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Kommentar:
Before Sunrise/Sunset/Midnight


von Christian Westhus

BEFORE SUNRISE
(1995)
BEFORE SUNSET (2004)
BEFORE MIDNIGHT (2013)

Regie: Richard Linklater
Cast: Ethan Hawke, Julie Delpy

Wien - Paris - Griechenland: Begegnungen 
(Mit Spoilern für alle drei Filme.)
Warum wir Filme schauen lässt sich in gewisser Weise auf zwei Gründe eingrenzen. Wir wollen uns von der Realität ablenken, aus ihr (in neue Welten) flüchten, oder wir wollen etwas über die Realität lernen, uns ganz bewusst mit den präsentierten Figuren und Geschichten auseinandersetzen. Nicht zuletzt der Film, als zunehmend populäre Massenkultur, sorgte für die immer strenger werdende Trennung von Zerstreuung und geistiger Anregung. Dabei eignen sich Geschichten – und wir erzählen uns seit Jahrtausenden Geschichten – in ihren verschiedenen Präsentationsformen doch so gut, um auf unterhaltsame Art Wissen zu vermitteln. Insbesondere die europäische Philosophie war seit ihren antiken Ursprüngen speziell für gebildete Bevölkerungsschichten entwickelt. Von der Grundfähigkeit des Lesens ganz zu schweigen. Die Verarbeitung von Philosophie in einen dramatischen Handlungskontext, durch verbale Überlieferungen und mehr noch durch figürliche Darstellungen, ermöglicht es – mit einem modernen Wort gesprochen – eine breiter gefächerte Zielgruppe zu erreichen. Sehen wir das Medium Film als Weiterentwicklung des Theaters, als ein wie auch immer abstraktes Vorspielen wie auch immer konstruierter Geschichten, landen wir zwangsläufig bei den ‚alten Griechen‘. Genau dort landen nun auch Jesse und Celine. 

1994 (1995 erschien „Before Sunrise“) trafen sich der spontan herumstreunende Amerikaner und die feministisch selbstbewusste Französin in Wien, verbrachten einen Nachmittag und Nacht, die ihr Leben nachhaltig verändern sollten. Mit „Before Midnight“ sehen wir nun zum dritten Mal einen Ausschnitt aus dem Leben von Celine und Jesse, wieder beschränkt auf nur ein paar Stunden eines einzigen Tages. In Zahlen haben wir in drei Filmen mit insgesamt rund viereinhalb Stunden Laufzeit grob geschätzt kaum mehr als 30 Stunden aus dem Leben der beiden gesehen, aufgeteilt auf drei Tage und in einer Spanne von knapp 20 Jahren im Leben der Figuren. Und doch sind uns Celine und Jesse als langjährige Vertraute bekannt, als tatsächlich lebendige Figuren, über die wir weitaus mehr wissen, als über manch lose Bekannte. Obwohl wir nur an stark verkürzten Momenten teilgenommen haben ist es, als hätten wir über Jahre hinweg direkt an der Beziehungsfreud und am Beziehungsleid der beiden teilgenommen. Nicht mal Francois Truffauts Alter Ego, der ewig suchende Antoine Doinel, den wir in vier Spielfilmen und einem Kurzfilm vom Kind bis zum Mann mittleren Alters begleitet haben, war uns je so präsent. So vielschichtig sind die fast nur aus Dialogen bestehenden Fragmente aus dem Leben von Celine und Jesse. So sehr sind Julie Delpy und Ethan Hawke mit den beiden verschmolzen, die seit „Sunset“, dem zweiten Teil, als Co-Autoren geführt werden.

Chef ist dennoch Richard Linklater, ein Amerikaner, der in seiner Karriere häufiger zwischen Kunst und Kommerz schwankte oder beides gleichzeitig versuchte. Die „Before“ Reihe ist wahrscheinlich das zentrale Werk in Linklaters Karriere. Er versteht es, verschiedene Variationen des Geschichtenerzählens zu kombinieren und die Funktion von Spiel und Erzählung zu demonstrieren. Die „Before“ Filme bestehen fast ausschließlich aus Dialogen. Insbesondere der annähernd in Echtzeit ablaufende „Sunset“ kommt bis auf das viel sagende Gitarrenspiel am Ende fast ohne wirkliche Handlung aus. Celine und Jesse sehen sich nach neun Jahren erstmalig wieder und streunen durch Paris, bis sie zum Abschied für Tee und Musik kurz in Celines Wohnung Halt machen. Die Dialoge, die selten belangloser Smalltalk sind, häufig humorvoll, noch häufiger aber intellektuell und ernsthaft diskutierend, beleben das Miteinander der zur Liebe bestimmten Protagonisten. 

