Kritik:
Black Swan
von
Christian Westhus, mit Dank an Fox Searchlight
Pictures (PV)
BLACK SWAN
(2010)
Regie: Darren Aronofsky
Cast: Natalie Portman, Mila Kunis
Story:
Nina und Lily sind zwei Ballettänzerinnen, die sich
eines Tages zu rivalisierenden Gegnern machen: beide
kämpfen um die Rolle des Schwans in einer Swan Lake
Aufführung...
Kritik:
Liebe, Leid, Ruhm und Schmerz. Darren Aronofsky
überträgt die Leitmotive seines „The Wrestler“ auf
die Geschichte einer überengagierten New Yorker
Ballerina. Erstmalig hält Aronofsky kein
Autoren-Credit, hatte jedoch schon vor einigen
Jahren geplant, einen Film zur sportlichen bzw.
künstlerischen Obsession von Athleten zu drehen. Ein
Werk über Wrestling und Ballett. Die Parallelen
zwischen den Filmen sind offensichtlich und sogar
enorm wichtig für den Zusammenhang und die jeweilige
Interaktion untereinander. Auch in „Black Swan“
stellt Aronofsky den physisch und psychisch
schmerzhaften und an die Grenzen bringenden Kampf
eines Performers (Performerin) in den Mittelpunkt.
Es ist ein Kampf für den eigenen Sport, die selbst
gewählte Kunst, für das persönliche Ausdrucksmedium.
Der dramatische Naturalismus von „The Wrestler“
mutiert in „Black Swan“ jedoch zu einem aufwendig
stilisierten, von Metaphern durchzogenen
Psycho-Horrortrip.
Das Drehbuch nimmt sich auf direkte und auf
symbolische Art und Weise der Schwanensee-Geschichte
an, also der Geschichte einer Prinzessin, die zum
Schwan verwandelt wird und erst durch die wahre
Liebe errettet werden kann. Den drohenden Kitsch
streicht „Black Swan“ direkt und fokussiert sich auf
die vielen psychologischen Ebenen, bei denen
besondere Aufmerksamkeit den vier verschiedenen
Frauenrollen gilt. Portman, Kunis, Barbara Hershey
und Winona Ryder gehören auf höherer Ebene enger
zusammen, wie es zunächst aussieht. Portman ist
dabei Zentrum und Schnittstelle der
unterschiedlichen Facetten und begibt sich zudem
direkt in die Fänge von Charmeur und Lustmolch
Vincent Cassel als Chef und Choreograph. So soll
Nina (Portman) die Hauptrolle in einer
prestigeträchtigen Schwanenseeaufführung spielen,
hat aber, so Cassel, Probleme mit der dunklen Seite
ihrer Doppelrolle als weißer und schwarzer Schwan.
Vorkenntnisse und übergroßes Interesse an
Schwanensee und Ballett sind hier keine
Voraussetzung für Gefallen, sind aber definitiv von
Vorteil. Zumindest sollte man nicht gleich die
Flucht ergreifen, wenn spindeldürre Mädchen und
Jungs in zu engen Hosen über die Bühne hüpfen.
"In
Hauptfigur Nina fließt nun alles
zusammen. Es ist ganz explizit ihr
Film und wir sind als Zuschauer ganz
eng bei ihr und werden so durch
ihren Blickwinkel beeinflusst.
Bühne, Trainingsraum, Zuhause und
Psyche fließen ineinander über und
Nina versucht sich im Strom über
Wasser zu halten. Die innere
Zerrissenheiten umspielt Aronofsky
besonders zu Beginn mit unzähligen
Spiegelszenen. Nichts ist so wie es
scheint, ist eine Projektion einer
Projektion, ist subjektives Zerrbild
eines Originals. Das fasziniert,
weil es die Vorkehrung für einen
Film trifft, in dem nichts sicher
ist, der beklemmend und dennoch
packend und nachvollziehbar bleibt,
ohne ins glasklar Fantastische
abzugleiten. Es ist der in seiner
Farbdramaturgie so simple wie
effektive Kampf des weißen Schwans
gegen den schwarzen Schwan. Nur ist
dieser schwarze Schwan eben eines
dieser Zerrbilder, aufgefächert in
Schein und Sein, in Inneres und
Äußeres. Davon lebt der Film und das
macht ihn so ungemein spannend.
Nina ist dabei die nach Perfektion
strebende Künstlerin, die sich
übereifrig bemüht und jeden Schritt,
jede Figur perfekt beherrschen will
und dafür auch ihren Körper drillt.
