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Kritik:
Blair Witch


Kritik von Christian Mester

Blair Witch
(2016)
Regisseur: Adam Wingard
Cast: James Allen McCune, Callie Hernandez

Story:
20 Jahre nach den Ereignissen des ersten Films erhält der Bruder der damals verschwundenen Heather eine neue Videoaufnahme, die er für ein mögliches Lebenszeichen hält. Zusammen mit Freunden reist er flugs mit Zeltausrüstung und Kameras ins Städtchen Blair, um seine Schwester endlich aus den verfluchten Wäldern zu befreien...

Kritik:
Kaum eine prominente Horrorfortsetzung wurde so schnell auf den Scheiterhaufen gesetzt wie der sperrige zweite Teil von Blair Witch Project (BG Kritik Teil 1 und 2), weswegen ihre Steine stapelnde, Zelt rüttelnde Bibi Blocksberg des Bösen lang ins forstliche Exil verbannt wurde.

Die beiden Macher des Originals versuchten zwar immer mal wieder ein Prequel zu machen, das die Ursprungsgeschichte der besagten Hexe im Jahr 1800 nochwas gezeigt hätte, aber so wirklich finanzieren wollte das niemand (was sicher auch daran gelegen haben mag, dass kein einziger der Nachfolgefilme der beiden jemals wieder größere Beachtung erreichten (wobei Eduardo Sanchez' Alien Film Vergeltung durchaus einen Blick wert ist)). Dann fiel im Juli diesen Jahres plötzlich die Überraschungs-Meldung, dass Blair Witch Project 3 nicht nur endlich kommen würde, sondern längst abgedreht war (unter dem Codenamen The Woods). Cineastenerwartungen stiegen mit Blick auf die Regie, denn Adam Wingard (The Guest, You're Next) gilt nicht umsonst als einer der spannendsten neuen Macher im Genre. Wirklich überraschend war viel mehr, wie gleichgültig der Rest der Welt die Idee eines neuen Blair Witch aufnahm. Die Trailerkampagne wurde mit einem seufzenden Schulterzucken aufgenommen, der Film nirgends zum großen Diskussionsthema,
und als er schließlich in den USA anlief, war zahlentechnisch nicht zu merken, dass Blair Witch ein bekannter Franchise sein soll.

Dass der Film Neulinge verschreckt, war verständlich. Mit dem Titel könnte man glatt ein Remake erwarten, doch weil die Trailer betonten, dass schon die Leute aus dem 20 Jahre alten Teil gesucht werden, dachten sicher viele, dass man das Original kennen musste. Tja, falsch, denn die Verbindung zum ersten ist so minimal, dass sie irrelevant wird, und alle Infos über die Legende der Blair Hexe werden (in elendig stumpfen Expositionsmonologen) so akribisch neu erklärt, dass man nichts verpasst haben würde.

Die Grundzüge sind die gleichen des Originals: Ein paar junge Leute ziehen mit Videokameras in die Blair Wälder, um der gruseligen Legende nachzugehen. Kaum angekommen, mehren sich die schaurigen Vorkommnisse, bevor zum Schluss ein altes Haus aufgesucht wird. Die ganze Zeit über filmen sich die Leute, und wie im Original gibt es viele Szenen, in denen jemand nachts durch den Wald stapft, unheimliche Geräusche hört und verzweifelt nach seinen Freunden ruft. Es lässt sich nicht abstreiten, dass Wingard viele effektive Gruselszenen gelingen. Vor allem die letzten 20 Minuten spielen durchaus gekonnt mit Hochspannung, unheimlichen Angriffen und Erscheinungen inklusive einer an The Descent erinnernden Tunnelkrabbelei, und schnüren das haarsträubende Finale logisch und abschließend in die etablierte Mystik ein.

Der erste Film hatte amateurhafte Schauspieler in schmierigen abgenutzten Klamotten, die einander mit klobigen Uraltkameras filmten und alle ihre Dialoge improvisierten. Es wirkte so fesselnd echt, weil es größtenteils echt war. Der neue Film verspricht denselben Effekt, lässt alle seine Figuren eifrig alles filmen und sie auch ja darüber sprechen, dass sie regelmäßig ihre Akkus und Speicherkarten wechseln um das Bild beibehalten zu können. Im Vergleich zum Original könnte es allerdings kaum künstlicher wirken. Die meisten Verängstigungen der typisch gut aussehenden jungen Leute in Markenkleidung wirken gespielt, die Dialoge einstudiert, eine spätere Szene an einem Haus gar wie in einer Halle gedreht. Der Film will ein Miterleben angeblich echter Ereignisse sein, steht sich mit seiner Künstlichkeit aber ständig selbst im Weg.