Es gibt keine Flashbacks und doch erweitert Linklater insbesondere über die Script-Ebene das Spektrum, durch das er uns am Leben von Celine und Jesse teilhaben lässt. Im simpelsten Fall lässt er die Personen einfach von sich erzählen, einen Schwank aus der Jugend, aus der jüngeren Vergangenheit, was sie so machen und was sie gerade so antreibt. Häufiger aber kommt es zu kleinen Spielchen. Zum Beispiel die ersten, mal mehr mal weniger intimen Fragen, die Celine und Jesse sich in Wien in der Tram stellen, nur Minuten, nachdem er sie dazu überredete, ihm – einem Fremden – durch die Stadt zu folgen. In einer Wiener Kneipe rufen beide den jeweiligen besten Freund an, den abwechselnd der jeweils andere spielt. In „Sunset“ werden ein Roman und ein Musikstück zum Ausdrucks- und Kompensationsmedium realer Begebenheiten, wird spekuliert, was wäre, würde die Welt am nächsten Tag untergehen. Und nun in „Midnight“ spielt Celine für ihren geliebten amerikanischen Vollmacho und Erfolgsautor das naive blonde Dummchen, während Jesse den Zeitreisenden gibt, der die bedrückte Celine aus der Zukunft daran erinnert, welches Glück sie heute doch schon hat. Spielformen der Kommunikation, des kreativen Ausdrucks, die mehr Funktion haben, als nur witzig zu sein. 

Diese Spielereien haben auf der Inhaltsebene und auf der Filmebene Bedeutung. Celine und Jesse verarbeiten für sich die Situation. Wenn sie einander in Wien zum angerufenen besten Freund machen und von der Begegnung miteinander sprechen, haben beide im humorvollen Zwiegespräch die Gelegenheit offen zu sein, das Innere heraus zu lassen, vielleicht mit einer Frage nachzubohren, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Sie können unter dem Deckmantel des Spiels über den nicht unbedingt immer positiven ersten Eindruck voneinander reden, über die Erwartungen an den restlichen Abend, mit der Auffangnetzsicherheit eines fiktiven Telefonspiels. Und für den Zuschauer verdichtet sich diese Flut aus mitgeteilten Informationen, aus Anekdoten, aus geäußerter Lebensphilosophie und Vergangenheitsschilderung zu einem zunehmend konkreteren Bild zweier Personen, die bald mehr sind als Filmcharaktere. Linklater, Hawke und Delpy sind nicht einfach nur an Romantik interessiert. Celine und Jesse sind nicht einfach nur ein Paar, das nach Film-Logik füreinander bestimmt scheint. Celine und Jesse sind nicht nur lebendige Figuren, sondern komplex und schwierig. Die konkrete und vielschichtige Auseinandersetzung auch mit den unangenehmen Seiten einer Beziehung, was es heißt, sich zu einer Person zu bekennen, wie sich Gefühle über die Jahre entwickeln, wo noch Platz für Träume ist und wie unterschiedliche Lebensziele und -ideale aufeinander prallen, macht die „Before“ Filme zu etwas Besonderen. Namen wie Ingmar Bergman oder Woody Allen ins Spiel zu bringen macht hier mehr Sinn, als sie mit sonstigen Beziehungsdramödien des amerikanischen Kinos zu vergleichen. Dass Liebe manchmal weh tut und frustriert, wurde selten deutlicher als in „Midnight“.