Für Natalie Portman ist es
zweifellos die Rolle ihrer
bisherigen Karriere und sie ist
grandios. Sie bekommt beinahe den
gesamten Film zum Austoben und muss
dennoch diszipliniert arbeiten. In
gewisser Weise spiegelt die „Kunst
imitiert Leben“ Dualität von Nina
und Cassel als Trainer, die von
Portman/Aronofsky als Schauspielerin
und Regisseur wieder. Eine ganz
entscheidende Facette ist Ninas
verunsicherte kindliche Psyche, für
die Portmans eh schon sehr
mädchenhafte Originalstimme noch mal
piepsiger wurde. Nina lebt mit ihrer
Mutter zusammen, die selbst eine
gescheiterte Künstlerin ist und ihre
Tochter gleichermaßen bemuttert wie
antreibt. Ninas Perfektionsdrang
lässt sie noch weiter mit der Figur
verschmelzen, besonders je mehr Lily
(Kunis) in den Fokus rückt. Es ist
das klassische Bild von These und
Antithese, denn Lily beherrscht das
sinnlich Animalische, das
Unbekümmerte, welches Nina für den
schwarzen Schwan fehlt. Hier treffen
Vorstellungen von Ordnung, Disziplin
und Züchtigkeit auf jugendliche
Verspieltheit und unbekümmert
direkten Sex Appeal. Und Kunis ist
stark in der vielleicht ersten
richtig fordernden Rolle ihrer
Karriere. Auch sie profitiert vom
erotisch Rauchigen ihrer Stimme und
trifft genau den Punkt für Lily,
zwischen Verbündeter und
Konkurrentin für Nina. Besonders
wenn es zwischen Nina und Lily
erotisch und heiß hergeht, erweist
sich Kunis als Volltreffer.
Es läuft alles über Psychosen und
Übereifer für eine Sache, für die
Kunst. Hershey gibt der Mutterrolle
wunderbar nuanciert etwas
Psychopathisches, während Ryder in
ihrer kleinen Rolle als ausgediente
Ballerina ordentlich wirr vom Leder
ziehen darf. Und auch Cassel hat als
verführerische Bedrohung allerhand
Spaß an der Rolle. Dass trotz
doppeldeutiger Avancen,
Konkurrenzdenken und mütterlicher
Erwartungsdruck Nina und damit auch
Lily im Fokus stehen, bleibt dennoch
stets deutlich. Für Nina beginnt ein
wilder Psychotrip, zwischen ihrer
Kunst, ihrer Identität und ihrer
Sexualität, wenn sie mehr und mehr
droht den Boden unter den Füßen zu
verlieren.
Nun legt das Drehbuch so richtig los
und meint es im Laufe der
Spielhandlung etwas zu gut mit
wilden „Einbildung oder Realität“
Finten, die versuchen sollen, auch
dem Zuschauer den Teppich unter den
Füßen wegzuziehen. Das funktioniert
aber auch und der Film gelingt auf
nahezu allen Ebenen. Das Script ist
gut, spielt gekonnt mit den
Schwanensee-Motiven, mit Metaphern
und Psychologie, sowie tollen
Figuren. Aber wirklich genial wird
der Film erst durch Darren
Aronofskys Umsetzung. Er inszeniert
ein erotisch aufgeladenes
Adoleszenz-Psychodrama im
Horrorgewand, mit einem Hauch Dario
Argento. Immer haarscharf an der
Grenze zwischen Genreklischees und
übersteigerter unfreiwilliger Komik,
brodelt und scheppert der Film mit
einer emotionalen Wucht, die
begeistert. Die unruhige Handkamera,
die in Außenszenen zumeist Nina
verfolgt, weicht in den Trainings-,
Tanz- und Verführungs- und
insbesondere in den
Performanceszenen auf der Bühne der
fließenden, fast personal
mittanzenden Kamera von Matthew
Libatique. Es ist atemberaubend, wie
die Kamera Teil der Choreographie
wird, um Nina kreist, zwischen den
anderen Tänzern hindurch, quer über
die Bühne, um dann Backstage zu
erscheinen. Auch dank des Schnitts
sind die Bühnenszenen plastisch,
dynamisch und mitreißend arrangiert.
Aronofsky fährt alles auf, was der
Geschichte noch mehr Wucht, noch
mehr Dynamik, noch mehr Beklemmung
und Ungewissheit verleiht. Das
stimmungsvolle, in entscheidenden
Momenten schaurig-unbehagliche
Sounddesign trägt dazu bei, wie auch
die unaufdringliche Ausstattung,
die, wie der gesamte Film, die
schwarz-weiß Dualität aufgreift. Die
klar strukturierte, kühle Umgebung
des Theaters steht im Kontrast zu
Ninas Wohnung, die altmodisch, üppig
dekoriert und etwas kleinmädchenhaft
wirkt. Die subtilen Spezialeffekte,
besonders im letzten Drittel des
Films, lassen tiefer in Ninas Psyche
eintauchen und Clint Mansells
donnernde, oftmals leitmotivische
Musik dreht noch weiter an der
Nervenschraube. Ein alle Sinne
anregendes Spektakel, auch dank
Mansells packender Update-Version
von Taschaikowskis
Schwanensee-Kompositionen.
All das ist am Ende gleichermaßen
emotional wie unbehaglich,
psychologisch faszinierend wie
dramatisch. Ein packender
Psychothriller mit sexuellen
Subebenen und einer dichten
Metaphorik zwischen Schwanensee und
Adoleszenz. Portman überstrahlt als
Darsteller alle anderen, die aber
selbst auch zu gefallen wissen,
besonders Kunis. Und Aronofsky
inszeniert sich mit Wonne einen Wolf
und den düster-unheilvollen
Schwesterfilm zu „The Wrestler“.
Fazit:
Besonders dank einer wilden und
dynamischen Inszenierung von Darren
Aronofsky wird „Black Swan“ zu einem
faszinierenden, spannenden,
erotischen und mitreißenden
Psychothriller im metaphorisch
aufgeladenen Ballett-Milieu, mit
einer fantastischen Natalie Portman
in der faszinierend vielschichtigen
Hauptrolle.
9,5 /
10
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