Visuell darf man Blair Witch tolerabel nennen, da es seinen Zweck erfüllt. Gerade im Zeitalter der videoverrückten Vine-/Instagram-Generation hätte man sich hier aber ruhig innovativeren Einsatz wünschen dürfen, wie es etwa Paranormal Activity 3 mit seiner Ventilatorenkamera gemacht hat. Zwar kommt im Film eine Drohne als mobile Luftkamera vor, wird aber kaum genutzt. Was den Sound betrifft, ist Blair Witch ein wesentlich lauterer Film als der Erstling. Nahm der sich oft Ruhepausen, damit man mithorchen und mitbibbern konnte, was da wohl in der Nähe knistert, bollert der neue so hektisch und laut durchs Unterholz, dass man jederzeit erwarten darf, dass
ein Tyrannosaurier auftaucht.

Grundsätzlich fangen die Kameras jede Menge saftigen Grusel ein, angefangen mit den bekannten unheimlichen Steinstapeln und Holzfiguren. Im Gegensatz zum ersten Teil - Zwei war ja eher eine Spin-off Geschichte, die ohne Blair Hexe auskam - geht es hier allerdings noch wesentlich weiter. Weiter heißt in diesem Fall, dass man nicht nur die Blair Hexe selbst zu Gesicht bekommt (wirklich gruselig), sondern überdies noch weitere Elemente gezeigt oder angedeutet werden, die jede Menge Interpretationen ermöglichen. Ist das eigentliche Grauen der Blair Wälder eventuell nicht von dieser Welt? Interessant ist auch, wie die neue Geschichte mit ungewöhnlichen örtlichen und zeitlichen Grenzen spielt, die den Franchise zusammen mit den neuen Kreaturen nun deutlich in den Fantasybereich kicken.

Schade ist allerdings, wie faul Adam Wingard in der ersten Stunde auf das denkbar einfallsloseste Horrorfilminstrument zurückgreift: den Jumpscare. Fast schon albern oft springen die Figuren mit einem lauten Buh-Sound schreckhaft vor die Kamera, um andauernd für neue Schreckmomente zu sorgen. Das mag ein-, zweimal in Ordnung sein, doch das Maß im Film ist so hoch, dass die vielen Jumpscares nicht nur absehbar werden, sondern sogar anfangen zu nerven. Es sorgt dafür, dass in den ersten zwei Dritteln selten echte Atmosphäre aufkommen kann und fängt schnell an, billig zu wirken, vielleicht sogar panisch, ohne dauernde neue Reize langweilig zu werden. Da hätte man von einem Wingard, der mit You're Next und The Guest einige Male clever mit Genre-konventionen spielte, mehr erwarten dürfen.

Dass der rund 24jährige Hauptcharakter seine Schwester erst 20 Jahre später suchen gehen will, und das auch noch aufgrund eines körnigen Youtube-Videos, wirkt höchst unglaubwürdig. Figuren wie Fox Mulder kaufte man eine gewisse Obsession ab, sich jahrelang vehement gegen alle Rationalität an ein Wiedersehen zu klammern, doch dieser junge Mann legt so eine müde Motivation an den Tag, dass man ihm kaum glauben kann. Seine Begleiter sind ebenfalls maue Figuren: Neben einem einsilbigen Arsch und einer niedlichen Kollegin, die ein Auge auf den Hauptcharakter geworfen hat, gibt es noch zwei unwichtige Frauenfiguren und einen zwielichtigen Spinner, dessen Geheimnisse weit weniger Wirkung erzielen als beabsichtigt und dessen Absichten bei genauerer Überlegung keinerlei Sinn zu ergeben scheinen. Wie auch der ausschlaggebende Aufbruchsgrund wirken vieler dieser Elemente wie reiner Selbstzweck. Es mögen immer kurze Szenen sein, doch die fahrlässige Unachtsamkeit beeinflusst das Gesamtbild, vor allem den Versuch, ein möglichst authentisches Mittendrin-Erlebnis zu entwickeln.
 
Fazit:
Blair Witch 3 (der kurioserweise Blair Witch heißt) bedarf keine Vorkenntnisse der anderen und kann in der Masse der vielen Blair Witch Project Nachfolger solide mitzelten. Als Teil dieser Reihe kehrt er brauchbar zum Stil des Originals zurück und erweitert den Mythos auf interessante Weise, bleibt aber im Gestrüpp unnötiger Probleme hängen. Trotz effektiven Grusels gelingt dem dritten keinerlei Authentizität, die er verzweifelt zu emulieren versucht, und die interessanten neuen Aspekte kommen leider erst spät, nach einer drittklassigen ersten Stunde, die man von einem Talent wie Adam Wingard so nicht hätte erwarten sollen. Rundum ein okayer neuer Ableger, aber ob man den längst mit Moos überwucherten Franchise dafür unbedingt neu ausgraben musste, darf man ruhig skeptisch in Frage stellen. Immerhin besser als ein seelenloses Remake.

5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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