Zwischen „Sunrise“ und „Sunset“ lagen neun Jahre, in denen Celine und Jesse sich nicht gesehen haben. Sie hatten sich für ein Wiedersehen verabredet, doch ein Trauerfall in Celines Familie verhinderte dies und da man in Wien jugendlich-freigeistig und romantisch-verklärt ohne wirkliche Informationen vom anderen auseinander ging, verlor man sich aus den Augen. Ehe Jesses Roman, in dem er den Abend in Wien scheinbar recht unverfälscht mit veränderten Namen verarbeitet hat, ihn nach Paris und zu Celine führt. Die Protagonisten und die Zuschauer hatten im Idealfall dasselbe Erlebnis. Wir haben nichts aus dem Miteinander von Celine und Jesse verpasst. Alles, was wir im unabhängigen Leben der beiden verpasst haben, lernen wir durch das Gespräch mit. Wir sind als unsichtbarer Dritter eigentlich komplett auf demselben Level. „Sunset“ ragt in seiner radikalen Reduktion heraus, die Reduktion aufs gesprochene Wort und auf ein konkretes Zeitgefühl. Wir haben Jesses Roman nicht gelesen, aber wir haben „Sunrise“ gesehen, der als konstruierte Schilderung einer Begegnung die Grundlage für Jesses Roman-Adaption und Abstraktion bildet. „Sunset“ befindet sich in einer kontinuierlichen Rückschau. Lücken werden geschlossen, neue Erkenntnisse gewonnen. Und die Figuren haben sich weiter entwickelt. 

Es ist faszinierend zu sehen, wie der Roman zunächst die verbindende Zwischenstation für das eigenartige Wiedersehen ist, wie sich alles um die Zeit zwischen damals und heute dreht, ehe Celine uns eröffnet, was es heißt, sich in einem Roman wieder zu finden. Es spricht Bände, wenn sie am Ende von einer spontanen Liebelei singt, von einer kurzen Liebesaffäre, die inklusive namentlicher Nennung von Jesse natürlich auf den Abend in Wien verweist, ehe Celine verspielt meint, den Namen „Jesse“ könnte sie jederzeit austauschen, wen immer sie gerade beeindrucken wollte. Genau denselben Trick unterstellte Jesse in seiner zuweilen überheblich überkritischen Art damals dem jungen Poeten am Fluss in Wien, der ein spontan genanntes Wort („Milkshake“) in ein Gedicht einbauen sollte. 

Auch „Midnight“ befindet sich in einer permanenten Rückschau, gekoppelt an einen zunehmend verunsicherten Blick auf die Zukunft. Hier haben wir als Zuschauer plötzlich einen Nachteil. Am Ende von „Sunset“ beschloss Jesse den Flieger bewusst zu verpassen, der ihn erneut von Celine weggebracht hätte, wie neun Jahre zuvor in Wien. Die neun Jahre zwischen „Sunset“ und „Midnight“ haben Celine und Jesse gemeinsam verbracht, als Paar in wilder Ehe, inklusive eigenem Nachwuchs. Wenn wir zu Beginn, nachdem Jesse seinen Sohn aus erster Ehe am Flughafen verabschiedet hat, nach einem Kameraschwenk durchs Auto zwei blond gelockte kleine Zwillingsmädchen auf der Rückbank sehen, ist dies wirkungsvoller als jeder echte Flashback. Und erneut erfahren wir Wesentliches durch Gespräche, durch Berichte und wütende Auseinandersetzungen. Wir sind nicht mehr auf demselben Level und doch ist uns das Entscheidende dieser neun Jahre bald bewusst. Das gelingt durch die Dialoge, aber auch die Anwesenheit der ersten beiden Filme. Wir wissen, wie Celine und Jesse waren, wir wissen was Jesse meint, wenn er sagt, Celine sei die erste Frau gewesen, die er je geliebt hatte. Es ist eine Trilogie, die sich wie kaum eine vergleichbare Filmreihe mit neuen Fortsetzungen stetig bereichert, die in nostalgischer Rückschau und theoretischer Voraussicht einen natürlich wirkenden Beziehungsmikrokosmos kreiert, der so lebensnah und brutal realistisch wirkt, dass wir mitfühlen, als würden sich unsere Freunde vor unseren Augen streiten. Denn während „Sunrise“ und „Sunset“ trotz gelegentlicher Einbrüche einen eher optimistischen Grundton hatten, droht das Glück in „Midnight“ zu zerplatzen.

