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Kritik:
Der Biber


von Christian Westhus

THE BEAVER (2011)
Regie: Jodie Foster
Cast: Mel Gibson, Jodie Foster, Jennifer Lawrence

Story:
Walter Black vegetiert kurz vorm Selbstmord stehend vor sich hin und ergeht sich an einer tief sitzenden Depression, bis er eine ungewöhnliche Biber-Handpuppe findet. Mit dem Biber entwickelt Walter eine alternative Persönlichkeit, die ihm hilft, wieder zu seiner Familie zu finden. Doch wo ist Walter, wenn der Biber die Kontrolle hat und wie geht es Walter, wenn er den Biber nicht mehr als Ablenkungen nutzen kann?

Kritik:
Mit Dank an Concorde Filmverleih. 

Der Film, der Mel Gibsons Karriere retten sollte. Nach privaten Fehltritten und zu wenigen guten Filmen vor der Kamera (nicht als Regisseur), waren Ansehen und Marktwert des einstigen Superstars mehr als nur angekratzt. So sehr, dass man die Veröffentlichung dieser seiner Rettung um einige Monate herauszögerte. Wohl, um die Wogen zu glätten, aber auch, um Gibsons Leistung nicht vor einem unwilligen, voreingenommenen Publikum zu verschwenden. Als von Depressionen geplagter Vater und Unternehmensleiter, der durch eine Handpuppe seine psychischen Probleme zu lösen versucht, gibt Gibson seine beste darstellerische Leistung seit Ewigkeiten. Dass sie „nur“ ziemlich gut, gar nicht mal großartig ist, zeigt nur, wie dürftig es zuletzt beim Darsteller Mel Gibson aussah. Seine bewundernswert konsequente Darstellung des psychisch labilen Walter Black und der zur Selbsttherapie gedachten dominanten Biber-Handpuppe ist das herausragende, originelle Element eines ansonsten beliebigen Familiendramas mit zentralem Vater-Sohn-Konflikt. Gibson ist konsequent, weil er sich der mal albern, mal gruselig, aber stets hässlich aussehenden Puppe ganz hingibt, sie besonders verbal gekonnt zu Leben erweckt, dabei aber immer Walter durchblicken lässt. Nur ein Mal, als sich der Film für zwei Minuten entscheidet, aufs Psychohorror-Terrain zu wechseln, schlägt die ständig drohende unfreiwillige Komik zu. 

Das ist aber eher Jodie Fosters unentschlossener Regie zu schulden, die sich an dieser Stelle nicht für eine klare Herangehensweise entscheiden kann. Der ganze Film pendelt dabei, wenn auch überwiegend gelungen, zwischen klarem Drama, optimistischem Humor und humorvoller Absurdität. Dabei beginnt alles am Nullpunkt. Emotionaler Ground Zero für Walter Black. Ohne genau zu wissen warum, verliert Walter Lust und Sinn an Familie, Beruf und Leben. Die Biber-Puppe tritt vermeintlich zufällig in sein Leben und übernimmt schnell die Kontrolle als seelenreinigende Ersatz-Identität, als emotionaler Blitzableiter und Motivator im stillen Zwiegespräch. Sofort – und damit viel zu schnell – reorganisiert der Biber Walters Leben und das mit durchschlagendem Erfolg. Weil’s ein Biber ist, führt der Schlüssel zum Erfolg über Holzarbeiten (ein Motiv, welches ab der Hälfte keine Funktion mehr besitzt) und so blüht nicht nur das Familienleben wieder auf, auch die Spielzeugfirma gerät mit einem schrägen Geniestreich wieder in die Erfolgsspur. Das geht sogar so weit – und damit zu weit – dass Walter und sein pelziger Herold zur Mediensensation werden und mit öden Allgemeinplätzen therapeutische Lebensweisheiten verteilen. .

