hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Black Swan


von Christian Mester

BLACK SWAN (2010)
Regie: Darren Aronofsky
Cast: Natalie Portman, Vincent Cassell

Story:
Für die filigrane Nina Sayers (Natalie Portman) gibt es nur einen einzigen Lebensinhalt: Balletttanz. Seit frühester Kindheit ist die Tochter einer professionellen Ballerina (Barbara Hershey) darauf getrimmt, erfolgreich im strahlenden Rampenlicht der Bühnen der Welt zu stehen. Nina ist fanatisch und so ehrgeizig, dass sie selbst kein eigenes Privatleben besitzt. Jede Minute, die sie nicht in ihrer prämierten Schule tanzen kann, verbringt sie tanzend zuhause; hoffend, dadurch eines Tages eine der großen Hauptrollen spielen zu dürfen, bevor sie selbst zu alt wird.

Ihr Traum scheint eines Tages in Erfüllung zu gehen, als sie von ihrem strengen und sexistischen Lehrer (Vincent Cassell) das Angebot bekommt, die Schwanenkönigin im berühmten Schwanensee-Stück zu spielen. Der plötzliche Erfolgsdruck ist für die weltfremde, sozial völlig unerfahrene junge Frau jedoch zu groß. Sie beginnt, Halluzinationen zu haben, sich krankhaft zu verletzen und Freunde als vermeintliche Gefahren zu sehen. Nina wird paranoid und droht, den Verstand zu verlieren.

Kritik:
Professionelles Ballett ist eine sehr spezielle Kunstrichtung, die sich mit ihrem eleganten Ausdruckstanz ausschließlich an ein ausgesuchtes Nischenpublikum richtet. Es ist eine extreme Unterkategorie des gewöhnlichen Tanzes, in der gnadenlos auf Perfektion geachtet wird und in der zierliche Tänzerinnen oftmals bis an ihre Schmerzgrenzen gehen, um die für die Kunst verlangte Präzision, Leidenschaft und Eleganz darstellen zu können. Selbst für Kunstkenner ein relativ forderndes und oftmals uninteressantes Thema, wird die ungewöhnliche Kunstsparte hier als Grundlage eines effektiven Horrorfilms genutzt.

Das für einen Genretitel ungewöhnliche Umfeld hat sich Regisseur Darren Aronfosky ausgesucht, der mit den intensiven Dramen "Pi", "Requiem for a Dream" und "The Fountain" bereits als viel versprechendes Talent gefeiert wurde. Zuletzt besuchte er das professionelle Wrestling, in dem er Mickey Rourke in "The Wrestler" als charmanten, aber ständig scheiternden Catcher Randy 'The Ram' zeigte. "Black Swan" ist nun ebenfalls ein Charakterportrait eines Profis, jedoch völlig gegensätzlich zur leisen Geschichte des liebenswerten Losers. "Black Swan" ist ein schonungsloser Blick in seelische Abgründe.

Darren Aronofskys Tanzgeschichte ist ein wirkungsvoller Horrorfilm, der mitfiebern lässt und schockiert. Es ist primär ein erschreckendes Charakterportrait einer jungen Frau, die in besonderen Extremen aufwuchs. Ihre tyrannische Mutter, selbst ein fehlgeschlagenes Talent, instruierte ihr Kind von kleinauf dazu, zu erreichen, wozu sie selbst nie in der Lage war. Es führte dazu, dass Nina fanatisch und obsessiv wurde. Die junge Frau tanzt demnach, bis ihre Füße blutig sind und kennt und akzeptiert für sich nichts anderes außer Ballett. Ein fragwürdiger Zustand, der sie schon direkt zu Anfang als kranke, krankhafte Person diagnostiziert. Mit Erhalt der Schwanenrolle ergibt sich nachfolgend eine psychische Talfahrt, die ungemein fesselt. Darren Aronofsky inszeniert sein tragisches Charakterdrama auf finstere Weise und zeigt Ninas Welt als pulslosen Zwang, der nur aus ihrer kleinen Wohnung und den sterilen Trainingshallen der Schule zu bestehen scheint. Schon zu Beginn ist die reine Anwesenheit in ihrer Welt unbehaglich, doch mit der näher rückenden Premiere ihrer Rolle droht diese bald sogar gänzlich einzubrechen. Nina beginnt, Dinge und Menschen zu sehen, die nicht da sind und wird immer instabiler.

