BG Kritik:

Beyond the Bridge


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Beyond the Bridge (SW 2016)
Regisseur: Daniel P Schenk
Cast: Maya Schenk, Thomas Koch

Story: Erst vor kurzem durch einen Unfall zur Waise geworden, kehrt die junge Kunststudentin und angehende Fotografin Marla zurück in ihr altes Elternhaus. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, lädt sie sich Freunde zu einer Hausparty ein, bei der einer der Gäste mysteriöse Pillen verteilt. Eine Droge mit erheblichen Nachwirkungen, wie es scheint, denn in den nächsten Tagen hört sie unheimliche Stimmen, findet sich an ungewöhnlichen Orten wieder und erlebt alptraumhafte Visionen, die ihr etwas mitzuteilen scheinen…

Ein Film wie ein Massive Attack Track.

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Randnotiz: Für gewöhnlich rezensieren wir auf bereitsgesehen keine Independent-Produktionen, da es derart viele Indie-Anfragen gibt, dass eine Berücksichtigung aller Einreichungen unser gewohntes Angebot rasch überschwemmen würde. Dafür könnte man fast ein separates bereitsgesehen eröffnen – ein Gedanke, den wir mal im Hinterkopf behalten. Jedenfalls zeigte sich das Beyond the Bridge Team als erfreulich hartnäckig, und als der erste visuelle Eindruck vielversprechend schien, gaben wir dann schließlich doch noch nach. Eine richtige Entscheidung, da der Film fraglos „was taugt“ und die Macher dahinter so sympathisch sind, dass wir sie gern unterstützen.

Das heißt längst nicht, dass wir lobhudelnd volle Punkte spendieren und der Film zwischen Jurassic Park und Fury Road ins Regal gehört, doch wir können versprechen, dass es Stärken gibt und sich diese in näherer Betrachtung lohnen. Vor allem angehende Indie-Filmemacher dürften von Daniel P. Schenks ersten Film in Spielfilmlänge was lernen, darunter natürlich die vorbildliche Disziplin des Machers, der 5 Jahre lang eisern und nebenberuflich an der Post-Production arbeitete. Bemerkenswert mutig war seine Genrewahl, denn für einen stimmigen Psycho-Thriller bedarf es gleich zweierlei: fähiger Darsteller und Geschick für Atmosphäre. Beides Punkte, in denen Beyond the Bridge punkten kann.

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Schenks Schwester Maya Schenk, mittlerweile erfolgreiche DJ, ist in nahezu jeder Szene zu sehen und trägt die schwierige Aufgabe, A) trotz ständiger Einsamkeit nicht langweilig zu werden und B) die aufgewühlte Gefühlswelt der Protagonistin glaubhaft zu spielen. Das schafft sie mit Bravour, und gerade weil sie zur Zeit des Drehs Laiendarstellerin war, ist es beeindruckend, wie intensiv sie die emotionale Achterbahnfahrt Marlas wiedergibt. Eine merkliche Schwäche des Films zeigt sich jedoch im Einstieg. Marla reist nach Haus, telefoniert und lässt zuhaus gepflegt abhotten, wobei einer der Gäste als Joke eine Zeichnung berammelt und kurz darauf wie ein Zombie herumschlurft. Zwar bleibt zu dem Moment noch die Neugier, wo das hinführen mag, doch der nervende Zombierammler sägt zweifellos am Geduldsfaden – und dann schaltet der Film plötzlich höher.

Marlas Visionen beginnen, und schon krempelt Schenk hochkonzentriert die Ärmel hoch. Hier ist er in seinem Element, lässt Marla durch dunkle Häuser, Straßengegenden, Gärten, Höhlen, schummrige Waldgebiete und über eine unheimlich aussehende Brücke tapern. Kombiniert mit einem beachtlichen Gänsehaut-Synthiesoundtrack spielt der Film seine Stärken aus, und erinnert in so mancher Einstellung gar effektiv an Horrorgames wie Silent Hill, Resident Evil, Nocturne und Alone in the Dark. Immer neue Zeichen und Indizien halten die Spannung aufrecht, und auch wenn die Handlung an sich relativ klischeehaft ist, konstruiert Schenk sie dermaßen clever, dass sicherlich viele von den Wendungen überrascht sein werden. Selbst zuweilen käsig aussehende Feuereffekte finden im späteren Verlauf zu einer sinnvollen Integration, die mitunter gar was Poetisches hat. Dass der Film auf Englisch gedreht wurde, die Schauspieler aber keine Muttersprachler sind, kann man mitunter raushören. Es stört aber keineswegs, vielmehr kann man den Hut davor ziehen, dass man so auch den internationalen Markt mitbedienen kann. Derartigen Unternehmersinn erlebt man in deutschsprachigen Territorien selten; da wird in der Regel nur für den eigenen kleinen Rahmen entwickelt.

Wissen muss man, dass dem Team lediglich 10.000 mühsam zusammengesparte Euro Budget zur Verfügung standen. Das sind gerade mal 0,001 % vom Budget von The Grudge, so viel dürfte allein Sarah Michelle Gellars Friseurin pro Drehwoche bekommen haben. Schenk hat es dennoch geschafft, mit so geringen Mitteln einen atmosphärisch dichten, formidabel gespielten Film zu machen, der dem Stempel „Amateurproduktion“ verbissen entkommen will. Das muss nicht heißen, dass er der nächste John Carpenter oder George Romero ist, aber gerade jetzt, wo das Horrorgenre weltweit nur noch seltenst denkwürdige Titel hervorbringt, muss jedes vielversprechende Talent umgehend gefördert werden: die Schenks gehören dazu. Wie kann man nicht gespannt sein, was dasselbe Team mit zehn- oder hundertmal so viel Budget erreichen könnte?

Fazit:

Aufgepasst. Beyond the Bridge mag prinzipiell nach „noch so einer No-Budget Produktion“ aussehen, geht eventuell etwas zu lang und erfindet das Genre nicht neu, überrascht aber mit packender Atmosphäre, einer auffälligen Hauptdarstellerin und cleveren Ideen. Wer junge Talente unterstützen und gelungene Silent Hill artige Momente mal aus dem deutschsprachigen Raum sehen will – ja, so etwas gibt’s – sollte sich jenseits dieser Brücke trauen.

Empfehlung! / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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