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Kritik:
Barney's Version


von Christian Westhus

BARNEY'S VERSION (2010/11)
Regie: Richard J. Lewis
Cast: Paul Giamatti, Rosamund Pike, Dustin Hoffman

Story:
Basierend auf dem Roman von Mordecai Richler, erzählt „Barney’s Version“ die Lebensgeschichte von Barney Panofsky, einem jüdischen, großmäuligen, unvernünftigen und dickköpfigen Schriftsteller und TV-Macher, der sich in seiner dritten Ehe befindet, für den Mörder seines besten Freundes gehalten wird und alternd sein abwechslungsreiches Leben Revue passieren lässt.

Kritik:
Ein voll ausgelebtes Leben in Spielfilmlänge, denn wie das Leben so spielt, kommt mit dem Alter die Weisheit und mit der Weisheit die Ernüchterung. In seinem Roman „Barney’s Version“ entwirft Autor Mordecai Richler die Autobiographie des fiktiven Schriftstellers Barney Panofsky. Es ist ein Rückblick, eine Apologie auf ein rauschhaftes, bisweilen zügelloses Leben mit drei Ehefrauen und einem toten besten Freund. Es ist ganz allein Barneys Sicht der Dinge, Barneys Version von Barneys Leben. Doch was in schriftlicher Form dank einer klaren Perspektive des unzuverlässigen Erzählers funktioniert, gestaltet sich in Filmform deutlich schwieriger. Die Subjektivität, der sich auch der Film durch die Übernahme des Titels verschreibt, wird selten wirklich spürbar. Selten gibt es wirkliche Auslöser, warum Barney sich erinnert. So sind es eher Flashbacks parallel zu einer voranschreitenden Gegenwartshandlung, die man zwar Barney zuordnen kann, an deren Ablauf aber keinerlei Zweifel bestehen. Der bärtige Mr. Panofsky erinnert sich in unregelmäßigen Abständen einfach, ohne dass ein klarer Ausgangspunkt, ein Startpunkt des Erinnerungsprozesses markiert wird. Für die Mordgeschichte um Kumpel Boogie will er sich nicht rechtfertigen und den Rest teilt er uns einfach mal mit, weil ihm gerade der Sinn danach steht. Doch weder hat den guten Barney jemand gefragt, wie das denn mit Boogie oder den drei Ehen war, noch wird das aktive Erinnern (beispielsweise durch die Folgen des Alters) groß zum Thema gemacht. 

Das ist schade, geht der abwechslungsreichen, zwischen bissigem Humor und großen Emotionen pendelnden Lebensgeschichte doch ein wichtiger und faszinierender Faktor verloren. Aber statt sich um rezeptionsspezifische „Kleinigkeiten“ wie Perspektive und Erzählposition zu kümmern, ist das Script viel zu sehr damit beschäftigt, Panofskys reichhaltiges Leben in gut 140 Minuten Film unterzubringen. Drehbuch und Regie sehen sich einer Übermacht an Themen und Figuren ausgeliefert und was im Buch funktionierte, muss nicht automatisch verkürzt auch in Filmform funktionieren. Der Film lässt alles vor der ersten Ehe größtenteils oder vollständig aus, klappert eher wahllos seine Themen ab, obwohl schnell klar ist, dass es eigentlich nur um Barneys dritte Ehe mit Miriam (Rosamund Pike) geht. Doch mit Ehe #1 und #2, den Künstlerfreunden, dem vermeintlichen Mord an Boogie, Dustin Hoffman (kauzig) als Witwer und Vater, die schwierige Beziehung zu den Kindern, die zunehmenden Probleme in Ehe #3 und schließlich auch noch mit einer schweren Krankheit, ist der Film eindeutig überladen, um nicht zu sagen bis zum Rand gefüllt, wie es Barney nach feuchtfröhlichen Abenden in Bars und sonstigen Kaschemmen auch häufig ist. Das meiste davon funktioniert so im Ansatz, wird jedoch zu selten wirklich Gegenstand genauerer Auseinandersetzungen. Wir beobachten nur Fragmente aus Barneys sonstigem Leben, neben der Ehe mit Miriam, die im Zentrum steht. Vieles wird dabei gar nicht oder nur halbherzig aufgelöst, schwirrt manchmal nur so nebenbei mit, macht für längere Zeit Pause, um dann kurz vor Schluss noch ganz schnell abgefertigt zu werden. So ist nun mal das Leben, könnte man sagen. Aber ein Leben passt schon kaum in einen 400-seitigen Roman, wie dann in einen normalen Spielfilm?