Der zermürbende Zerfall der leichtfüßigen Tänzerin beruht im Verlaufe des Films auf drei ausschlaggebenden Aspekten. Zum einen wäre da Natalie Portman selbst, die über die gesamte Laufzeit des Films im Mittelpunkt steht und ihre Rolle äußerst intensiv vorlebt. Die ständige Angst zu versagen, ihre Verklemmtheit und der verbissene Hang nach Perfektion macht ihre Nina magnetisch, sodass man Augen nicht mehr von ihr lassen kann. Portman gibt die bislang beste Leistung ihrer Karriere und überzeugt auf der ganzen Linie als zerbrechliche, aber auch machthungrige, energische, tödliche Schwanenprinzessin. Ihre hagere Gestalt wäre jedoch nur halb so effektvoll, würde sie Aronofsky nicht überaus gekonnt einfangen. Dadurch, dass Aronofsky mit der Kamera immer nah bei ihr ist, unterstreicht er die Eleganz ihrer glaubwürdigen Tanzdarbietungen und intensiviert die Verbundenheit mit ihrer Rolle, die vor unseren Augen langsam aber sicher zerfällt. Ihr beider Zusammenspiel funktioniert so gut, dass alles andere als ein klarer Oscargewinn im Februar ein großer Irrtum wäre. Ebenfalls wichtig sind die Nebenfiguren, die einzeln zwar nicht überragen, jedoch allesamt als Spiegel Ninas fungieren (Spiegel übersähen übrigens den gesamten Film; als Motiv der Tänzerin, die sich selbst unabdinglich beobachtet, um mögliche Fehler zu sehen und auszuradieren). Da wäre die jüngere Kollegin (Mila Kunis), die Ninas Wunsch nach einem gewöhnlichen Leben darstellt. Sie ist unkompliziert und hat auf Kosten ihrer Disziplin Spaß am Leben, wodurch Nina sie bald unbewusst als Gefahr einschätzt. Ihr Lehrer (Vincent Cassell) hingegen erweckt auf den ersten Blick den Eindruck eines unmoralischen Machos, doch der Vollblutkünstler, der sie betatscht und frigide schimpft, versucht nur, ihr verklemmtes Dasein zu befreien, damit sie die erforderte Leidenschaft ihrer Rolle umsetzen kann. Sowohl in ihrer Mutter als auch in der vorherigen Star-Tänzerin (Winona Ryder) sieht sie indes ihre Zukunft, die zum greifbaren Horror wird. Sie weiß, dass sie nicht ewig tanzen kann und empfindet dies als so schrecklich, dass sie sogar dazu bereit ist, mit Gewalt dagegen anzugehen.

"Black Swan" ist kein besonders graphischer Horrorfilm, jedoch ein sehr intensiver und emotionaler im Stile eines "Repulsion" von Roman Polanski. Größere Verletzungen oder Morde gibt es nicht, dafür werden selbst kleine Szenen, wie ein eingerissener Nagel oder eine offene Kratzwunde effektvoll spürbar gemacht. Durch die Nähe zum Charakter wird Ninas Leid nachvollziehbar, sodass ein gebrochener Fuß im Film wesentlich schmerzvoller wirken kann als so manches Blutbad in einem Teil der "Saw" Reihe. "Black Swan" ist zudem ein sehr sexueller Film, da er die völlig unerfahrene Frau dazu zwingen will, erstmals Erregung zu spüren, damit sie die Sinnlichkeit des verliebten Schwans glaubhafter spielen kann. Die dafür nötige Selbsterkundung und aufkommende Fantasien fallen dabei etwas belustigend aus, tragen aber dazu dabei, den Charakter besser zu verstehen; und insgeheim, das Geschehen noch bizarrer zu machen. Hinzu kommt leichter Body-Horror ala "Die Fliege", da sich Nina in ihren Visionen entgegen ihres Willens stetig in etwas Neues verwandelt. Visuell ist "Black Swan" ein leicht anstrengender Film, da die Kamera immer nah dran bleibt und sich ständig mit Nina bewegt. Die Nähe macht viele Szenen somit unbequem, da man immer dabei ist und die Angst, die Verwirrung und die Verbissenheit der Figur unentwegt mitspürt, mit ertragen muss. Die Kamera wird sehr feinfühlig bei den vielen Tanzszenen eingesetzt, doch es gibt nur wenige Momente, in denen der Film los und atmen lässt. Der Score des Films ist eine Abwandlung des tatsächlichen musikalischen Hintergrunds des Schwanensee-Stücks. Clint Mansell, der bislang alle Aronofsky Film vertonte, greift dafür größtenteils auf Tschaikowsky Werke zurück, die er angebracht der Handlung jedoch oftmals wirkungsvoll verzerrt und auch mal rückwärts abspielt. Es bleibt jedoch zu sagen, dass sein Score zwar wirkungsvoll, aber nicht so eindringlich eigenständig bleibt, dass er eigens in Erinnerung bliebe. "Black Swan" ist ein Schwanengesang auf subtilen, exzellent gespielten Charakterhorror, wie man ihn heute nur noch selten genießen darf. Ein erstklassiger Film und einer der besten des Genres.

Was der Regisseur dieses exzellenten Dramas übrigens als nächstes dreht? "The Wolverine" - den fünften Auftritt Hugh Jackmans als Marvel-Held Wolverine, der -  kurioserweise - jedoch inhaltlich nichts mit den bisherigen vier Filmen der "X-Men" Reihe zu tun haben wird.

Fazit:
"Black Swan" ist ein wirkungsvoller Horrorfilm über eine fanatische Tänzerin, die bei ihrem Streben nach Perfektion alles zu verlieren droht. Ein faszinierendes Charakterportrait, das überraschend finster ausfällt und durch Portmans hervorragende Darstellung lange in Erinnerung bleiben dürfte.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich