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Kritik:
Before Midnight


von Christian Mester

BEFORE MIDNIGHT
(2013)
Regisseur: Richard Linklater
Cast: Julie Delpy, Ethan Hawke

Story:
18 Jahre nach ihrer unvergesslichen Nacht im Herzen Wiens und 9 Jahre nach ihrem schicksals-haftem Wiedersehen in Paris blicken Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) auf ein relativ gewöhnliches Familienleben. Zusammen haben sie zwei Töchter und gastieren zur Zeit in Griechenland, wo Autor Jesse Ideen für ein neues Buch sammeln will, während Celine sorgsam überlegt, ob sie ihren Job wechseln sollte. Schwer fällt ihnen ein gemeinsamer Konflikt: Jesse will wieder zurück in die USA um seinen dort lebenden Sohn aus erster Ehe öfter sehen zu können - Celine aber will nicht mit ihm gehen...

(enthält Spoiler zu Before Sunrise und Before Sunset)

Kritik:

"Before Sunrise" aus dem Jahr 1994 ist ein Film, den wohl viele Arthouse schimpfen würden: da begleitet man zwei junge, unbesondere Leute, die sich zufällig im Zug kennengelernt haben und aus einem Gefühl heraus beschließen, die nächsten Stunden gemeinsam in den Straßen Wiens zu verbringen. Und das tun sie dann auch, durch die Nacht schlendernd, endlos Dialoge haltend über alles und die Welt, teilweise in fast 10 Minuten langen Einstellungen. Kitschfern, ohne fantasievolle Szenarien oder unterhaltsame Hals-über-Kopf-Abenteuer, wie sie oft in Filmen vorkommen, damit was los ist - hier war es nicht nötig. Liebe ist dabei so sehr im Spiel, dass es spürbar unentwegt warm wird, doch der Film ist fernab von klassischer Romanze. Selbst ein "Nick und Norah - Soundtrack einer Nacht" ist im direkten Vergleich ein "Hangover": laut, poppig, unreal. Sunrise gab sich demnach als außergewöhnlich authentisch, faszinierte mit lustigen, rührenden und nachdenklich stimmenden Gesprächen und schmerzte herzlich, als sich Jesse und Celine gegen Filmende voneinander trennten. Wenn auch in der Versprechung, dass man sich sechs Monate später wieder sehen würde. Der Funke blieb, wahrlich ein schöner.

"Before Sunset" setzte die Geschichte 9 Jahre später fort, und das in perfekter Konsequenz. Von dem einen Tag ewig besessen, schrieb Jesse einen Roman über ihr Treffen, das ihn berühmt machte - und viel wichtiger: das sie nun wieder zu ihm zurückbrachte. Der zweite Film hatte unweigerlich weniger Magie als er erste, war das Ende dieses Mal doch absehbar und lag aufgrund des höheren Alters und der bereits einmal verpassten Chance weniger Aufregung in der Luft, doch dafür überzeugte er als logische Fortführung, als reiferes Kapitel beider, die auf eine verdiente Zukunft zuschlenderten - und uns dabei erneut wundervoll vor Augen führte, wie erfüllend, kompliziert, frustrierend aber faszinierend Liebe und Leben oft sind oder sein können.

Der dritte Teil "Before Midnight" spielt nun wieder 9 Jahre später und dürfte im Vorfeld das schwierigste Blatt haben. Celine und Jesse sind nun also die letzten Jahre ein Paar gewesen; der unausweichliche drohende Aufhänger vermutlich? Eine mögliche Trennung. Hat man sich etwas auseinandergelebt, hat man sich noch etwas zu sagen, sind beide noch die gleichen, die sich vor fast 20 Jahren im Zug ineinander verliebten?

