BG Kritik:

Blade Runner 2049


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

Blade Runner 2049 (US 2017)
Regisseur: Denis Villeneuve
Cast: Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto, Sylvia Hoeks, Ana de Armas, Mackenzie Davis, Carla Juri und Dave Bautista

Story: Los Angeles im Jahre 2049: 30 Jahre nach dem Abspann von Ridley Scotts Meisterwerk ist der junge LAPD-Blade Runner K (Ryan Gosling) im Dienst. Die Jagd nach den Replikanten geht weiter.

Menschlicher als der Mensch! Was macht den Menschen zum Menschen?

Villeneuve plant, Dune neu zu verfilmen


Hello my friends,
I am excited for you to see my film today. I have a favor to ask of all of you. I do not know what you will think of my movie, however, whatever you write, I would ask that you preserve the experience for the audience of seeing the film the way you see it today… without knowing any details about the plot of the movie. I know this is a big request, but I hope that you will honor it.
Best, Denis

Mit diesen vorgeschalteten persönlichen Worten des Regisseurs Denis Villeneuve (Sicario, Arrival) begann die Pressevorführung seines neuen Werkes. Und Villeneuve hat völlig recht. Denn Blade Runner 2049 funktioniert vermutlich dann am besten, wenn man sich einfach nur ohne Kenntnis von Story-Details oder gar Twists hingibt, loslässt und hineinziehen lässt. Hineinziehen in eine Welt, welche bekannt und doch so fremd erscheint und die seit 1982 nicht mehr im Kino erforscht wurde. 1982, und damit zwei Jahre vor dem ersten Terminator von James Cameron, präsentierte Alien-Regisseur Ridley Scott ein von Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick inspiriertes Werk über ein dystrophisches Zukunftsbild, in welcher der wohlhabende Teil der Menschheit überwiegend zu den Sternen aufgebrochen ist und neue Welten kolonisiert hat, und einen dreckigen, grauen, dem Tode geweihten Planeten zurück gelassen hat, auf dem sich der arme, kranke oder sonst wie unterprivilegierte Teil der menschlichen Gesellschaft, zurückgelassen sieht. Allgegenwärtig beschallt von Neon-Reklame, ständigem Regen ausgesetzt, machte sich Harrison Ford als Rick Deckard auf, entflohene Replikanten – im Genetik-Labor als Sklaven-Rasse für gefährliche Arbeiten in den Kolonien im All geschaffene, auf der Erde illegale künstliche Menschen – hinzurichten/„in den Ruhestand zu versetzten“. Im Kino eher mäßig erfolgreich, eroberte sich das Werk über die Jahre und Jahrzehnte seit seiner Entstehung zurecht einen Spitzenplatz in diversen Besten-Listen und gilt ebenso zurecht als einer der einflussreichsten Science-Fiction-Filme aller Zeiten. Nun, gut 35 Jahre später also das Sequel. Und nein, man muss den 1982er Kult-Streifen hierfür nicht zwingend gesehen haben, denn Villeneuves Werk funktioniert u.a. dank kurzer informeller Einführung via Texteinbledung sicherlich auch für Einsteiger in die Welt der Blade Runner und Replikanten. Aber, diesen Zuschauern werden sicherlich viele Details, Verbindungen und Verweise abgehen, wodurch der Film mutmaßlich einiges an Wirkung, Größe und Emotionalität verliert. Da ein toller Film, sollte das Original also durchaus mal gesehen worden sein. Und idealerweise nicht zuletzt in 1982.

Bei Erfolg sollen eventuell weitere Teile folgen


Einen Klassiker fortsetzen. Mit neuer Hauptrolle und dem gealterten Star von damals in einer Nebenrolle. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Original. Ein im besten Falle lauwarmer Aufguss, um mit einem großen Namen ordentlich Kasse zu machen, ohne auch nur den Hauch der Originalität, Atmosphäre, Tiefe, Spannung, Emotionalität oder auch nur irgendwas von dem einzufangen in der Lage zu sein, was das Original auszeichnet. Bis auf einen Punkt (die Sache mit der Nebenrolle) stimmt das Alles nicht. Glücklicherweise. Denn Blade Runner 2049 erreicht gefühlt mühelos den Primus dessen, was ein (spätes) Sequel sein kann und sollte und darf sich bereits jetzt rühmen, zu den besten Fortsetzungen aller Zeiten - neben Werken wie Aliens, Terminator 2, Das Imperium schlägt zurück oder auch Der Pate 2 - zu gehören! Liebt (oder mag man zumindest) das Original, so sollte hier kein Hindernis bestehen, dass es sich mit dem 2049er Abstecher in diese Welt nicht ebenso verhält. Denn der Film sieht aus und fühlt sich auch so an, als hätte man lediglich 30 Jahre nicht hingesehen und öffne nun abermals die Augen. Und wo andere späte Sequels – oder noch schlimmer, Prequels – ihre Wurzeln vergaßen, bringt Blade Runner 2049 von 4:3 Röhren-Bildschirmen, über Regenschirme mit Neon-Griffen, übergroßen 3D-Werbetafeln von Coke, Atari und (sogar) Pan Am, ja, sogar die an Deckards Apartment erinnernde Raumgestaltung zurück, als wäre es gar nichts. Und all dies und weiteres fühlt sich so echt an - selbst, wenn einiges davon unmöglich(!) echt sein kann. Die Effekte (egal ob praktisch oder per Computer entstanden) sind – bis auf eine extrem pingelig betrachtete, gefühlte Millisekunden in einer speziellen Szene – über alle Zweifel erhaben, und gehören sicherlich zum Besten was jemals(!) aufgefahren wurde. Und das bei „nur“ 185 Millionen Budget. Wie zwischen Replikanten und Menschen, lässt sich auch in Villeneuves Film kein auf den ersten Blick erkenntlicher, optischer Fehler, Makel oder auch nur eine grobe Auffälligkeit finden. Kein Rotschimmer in den Augen, der Film sieht schlicht und einfach grandios aus, bietet Set-Design und Ausstattung in Vollendung und Perfektion, völlig belebt und befüllt mit faszinierenden Details einer zukünftigen Welt, welche immer wieder auch als Spiegelbild unsere heutige Gesellschaft fungiert und funktioniert. Denn ja, auch inhaltlich hält das Werk den hohen Standards des Klassikers gut stand, wirft philosophische und moralische Fragen zu Mensch und Menschlichkeit ebenso auf, wie zu Realität und Traum.

