BG Kritik:

Der Geist des Bienenstocks


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

El Espiritu de la Colmena (Spanien 1973)
Regisseur: Victor Erice
Cast: Ana Torrent, Isabel Tellería, Fernando Fernán Gómez, Teresa Gimpera

Story:
Kastilien, Spanien, 1940. Im kleinen Dorfkino gibt es einen neuen Film. Mit ihrer Schwester Isabel sieht die siebenjährige Ana James Whales Klassiker „Frankenstein“ und ist vom Monster, dessen Tod und dem kleinen Mädchen im Film gleichermaßen verwirrt und fasziniert. Als Ana einen Fremden auf einem weiten Feld entdeckt, hilft sie ihm, nicht ahnend, was sich hinter diesem Mann verbirgt.

Hierzulande kaum bekannt wird „Der Geist des Bienenstocks“ im Entstehungsland Spanien regelmäßig als einer der besten heimischen Filme aller Zeiten beschrieben.

Ana Torrent hatte ihre Rolle so sehr verinnerlicht, dass die Figur nach ihr selbst umbenannt wurde.


Der bekannteste Film von Regisseur Victor Erice ist ein Geheimnis gebannt auf Film. Ein Geheimnis, weniger ein Rätsel, als dass Erice seine Geschichte und seine Figuren wie ein märchenhafter Puppenspieler hin und her führt, Bilder, Momente, Situationen kreiert, die einen enormen Interpretations- und Reaktionsspielraum bieten. Auf den ersten Blick ist „Der Geist des Bienenstocks“ ein Kinderdrama, ein leises, ruhiges Reifungsdrama, welches wir heutzutage als „Coming of Age“ Geschichte bezeichnen würden. Die von Ana Torrent, einer der bemerkenswertesten Kinderdarstellerinnen der Filmgeschichte, gespielte Ana nimmt durch den Film „Frankenstein“ eine urplötzlich so viel größer und rätselhafter gewordene Welt wahr. In die abgeschottete Dorfwelt, die wie von der Außenwelt vergessen scheint, dringt für das junge Mädchen plötzlich das Monster, der unglückliche Tod des kleinen Mädchens am See, und der vermeintliche Tod des Monsters selbst. Ana ist neugierig und klug – für ihr Alter. Ihre vielleicht ein Jahr ältere Schwester Isabel macht sich aus Anas kindlicher Naivität und ihren Fragen einen Spaß, stellt sich tot und lässt sich von Ana erkunden.

Auch ist es das Monster selbst, welches Ana zweifellos für real hält und welchem sie bald darauf in der veränderten Gestalt eines Fremden im Niemandsland zwischen den endlosen Feldern begegnet. Sie versucht ihre Unwissenheit bezüglich des Todes und dem Grund des Todes zu klären, wird für den Fremden, der in einer verlassenen Hütte Unterschlupf findet, zu einem Pendant des Blumenmädchens aus „Frankenstein“. Ihre Neugierde und ihre Reaktion auf Vorgänge im Elternhaus lösen eine Reaktion bei Ana aus und bringen sie bald in Gefahr.

Es gibt exakt 1000 Einstellungen im Film; 500 davon außen, 500 innen.


Anas Eltern sind komplizierte, gekränkte Menschen, die ein langes Leben mit zurückliegenden Erfahrungen mit sich schleppen, von denen Ana nichts weiß, deren Auswirkungen sie jedoch spürt. Anas Vater Fernando hat sich selbst innerhalb der kleinen Mikrokosmoswelt des Dorfes zurückgezogen, verbringt seine Zeit mit Literatur und der Bienenzucht. Selbst wenn er sich seinen Töchtern mal öffnet, scheint er von einem unsichtbaren, zurückliegenden Schmerz gehemmt und lässt diese Wut in einer thematisch vielfältig aufgeladenen Szene an einem Giftpilz aus, den er zertrampelt. Fernandos Frau, Anas Mutter, schreibt Briefe an einen Unbekannten. In vagen Andeutungen, mal durch die spärlichen Dialoge, mal durch die behutsam eingefangenen Bilder, entsteht die Vermutung einer zurückliegenden Affäre und der unveränderlichen Realität einer gescheiterten Ehe. Die Briefe und die Affäre weisen in viele Richtungen und in keine, vielleicht in die Richtung des Fremden in der Hütte.

Mit dem Fremden, der, wie wir als Zuschauer womöglich schneller erkennen als Ana, auf der Flucht zu sein scheint, lenkt der Film den Fokus auf die politische Ebene. Kaum ein ernst gemeinter spanischer Film, der zwischen den 1930er und 70er Jahren entstanden ist, kommt ohne Einfluss durch oder Verweise auf das Franco Regime aus. Zu mächtig der Einfluss der Staatszensur, zu tief die Narbe, die die Herrschaft des Diktators hinterlassen hat. Und so lässt uns Victor Erice die Möglichkeit, zwischen Frankensteins Monster, dem Fremden in der Hütte, Anas Vater und Diktator Franco Parallelen, Verbindungen und Abgrenzungen zu sehen, denen die neugierige, aber unausgereifte Psyche des siebenjährigen Mädchens lange hilflos gegenübersteht.

Fazit:

Faszinierendes, rätselhaftes und vielfältig deutbares Kindheitsdrama. Reich an Themen und klugen Einsichten, mit einer bemerkenswerten Schauspielleistung der jungen Hauptdarstellerin.

8,5 / 10

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