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Kritik:
Der Biber


von Christian Mester
THE BEAVER (2011)
Regie: Jodie Foster
Cast: Mel Gibson, Jodie Foster, Jennifer Lawrence

Story:
Walter Black vegetiert kurz vorm Selbstmord stehend vor sich hin und ergeht sich an einer tief sitzenden Depression, bis er eine ungewöhnliche Biber-Handpuppe findet. Mit dem Biber entwickelt Walter eine alternative Persönlichkeit, die ihm hilft, wieder zu seiner Familie zu finden. Doch wo ist Walter, wenn der Biber die Kontrolle hat und wie geht es Walter, wenn er den Biber nicht mehr als Ablenkungen nutzen kann?

Kritik:
„Der Biber“ ist kein guter Spielfilm. Er hat gute Ansätze, doch Jodie Foster, die den Film selbst gedreht hat, greift die wenigen vorhandenen Stärken des Drehbuchs nicht auf und kann auch die markanten Schwächen nicht überspielen. Gibson? Als lethargischer Verrückter mit Handpuppe ist der Australier wirkungsvoll, doch von einer meisterhaft bravourösen Oscar-Leistung, wie es manch einer beschreibt, ist er weitestgehend entfernt. Es ist nahezu überraschend, da der alkoholkranke Multimillionär ironischerweise sein aktuelles Leben imitiert – ein vormals beliebter Familienvater, der von heut auf morgen alles verliert und zum unverstandenen Monstrum wird. 

Die Lethargie nimmt man ihm dabei noch ab, alt, krank und müde zu wirken, doch der Rest ist nicht der Rede wert. Als Handpuppensprecher wirkt er seltsam, nicht faszinierend, zeigt nichts in seiner Mimik, dass das zerbrochene Etwas dahinter interessant machen könnte. So verrückt die grundlegende Handlung auch klingen mag, hätte Gibson viel aus der ungewöhnlichen Rolle machen können. Als biberisierter Walter ist er einfach nur da – jeder Konflikt, jede interessantere Szene ist kurz oder gänzlich weggefällt. Fosters Versagen.

Der Biber hätte vielerlei Film sein können – eine Adam Sandler Komödie, ein bizarrer Bodyhorror-Film ala Cronenberg, ein tieftrauriges Drama oder gar ein schräger Mix aus vier Genres. Das Drehbuch bot sogar alle Richtungen an, doch Foster hobelt alle interessanten Kanten raus. Es gibt dementsprechend keinen einzigen lustig gemeinten Moment im Film, was nicht hilft. Mel Gibson mit einer Handpuppe sprechen zu sehen ist gewöhnungsbedürftig genug, da hätte es nicht geschadet, sich selbst kurzweilig nicht allzu ernst zu nehmen, alleine schon, weil es amüsant zu sehen ist, wie die Außenwelt auf das absurde Gespann reagiert. Andererseits scheint Foster die drei – drei sind es insgesamt – zentralen Charaktergeschichten überhaupt nicht intensiv erzählen zu wollen. Der Biber hätte Leaving Las Vegas Abgründe erreichen können, besucht diese aber nicht, meidet sie sogar. Dass Walter tatsächlich sterben will, wird nicht intensiviert, vielmehr wirkt es schon fast wie bei Pierce Brosnan in "Mord und Margaritas", als lebe er eine seltsame Midlife Crisis. Ähnliche Probleme gibt es mit den anderen zwei Charakteren, die wie Walters, eigentlich einen ganzen eigenen Film brauchen würden: Foster als Walters Frau bekommt nur wenige Szenen, in denen nie zu spüren wird, dass sie ihren Mann vermisst, dass sie um ihn kämpft oder selbst schwer leidet.

Auch die Geschichte des Sohns, von T4-Darsteller Anton Yelchin gespielt, ist zu laff gestrickt: im Film geht es darum, dass er seinen Vater selbstdestruktiv verabscheut und sich gezielt dessen Eigenarten notiert, um sie aus seinem Leben zu streichen. Er verliebt sich dann in eine Kollegin (nett, aber zu wenig Nettozeit: Jennifer Lawrence) und konfrontiert sie mit ihren eigenen Dämonen, während er merkt, welche eigenen er noch besiegen hat. Eine gute Dramengeschichte die noch am besten funktioniert, die jedoch in ihrer Gänze nur oberflächlich abgehandelt wird. Dann wäre da noch das Horrorelement, das man im fertigen Film gänzlich gestrichen hat. Im Script gab es eine Szene, in der Gibsons Rolle in vollster Konzentration sagt, die Puppe sei keine Puppe, sondern eine lebende Entität. Dazu gab es eine Szene, in der ein Arbeitskollege versucht, Gibson die Handpuppe gewaltsam zu entreißen – was seltsamer weise trotz größten Kraftaufwands nicht ging. Auch gab es eine weit längere Kampfszene, in der Walter von seinem Biber zusammengeschlagen wird. Eine zunächst albern wirkende Szene, die jedoch in aller Härte präsentiert wurde und irgendwann Formen annahm, die nicht mehr lustig, nicht mehr unfreiwillig lustig, sondern bizarr wurden. Auch hier beschneidet Foster die Intensität des Stoffes, in dem sie den Fight aufs Geringste reduziert. Geradezu inakzeptabel ist der Soundtrack, der mit fader Fahrstuhlmusik lieblos vor sich her leiert und alles langweilig erscheinen lässt. Anfangs passt es noch zu Walters Gleichgültigkeit, doch während er allmählich Änderungen durchläuft, bleibt der Soundtrack bis zum highlightlosen Filmende gleich. 

Fazit:
Der Biber verschenkt sein Potenzial und wirft fast alles Interessante aus dem ohnehin nur mittelprächtigen Drehbuch über Bord. Kein faszinierendes Psychodrama, glatt gebügeltes Familiendrama. Schade, es hätte Gibson unter die Oscar-Nominees werfen und sein Image wieder halbwegs bessern können, doch nach dem Biber und dem unsagbar schlechten Auftrag Rache sollte er sich allmählich überlegen, ob er das mit seiner Darstellerkarriere nicht besser sein lassen sollte. Besonders schwach: im O-Ton spricht Gibson als Biber mit stark akzentuierter Stimme; In der deutschen Fassung spricht er beide Figuren mit normaler Stimme, was dem Biber automatisch an seinem (wenigen) Charakter nimmt.

4 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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