Beginnend mit einer Nahaufnahme eines der prägendsten Details und wiederkehrenden Motive des Originals, lässt Denis Villeneuve seine Zuschauer zu den einfach nur grandios, anmutig und sowohl künstlerisch als auch betörend schönen Bildern von Kameramann Roger Deakins (Skyfall, Sicario) über die Landschaft des Planeten Erde des Jahres 2049 dahin gleiten. Und wo den Replikanten die Fähigkeit zur Empathie – zumindest laut Gebrauchsanweisung und Versprechen des Herstellers – abgeht, so merkt man bereits in den ersten Sekunden und Minuten der gut zweieinhalb Stunden langen Laufzeit, konnte sich Denis Villeneuve offenbar völlig in das Drehbuch von Hampton Fancher (der Drehbuchautor vom Original Blade Runner) und Michael Green (Logan: The Wolverine, Alien: Covenant) und auch in die von Scott erschaffene Welt hinein versetzen, und lässt diese wachsen und gedeihen, ja, macht sie sich gar an einigen Punkten zu eigen. Ähnliches gilt für die erst kurz vor Vollendung der Nachproduktion hinzugekommenen Benjamin Wallfisch (A Cure for Wellness, Es) und Hans Zimmer (Batman v Superman: Dawn of Justice, Dunkirk), welche für Villeneuves Stammkomponisten Johann Johannsson übernahmen. Sie erschaffen eine sphärische, dröhnende und Gänsehaut generierende Stimmung mit ihrer immer wieder an die ursprünglichen Klänge von Vangelis erinnernden musikalischen Szenerie, greifen Teile und Klänge daraus auf, und schaffen darauf aufbauend, ihre eigene Soundkulisse oder lassen auch mal Stille, ja Ruhe für sich sprechen. Wie das Original, besticht auch der neue Teil über weite Strecken mit langen, ruhigen, und für die heutigen Sehgewohnheiten gar ungewöhnlich bedächtig wirkenden Einstellungen, nimmt sich Zeit seine Geschichte zu erzählen und stattet diese nur mit einem für die Handlung absolut notwendigem Maß an Action aus. Nein, auch Blade Runner 2049 ist kein Action-Film oder Feuerwerk, stattdessen eine eher ruhige und ab und an hart zuschlagende Science-Fiction Dystopie mit Momenten der bis in den Magen der Zuschauer vordringenden Gewalt. Hart, realistisch und ab und an auch blutig.

Zur Story sei noch erwähnt, dass diese angenehm wendungsreich ausfällt – nicht alle davon werden jeden Zuschauer austricksen können – voller Ansatzpunkte für Interpretationen (vielleicht ein paar weniger als das Original) und gespickt mit einer ungeheuren Vielzahl an Details. Dabei sowohl Kapitel abschließend, als auch potenziell mehrere neue Kapitel im Blade Runner Universum eröffnend. Der Film nimmt hierbei die philosophischen und moralischer Ansätze des Meisterwerkes, spinnt diese weiter und erhebt diese an einigen Punkten sogar über den bisherigen Status quo. Und obwohl ab und an deutlich wärmer und mit erhöhter Emotionalität, wirkt die Welt der Blade Runner auch in 2049 paradoxerweise ebenso dystopisch, melancholisch, hart, und kompromisslos wie jeher. So ist Blade Runner 2049 – vielleicht gar mindestens, das werden erneute Sichtungen zu klären haben – auf Augenhöhe mit dem Meisterwerk aus 1982. Ob er auch so großen Einfluss auf kommende Filme und Filmemacher haben wird, wird die Zeit zeigen müssen. Denis Villeneuve hat jedenfalls ebenfalls ein Meisterwerk geschaffen, die Welt von Blade Runner (fast nur, da ist diese eine kleine Sache...) sinnvoll erweitert, und ganz nebenbei noch Dave Bautista (Drax aus Guardians) offiziell zum Schauspieler befördert!

Fazit:

Blade Runner 2049 ist ein neuer Meilenstein des Science-Fiction-Kinos, und sollte unbedingt in größtmöglichem Format genossen, ja, aufgesogen werden. Intelligentes, wagemutiges, wunderschönes, emotionales und bildgewaltiges Kino welches keine XXL-Explosionen oder minutenlange Ballergefechte benötigt und wunderbar entschleunigt, für satte 165 Minuten glänzend unterhält und wohl noch deutlich länger beschäftigt.

9,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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