und die Familie des Ziegenhirten. Einfühlsam und realistisch wirft man einen Blick ins Familienleben, in Gesten, Blicke und Rituale, bis sich ein Sohn, als erstaunlich treffsicher herausstellt. Brad Pitt und Cate Blanchett zeigen ein glaubwürdiges Ehepaar mit dramatischer, junger Vergangenheit. Gerade Brad Pitt macht den Eindruck, als spiele er gegen die ganze Welt an. Nie zuvor sah der ehemalige Sexiest Man Alive so nahbar, so alt und so verletzlich aus wie hier. Ergraut, faltig und verzweifelt kämpft er um Rettung für seine Frau und gegen die Probleme, die es zwischen ihnen zur Zeit gibt. Wenn das keinen Oscar wert ist, was dann? Cate Blanchett hat dagegen wenig zu tun, doch ihre Präsenz, ihre Blicke und ihr Auftreten zeigen, warum man eine große Charaktermimin für diese Rolle brauchte.

In San Diego setzt sich der mexikanische Jungstar Gael García Bernal ans Steuer, um seine Tante und die Beiden Kinder, darunter Dakota Fannings kleine und sehr talentierte Schwester Elle, nach Mexiko, zur Hochzeit ihres Sohnes zu bringen. Hier ist die Stimmung zunächst ausgelassen. Es wird gelacht und gefeiert, getanzt und sich umarmt und Alles wirkt glaubwürdig und greifbar, bis ein mulmiges Gefühl aufkommt, ehe Iñárritu wieder das Schicksal zuschlagen lässt. Alle drei Episoden haben ihre dramatischen Szenen, aber in Mexiko hält man zwischenzeitlich die Luft an und starrt gebannt auf die Tragödie, die man dort kommen sieht, schüttelt später dann fassungslos den Kopf. Das für Iñárritu untypische Element Suspense nimmt hier Gestalt an, wo sonst intensive Gebanntheit und eine von unguten Vorzeichen zersetzte Spannung und Erwartungshaltung vorherrscht. Der infernalische letzte Akt, der in grandiosen Bildern aus Wut, Schmerz, Blut und Sex mündet, ist gekonnt montiert und birgt (neben einer zweiten unnötigen Pornographieszene) im Zentrum zwei Darsteller, die sich bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus einem von Trier hingeben, der diesen angeblich wichtigsten Film seiner Karriere, seine Selbsttherapie, mit der gewohnten Mischung aus Arroganz, Selbstbewusstsein und bewundernswertem Können zu Ende bringt. Besonders Charlotte Gainsbourg ist so intensiv und selbstzerfleischend, dass der Schmerz spürbar wird. Eine erschütternde und mutige Darstellung, die alles offenbart, nicht nur Äußerlichkeiten, wie in der ebenfalls real erscheinenden Masturbationsszene.

Die Japan-Episode ist dagegen schwer zu fassen, steht sie doch etwas außerhalb dieser filmischen Welt, sowohl inhaltlich, als auch optisch und kulturell. Zudem bringt die japanische Darstellerin Rinko Kikuchi in bemerkenswerter Manier, eine außerordentlich schwierige Persönlichkeit auf die Leinwand. Die taubstumme Chieko lässt sich durchs kulturell zweigespaltene Tokio treiben, entblößt sich öffentlich und betritt Extacygeschwängert eine grelle Disco, die sie und teilweise auch der Zuschauer, völlig geräuschlos empfinden muss. In hektischen Stroboskopblitzen taumelt sie zwischen den Menschen umher, denen sie zu gerne sagen würde, wie und vor allem was sie fühlt. In ihrem rasanten und oftmals unbedachten Drang nach Aufmerksamkeit, steht ihr Vater, nach dem traumatischen Selbstmord ihrer Mutter, im Mittelpunkt, den sie aber nur schwer erreichen kann.

Iñárritu entwirft ein extrem intensives, unglaublich emotionales und realistisches Szenario von Menschen, deren Wege sich kreuzen und dadurch verändern. Dabei zeigt der Regisseur so viel mehr, als das Kommunikations- und auch Verständnisproblem der modernen Welt, sondern auch politische Zustände, amerikanische Politik und die strenge Bürokratie, Vorurteile gegen ärmere Länder und fremde Kulturen, Hass, Terrorangst und Gewalt, Liebe und Familie in verschiedenen Kulturen, weltliche Schicksale und globaler Schmerz. Die Welt 2006. Ein radikales und deprimierendes, aber kein hoffnungsloses Bild, das dieser Regisseur, der wohl zu den interessantesten unserer Zeit gehört, erschafft.

Fazit:

Etwas menschlicheres und vielseitigeres sah man in letzter Zeit kaum im Kino. Eine aufregende, emotionale, aufwühlende und auch anstrengende Reise um die Welt. Unglaublich engagierte Darsteller, eine ausdrucksstarke Bildsprache und wunderbare Musik, machen ein fantastisches, vielschichtiges und intelligentes Drehbuch zu einem außergewöhnlichen Film. Wer Iñárritus Vorgänger mochte, wird an diesem Film nicht vorbei kommen, Neueinsteiger sollten unbehaglichen, realistischen und unamerikanischen Dramen nicht abgeneigt sein, um einen grandiosen Film genießen zu können. Eine Erfahrung.

9 / 10

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