Wie schon der zweite führt auch der dritte die Charaktere glaubhaft und nachvollziehbar fort. Es sind noch immer die gleichen Persönlichkeiten wie zuvor, mittlerweile aber erfahrener, belastet durch Verantwortungen, durch eine häusliche Bindung. Keine Zeit mehr, rastlos durch die Welt zu reisen und im romantischen Auslandgras liegend über "was wäre wenn" Situationen zu spinnen. Sie kennen all ihre Geschichten, Anspannung ergibt sich nunmehr nicht mehr durch atemlose Aufgeregtheit, sondern eher durch Frust, unausgesprochene Probleme. Sie haben ihren Alltag, diesen zu akzeptieren und keine Magie mehr darin, nicht zu wissen, wen sie suchen werden, wo sie bleiben werden, was sie einmal machen wollen.

Ja, Linklater schlägt dieses Mal unangenehmere Töne an als in den fluffigeren ersten beiden Teilen, aber das heißt keineswegs, dass der Film ein Downer wäre - aber halt auch nicht, dass er in irgendeiner Form versuche, das Gefühl der ersten beiden Teile zu imitieren. Was er wiederholt, sind sensationell ehrlich wirkende, intelligente Dialoge. Bewegende Momente, nachdenkliche Momente, amüsante Momente zu haben und sie immer wieder überraschend ineinander übergehen zu lassen. Zuweilen hat der Film gar einiges von Roman Polanskis ebenfalls konfliktreichen, sprachgewaltigen Der Gott des Gemetzels, wird aber nie so cartoonhaft, bleibt sacht und echt, ernster. Die Beständigkeit, mit der das Trio die Geschichte fortführt, ist beeindruckend, und vielmehr noch, dass Delpy und Hawke diese Rollen weiterhin so real spielen, dass man für keine Sekunde daran denken mag die Beziehung sei nur fiktiv.

Über die Details der Handlung erfährt man besser so wenig wie möglich, aber man darf wissen, dass es erneut eine ergreifende, echt wirkende und faszinierende Untersuchung von Beziehungen ist, die natürliche Sorgen, Ängste und Unsicherheiten perfekt versteht und diese ebenso eloquent wie realitätsnah in bewegende Gesprächen unterzubringen vermag, wenn auch dieses Mal unweigerlich erwachsener, mit einem größeren Sprung vom Vorgänger davon als zuvor. Was passiert, ergibt Sinn, ist nachvollziehbar und gänzlich erwachsen. Doch auch wenn Jesse und Celine fast 20 Jahre älter sein mögen, hat er immer noch das verschmitzte Lächeln, sie noch immer ihr engelsgleiches Strahlen, beide ihre Ellbogen und beide noch ihre Unsicherheiten, beide harmonieren nach wie vor fesselnd miteinander - ob sie am Ende dann noch zusammen sein mögen oder nicht, erscheint gar nicht mal so wichtig. Jeder der Filme zeigt einen entscheidungsträchtigen, wichtigen Tag in der Persönlichkeitsbildung beider, und Before Midnight führt dies fair und verständlich fort, ohne auf das zu hören, was Liebhaber der Filme sich vielleicht wünschen mögen. In Sachen Regie gibt es einen weiteren angenehmen, malerischen Trip durch ein europäisches Paradies, hier: das sonnige Griechenland, eingefangen in Bildern und einer Atmosphäre, die Urlaubsgelüste wecken. Sollte man die ersten beiden Teile gesehen haben, um sich an "Before Midnight" laben zu können? Es ist nicht von Nöten, aber das Erlebnis ist mit Sicherheit noch interessanter, kennt man im Vorfeld Jesses und Celines gemeinsame Vergangenheit.

Fazit:
Linklater, Delpy und Hawke haben es erneut vollbracht: auch der dritte dialogintensive "Before"
ist ein wundervoll authentischer Blick auf die Komplexität, Schwierigkeit und Erfüllung von Beziehungen, liebevoll gespielt, bewegend, amüsant, bwegend und dabei in allem überaus authentisch. Vielleicht der inhaltlich gewagteste aller "Befores", möglicherweise das entsprechende ältere Pendant zum naiv-verträumten ersten, wahrscheinlich einer der besten Filme des Jahres.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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