Alles scheinbar wieder im Lot, doch Ehefrau Jodie Foster will nach erfolgreicher Reaktivierung des Ehelebens mal wieder ohne Biber kuscheln, während der kleinste Sohnemann die psychologische Diskrepanz zwischen Vater und Handpuppe zu ergründen versucht. Die wirklichen Schwierigkeiten gehen vom erwachsenen ältesten Sohn aus, der sich weiterhin schwer tut, den ganz offensichtlich irre gewordenen und vorher schon verhassten Vater zu akzeptieren. Der Sohn ist dem alten Herrn unerfreulich ähnlich. Beide spüren eine bedrückende Leere in sich und leiden unter der Unfähigkeit, zu sich selbst zu finden. Geschlechtertheoretische Exkurse bietet der Film nicht an. Vater und Sohn greifen ungeplant zur selben Therapie, dem klassischen Ausweichen durch Ersatzidentitäten bzw. Ersatzleben, in denen man sich nicht der eigenen Identität stellen muss. Die Therapie besteht letztendlich aber nur aus der brachial provozierten Einsicht, dass das Leben kostbar ist, sowie dass man sich daran und an den vertrauten Menschen festhalten sollte. Viel mehr als solche Banalitäten fällt dem Film dann leider nicht ein, womit der eigentlich ganz anschauliche Kosmos der eventuellen geschlechtsspezifischen generationsübergreifenden Depression nur grob angerissen wird. Man lässt Vater und Sohn lieber zankend und um Versöhnung bittend umeinander schleichen, bis irgendein externer oder interner Impuls zu irgendeinem Entschluss, positiv oder negativ, führt. So fokussieren sich Drehbuch und Film dann (nicht ungeschickt) auf die persönlichen Verwicklungen aus Annäherung und erneuter Entzweiung. Immer im Gefahrenbereich von zu viel Kitsch und Sentimentalitäten, umschifft Foster als Regisseurin die größten Klippen und liefert immerhin einen recht anrührenden Selbst(-wieder-)findungstrip innerhalb einer turbulenten Familiensituation. 

Dass die Rolle des Sohnes eigentlich mehr oder minder gleichwertig neben Walter angesetzt war, wird schnell deutlich. Zumindest hätte sie gleichwertig sein müssen, denn die beiden Männer der Familie stehen im Zentrum. Im Leid des Vaters spiegelt sich das Leid des Sohnes und umgekehrt. Aber Mel Gibson ist das, wie erwähnt lohnenswerte, Zentrum des Films und Anton Yelchin versucht sein Bestes, jugendlich ungestüme Unverständnisanschuldigungen nicht zu Teen-Klischees werden zu lassen. Er bandelt mit einer mysteriösen Mitschülerin an, die als Graffiti-Cheerleaderin in Gestalt von Jennifer Lawrence, die zuletzt in „Winter’s Bone“ begeisterte, zu einer interessanten Figur wird, für die das Drehbuch jedoch nicht ausreichend Zeit hat. Yelchin muss schon gegen Gibson zurückstecken, aber Lawrence Figur bekommt mit ihrer Kunst und einer schwierigen Familiensituation Ballast aufgehalst, den man nur erahnen kann, während Gibson und Foster „light“ Versionen Szenen einer Ehe durchspielen. Zum Schluss fehlt der Fokus, was man überhaupt will bzw. braucht. Weil eben die beiden Männer, und von ihnen insbesondere Gibson, im Vordergrund stehen, fallen die meisten Nebenhandlung eben irgendwann durchs Raster. Was bleibt, ist eine solide inszenierte, durchaus behutsam entwickelte Familiengeschichte, die sich als Ein-Personen-Psychogramm tarnt. Durch die Bank weg anständig gespielt, so amüsant wie rührend, ohne die psychologischen, zeitgenössischen und gesellschaftlichen Tiefen der Materie wirklich auszuloten.

Fazit:
Mel Gibsons tolle darstellerische Leistung ist definitiv einen Blick wert, wenn auch der Film dahinter zu selten wirklich mehr sein will, als eine psychoanalytisch motivierte Familientragikkomödie, der im Drehbuch ab und zu Entschlossenheit und Übersicht fehlt.

5,5 / 10

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