BG Kritik:

Berlin Syndrom


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Berlin Syndrome (Aus 2017)
Regisseur: Cate Shortland
Cast: Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading, Elmira Bahrami, Christoph Franken

Clare (Teresa Palmer) kommt als Fotografin nach Berlin um laut eigener Aussage noch etwas von der bekannten und begehrten Lebenserfahrung zu sammeln. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt lernt sie den charmanten Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen. Was wie eine roamntische Liaison beginnt, entpuppt sich schließlich für Claire als eine scheinbare ausweglose Gefangennahme mitten in Berlin.

Wenn der Geliebte zum Kidnapper wird. Das Stockholm-Syndrom mal anders.

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Der Reiz fremder Länder und Orte lädt immer wieder Touristen weltweit zu Besuchen ein. Grafisch überzogen hat aber auch schon Eli Roth mit HOSTEL (2005) gezeigt, dass diese Erkundungen nicht immer ein gutes Ende haben müssen. Das Fremde kann auch gefährlich, gar tödlich sein. Doch was sich bei Roth noch auf Osteuropa bezog und deshalb aus eingeschränkter, westlicher Sicht völlig legitim erscheint, erhält in Cate Shortlands (LORE, 2012) Variation des Themas ihren neuen Reiz. Der Handlungsort Berlin befindet sich nun im eigenen Land und lässt einen ganz anders über die Begebenheiten reflektieren. Ein Horrorfilm mitten in der Hauptstadt?

Diese Genrezuordnung scheint etwas zu simpel für den Film gestrickt zu sein. Durchaus bestehen zwei Drittel des Films aus der Entführer/Entführten-Situation, doch ist Filmemacherin Cate Shortland nicht nur oder nicht zu sehr an den Spannungs- und Horrorelementen dieses Szenarios interessiert. Vielmehr setzt sie ihren Fokus auf die Beziehung zwischen den beiden Figuren. Ihr Verhältnis begann bereits vor der Entführung und wirft somit ein ganz anderes Licht auf die Situation. Leider ist die Kenntnis des Filminhalts beziehungsweise jeglicher Werbemittel relativ deutlich was die Ausrichtung des Films betrifft und so überraschen einen die Wendungen nach der ersten halben Stunde nur wenig. Das Wissen, ohne welches man wohl kaum den Film sehen wird, wirft auch zuvor schon seine Schatten voraus und lässt somit kaum die Möglichkeit in dem Film etwas Anderes zu sehen. Dabei sind es aber gerade diese ersten Momente, von denen der Film später zehren möchte.

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Wie in diesem erzählerischen Aufbau nötig werden nach Erkennen der Situation, für die es im Übrigen genügend Verweise bis dahin gab, die diversen bekannten Etappen einer Entführung durchgespielt. Vom Widerstand zur Resignation. Zeit wird dabei ein dehnbares Mittel, was der Zuschauer wie die Hauptfigur Clare (Teresa Palmer) nach und nach nicht mehr einschätzen kann. Teresa Palmers Figur bleibt hierbei relativ eindimensional. Ihre Hintergründe und Motivationen nach Berlin zu kommen, so gibt sie es selbst im Film zu, sind profan und das macht es ihr auch nicht leichter mit ihrer Figur zu arbeiten. Die Grundlage, die sie für ihren Charakter in den ersten Minuten legt, ergeben im Verlauf des Films nie ein erzählerisches Ganzes. Sie spielt schüchtern und zurückhaltend, eine Anlage um vielleicht später eine Entwicklung erkennen zu lassen. Doch wirkt ihre Figur oftmals so, als ob noch mehr in ihr an Hintergründen schlummert, die aber einem der Film nicht verraten möchte beziehungsweise ohne plausiblen Grund verheimlicht. In ähnlicher Form verhält es sich auch mit Max Riemelts Figur. Max Riemelt hat sich die letzten Jahre als Schauspieler von seinem jugendlichen Image lösen können, das noch sein Schaffen in den gelungenen Zusammenarbeiten mit Regisseur Dennis Gansel in beispielsweise NAPOLA (2004) oder DIE WELLE (2008) in den 2000ern prägten. Er hat aktuell eine Hauptrolle in der Netflix-Serie SENSE 8 (2015-). Seinem Entführer Andi wird zusätzlich noch eine Nebenstrang mit seinem Vater beigefügt und Probleme mit weiblichen Kolleginnen und Schülerinnen bei seinem Job als Lehrer. Dies bleibt alles aber relativ schematisch und ohne wirkliche Substanz.

Spannung entsteht auf diese Weise kaum. Selbstverständlich dreht sich alles darum, ob sie wohl wieder aus den Fängen ihres Entführers kommen kann. Cate Shortland rückt etwas von dieser einzigen Frage ab, indem sie Clare zeigt, die sich ihrem Schicksal zu beugen scheint und sich damit vereinbaren möchte, doch wird auch diese Idee gedanklich nicht zu Ende geführt. So bleibt am Ende ein Film, der in vielen Bereichen solide Arbeit leistet, doch daran krankt, dass er nur zuweilen versucht etwas Neues aus seiner Idee herauszuholen, gleichzeitig aber dies nur dazu genutzt wird den Film unnötig in der Länge zu strecken. Denn in seinem ansonsten klaren, dramaturgischen Konstrukt folgt er bekannten Mechanismen und Stufen eines Entführungsthrillers, ohne dem Ganzen seinen eigenen Anstrich mitgeben zu können.

Fazit:

Die Prämisse ist nichts Neues und auch die Durchführung ist es hier zu großen Teilen leider nicht. Die Geschichte wirkt unnötig auf zwei Stunden aufgeblasen und so bleibt oftmals die Spannung einfach auf der Strecke, ohne dass der Film in anderen Bereichen wirklich zu überzeugen weiß.

5 / 10

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