Umso erfreulicher, dass Barney Panofsky und sein turbulentes, von spontanen Entscheidungen und Stimmungsschwankungen dominiertes Leben, dennoch unendlich faszinierend sind. „Barney’s Version“ punktet mit gekonnt dramatisierter Authentizität und Lebensnähe, die emotional alles bietet, wie es auch das Leben bietet. Und der ewig sympathische Paul Giamatti trägt maßgeblichen Anteil daran, hat er mit diesem Film doch vielleicht den Film seiner Karriere gefunden, in dem er seinen Typus des sympathisch-schluffigen Zynikers in idealer Form zum Besten geben kann. Mehr noch als im gelungenen „Sideways“, reißt Giamatti diesen Film an sich und mit ihm die Figur des Barney Panofsky, in allen Facetten. Ganz besonders er macht es mit trockenen Sprüchen, satirischen Spitzen und dieser unverschämt sympathischen Dreistigkeit vergessen, dass man Ehefrau Nummer 1, Rachelle Lefevre, in ihrer tonnenschweren Dramatik kaum fassen kann. Giamatti gelingt es, die klischeehaft überzeichnete und von Minnie Driver in gekonnter Übertreibung verkörperte Ehefrau Nummer 2, auszubremsen, zu erden und nachvollziehbar zu machen. Die gesamte Mordgeschichte, mit dem Cop, der angeblich der großen Verschwörung auf die Spur kommt, ist nur Außenwirkung, nur dramatisches Konstrukt, um die Fallhöhe für Barney zu erhöhen. Viel entscheidender war doch das absolut gelungene Freundschaftsgefüge mit Buddy Boogie Scott Speedman, dem Barney in einer wunderbar emotionalen Hassliebe verbunden ist. 

Doch letztendlich hängt Barney nur an Miriam. Die Hochzeit mit Minnie Driver, in ihrer gesamten überkandidelt jüdischen Absurdität, dient doch letztendlich nur, den einen Moment zu zelebrieren, in dem Barney auf die Liebe seines Lebens trifft. Es ist absolutes Sinnbild des großartigen Stimmungsgefüges des Films, der Galgenhumor, die Romantik und die dramatische Bitterkeit, wenn Barney auf seiner Hochzeit erstmals von großen Liebesgefühlen spricht, die nicht das aussagen, was die Umstehenden zu glauben meinen. Und in Rosamund Pike hat man eh eine ideale Darstellerin gefunden, diese Frau aller Frauen in Barneys Leben zu verkörpern. Auch mit dunklen Haaren (und wohl kanadisch-amerikanischem Akzent in der Originalfassung) ist die talentierte Engländerin (es wird Zeit für eine gute Hauptrolle) Herz und Seele der Haupthandlung, neben dem ungestümen Polterer Barney, der mit voller Kraft trotzig durch die Wand rennt, um sie zu erobern. Was folgt ist ein herzzerreißender, emotionaler, mal witziger, mal dramatischer Lebensbilderbogen, mit Szenen vom Besten und vom Traurigsten, was eine Beziehung durchmachen kann. Barneys Job, die Kinder, der aufdringliche Nachbar oder die herrlich komischen Cameos von kanadischen Regiegrößen – all das ist nur Beiwerk, wenn Giamatti und Pike ihre Figuren mit viel Wärme und großer Authentizität zu Leben erwecken. Schmerz und Enttäuschung treffen auf große Romantik, auf Sarkasmus und tiefe Depression. So ist das Leben oder so kann es zumindest für jemanden wie Barney sein. Dass der dazugehörige Film uns trotz erzählerischer Macken so sehr erreichen kann, zeigt doch nur, dass Regeln manchmal überbewertet sind.

Fazit:
Die schonungslos subjektive Lebensbeichte, wie es Vorlage und Titel vorgeben, verspielt der Film durch eine ungenaue Erzählweise. Doch insbesondere durch zwei tolle Hauptdarsteller, Rosamund Pike und der großartige Paul Giamatti, wird aus „Barney’s Version“ ein emotionaler Lebensbilderbogen, der in Höhen und Tiefen alles bietet, durchweg gefangen nimmt und authentisch wirkt.

7 / 10

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