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Kritik:
Betty Anne Waters


von Christian Mester

CONVICTION (2011)
Regie: Tony Goldwyn
Darsteller: Hilary Swank, Sam Rockwell

Story:
Als ihr Bruder (Sam Rockwell) anscheinend unschuldig zu lebenslanger Haft verurteilt wird, beginnt Betty Anne Waters (Hilary Swank) einen fast zwei Dekaden andauernden Kampf, ihn wieder aus dem Gefängnis herauszuholen. Sie studiert Jura und kämpft unablässig dafür, dass seine Unschuld doch noch bewiesen wird...

Kritik:
Vom Bösewicht aus Arnold Schwarzeneggers Klon-Actionfilm "The 6th Day", Tony Goldwyn, stammt diese Nachstellung wahrer Ereignisse in Dramenform, die Ende der 90er für Schlagzeilen in den USA sorgte. Die Geschichte einer extrem fürsorglichen Schwester, die Familie, Freunde und Jahre ihres Lebens selbstlos für die Befreiung ihres Bruders aufopferte, rührte in den USA viele Zeitungsleser und CNN-Zuschauer. Anscheinend genügend, um einen Film über das Thema zu machen.

Das Ergebnis ist nun "Betty Anne Waters", ein rührseliges Justizdrama, das mit starker Besetzung auf Mitleid-, Tränen- und Awards-Fang geht. Die Grundlage: der spannende Kampf eines Underdogs gegen 'das System', gegen illegale Machenschaften, undurchsichtige Paragraphendschungel, angetrieben von familiärer Liebe und dem Bedürfnis, unfairem Unrecht mit Stärke und Hoffnung zu trotzen. Material, das in den richtigen Händen generell sehenswertes Oscar-Kaliber sein kann. Nicht hier.

"Betty Annes" größter Fauxpas ist es, zu vorhersehbar zu sein und den Ausgang des Falles niemals in Frage zu stellen. Der Film ist leichtgängig inszeniert, flockig. Es wird zwar eingehend veranschaulicht, dass Betty mehr als 15 Jahre ihres Lebens kämpft und dabei immer wieder auf Komplikationen stößt (einnehmend: Oscar-Gewinnerin Melissa Leo aus "The Fighter", derweil erneut in einer Rolle als völlig Abgewrackte zu sehen: Juliette Lewis), doch das langwierige Aktenwühlen und häufige Bitten um erneutes Nachsehen - bleibt unterhaltungstechnisch nur das. Bettys Hingabe und Zeiteinsatz ist beeindruckend, doch ihre Selbstaufopferung wird filmisch nie zur Kreuzigung Betty Waters', nie fesselnd, erschütternd, deprimierend, emotional. Goldwyn schafft es nicht, die Mühen der Figur als das zu zeigen, was sie waren: nervenaufreibend und schwierig. Hier geht es um eine Frau, die bildlich eigentlich Berge versetzt, während es in der Verfilmung aussieht, als baue sie nur Kuchen im Sandkasten.

Swank, die bereits zwei Oscars vorweisen kann und dabei nicht einmal 40 ist, ist als ehrgeizige Schwester gut, kann jedoch nicht viel aus ihrer Rolle machen. Was fehlt, sind Ausbrüche, ausdrucksstarke Szenen, Zerbrechlichkeit, Leid, ansteckender Eifer, Verzweiflung, Spannungsmomente. Ähnlich hilflos ist Sam Rockwell ("Moon"). Der begnadete Charakterdarsteller, von dem man in den nächsten 15 Jahren fraglos noch Großes sehen wird, macht mehr aus seiner kleinen Rolle als tumber White-Trash-Trottel mit unterschwelliger Aggressionsbereitschaft, kriminellem Hintergrund und gutem Herz, als eigentlich da ist. Es bringt jedoch nicht viel, da er kaum zu sehen ist. Oftmals sitzt er nur starr da, erinnert optisch an Metallica-Frontmann James Hetfield und hört zu, was Swank ihm zu sagen hat. Auch ihm fehlen starke Szenen, die das Material spielend leicht hätte ermöglichen können. Beispielsweise wird hier und da angedeutet, dass er den Mord eventuell doch begangen haben könnte, was hinsichtlich der subtilen Aggressionen Rockwells sogar recht glaubhaft sein könnte, würde es der Film denn aufgreifen. Hinzu kommt, dass sein zermürbender Gefängnisaufenthalt seltsamerweise heruntergespielt wird und keineswegs als Elend erkennbar wird - so wie Bettys jahrelange Bemühung nie anstrengend wirkt ("72 Stunden - The Next Three Days" mit Russell Crowe betrat vor kurzem vergleichbare Ideen, wenn auch als Thriller, überbietet die Waters jedoch in Mühe und Emotionalität"). Goldwyn ignoriert diese Möglichkeiten emotionaler Zerwürfnisse jedoch ebenso wie etwaige Antagonisten. Betty stöbert an den richtigen Stellen und macht alsbald auf sich aufmerksam, doch beim Schnüffeln gibt es keine Gegner. Ein Kampf, den sie letzten Endes fast ohne Gegenwehr, und damit fast ohne größere Spannungsunterhaltung gewinnen kann. Technisch ist das Drama allerdings außerordentlich schnörkellos. In weichen Bildern und angenehm ruhigen Schnitt erzählt Goldwyn seine Geschichte und verzichtet darauf, seinen Film in kitschigem Gefühlsdusel-Soundtrack zu ertränken, auch wenn es zuweilen durchaus zum Feeling des Projekts passen würde. Nichts in "Betty Anne Waters" ist wirklich schlecht, andererseits auch nicht vieles wirklich gut - was fehlt, sind Verschärfungen. Lautere Emotionen, schwierigere Umstände, denn so ist es ein leicht herbstlicher Spaziergang im Park, ohne Enten Füttern.

Fazit:
Das Schicksal der Familie Waters ist bedrückend und rührend - der gedrehte Film darüber jedoch nicht. Ein insgesamt solides, nett gespieltes, aber nicht weiter nennenswertes Drama mit Weichspül-Charakter, dessen interessante Unebenheiten weg geschliffen sind.

4,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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