Schon am Anfang im Auto, in einer mehr als zehnminütigen Sequenzen in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt, pendelt der Film gekonnt zwischen humorvoll-vertrautem Beziehungsalltag und plötzlicher Eskalation. Und dieses Spiel wird durchgezogen. Regisseur Linklater überwuchert den Film mit Symbolen der Vergänglichkeit. Wir befinden uns immerhin in Griechenland und damit wird nicht nur auf die medialen und narrativen Hintergründe und Ursprünge verwiesen, sondern auch auf das Ende der antiken Hochkultur. Das alte Griechenland besteht nur noch aus Ruinen, zu denen Celine salopp sagt „Kennst du eine, kennst du alle.“ Die kläglichen Reste des griechischen Glanzes, eines Landes, das heute das Sorgenkind Europas ist, was der Film nicht in den Vordergrund stellt, aber dennoch anspricht. Die Geschichten der Antike sind nur noch Mythen, die Romancier Jesse zwar reizen, den meisten Menschen der modernen Welt aber zu abstrakt und zu weit weg erscheinen. Alles endet irgendwann, alles geht vorbei. Die Töchter verpassen den Ausflug zur Ruine, weil es zu spät ist. Der Tee im Hotelzimmer wird kalt. In der vielleicht erstaunlichsten Szene des Films beobachten Celine und Jesse mit einem leichten Lächeln den Sonnenuntergang in einer malerischen Naturkulisse, das romantische Klischee schlechthin, sitzen am Ende aber mit hängenden Köpfen da. „Noch da. Noch da. Noch da. Weg.“ 

Beim Gespräch am Essenstisch spricht eine ältere Frau, geschickt gerahmt von Celine und Jesse, vom Verlust eines geliebten Menschen. Und das liebestoll vor Lust strotzende Paar der kaum Erwachsenen erzählt, im verklärt unromantischen Ton ihrer Generation, dass ihnen klar ist, dass sie nicht für immer zusammen bleiben werden. Sie sind die neue Generation. Als Celine und Jesse sich in Wien trafen, waren sie noch kaum auf der Welt. Heute reden die mindestens drei Generation am Tisch von Facebook, Handys, vom ständigen Skypen, das Menschen auf der Welt verbindet und auch Celine und Jesse verbunden hätte, wäre die Technik damals vorhanden. Was ist der Mensch, was ist das Ich in der modernen Welt, fragt Jesse im intellektuellen Überschwang und regt damit seinen Geschlechtsgenossen an, über die Entpersonalisierung von Sex zu phantasieren, während Feministin Celine die Herren der Schöpfung auf den Boden der Tatsachen zurückholt und erklärt, warum sie und Jesse in Wien damals so auffällig schlechte Flipper-Spieler waren. Was ist das Ich in einer Partnerschaft?

Im Auto, am Tisch und auf dem Weg zum Hotel werden die thematischen und persönlichen Grundpfeiler gesetzt für das, was im Hotelzimmer folgt. Der große Sturm, der immer wieder auf die Rolle von Jesses Sohn aus erster Ehe verweist, aber natürlich nicht so einfach zu erklären ist. Und so sehr wir unseren Freunden Celine und Jesse das Glück gönnen, ihnen wünschen, dass sie ihre Probleme klären und eine Lösung finden, spielt der Ausgang für „Before Midnight“ als Film keine Rolle. Als Aufruf zur eigenen Auseinandersetzung, als Vorspielen und Durchexerzieren von Druck des Individuums in einer Beziehung, hat der Filme seine Schuldigkeit mehr als getan. Die Entscheidung, ob Jesses Angebot der wahren Liebe angenommen wird, ob er sich mit der schwierigen Situation mit seinem Sohn arrangieren kann, ob Celine ihren feministischen Wunsch nach Freiheit und Anerkennung mit Jesse und ihren Töchtern vereinbaren kann, dient hauptsächlich unserem emotionalen Empfindungszentrum und unserem Bedürfnis nach Klarheit. Endgültig ist das irgendwie offene, aber irgendwie auch final wirkende Schlussbild des Films eh nicht. Celine und Jesse werden noch weitere bedeutungsvolle Tage erleben. Und doch scheint „Before Midnight“ der passende Abschluss zu sein und ein würdiger Abschluss noch dazu. 

Die „Before“ Filme sind eine meisterhafte Demonstration dessen, was Filme im günstigsten Fall bewirken können, was sie bei uns auslösen können. Das Leben, gefiltert und abstrahiert als dramatisiertes Spiel.

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