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Kritik:
The Blair Witch Project
&
Book of Shadows: Blair Witch 2


Kritik von Christian Mester

The Blair Witch Project
(1999)
Regisseur: Daniel Myrick, Eduardo Sanchez
Cast: Heather Donahue, Joshua Leonard, Mike Williams

Story:
Drei Filmstudenten bewaffnen sich mit Kamera, Zelt und ausreichend Proviant, um eine Doku über ein kleines Provinzstädtchen zu drehen. Nichtsahnend ziehen sie nach Aufnahme einiger Interviews in die Wälder und zeichnen dort Eindrücke der Gegend auf. Mit Einbruch der ersten Nacht beginnt allerdings ein Grauen, das sie nicht mehr gehen lässt...

Kritik:
Keine Frage: der erste Blair Witch war einer der größten Hypefilme der 90er. Obwohl Mann beisst Hund und Cannibal Holocaust das „gefundene Material“ Subgenre bereits längst erfunden hatten, war es erst dieser beklemmende Zeltausflug, der eine ganze Welle an weiteren Found Footage Titeln ins Rollen brachte, darunter die sieben Teile Paranormal Activity. Blair Witch 1 war also fraglos ein einflussreicher Film, aber ein guter? Gerade nach so vielen ähnlichen Titeln müsste das Bestehen schwieriger geworden sein – sollte man meinen. Tatsächlich kann er sich auch heut noch behaupten und ist, gänzlich befreit vom Medientrara als ach so wichtiges Horror-Event des Jahres ein feiner kleiner Genrebeitrag.

Myrick und Sanchez pokerten damals waghalsig hoch. Beide selbst noch recht unerfahrene Regisseure, überließen sie die Kameras den drei engagierten Amateurschauspielern selbst, die zwar grobe Vorgaben hatten, was zu tun war, ansonsten aber 8 Tage lang allein im Wald unterwegs waren und sich dabei gegenseitig filmten. Myrick und Sanchez sorgten für Spuren und unheimliche Geräusche, auf die die drei dann passend reagieren sollten. Alle Beteiligten behaupteten jedenfalls im Anschluss, dass es so abgelaufen ist, doch auch das darf man in Frage stellen. Das ganze Projekt spielt ohnehin interessant mit den Ebenen der Wahrheiten. In den USA behauptete die Marketingkampagne mit Erfolg, dass der Film eine echte Doku und die drei tatsächlich verschwunden seien. Derweil kommen im Spielfilm Filmfiguren vor, die als Filmemacher eine Doku-im-Film drehen, während es tatsächlich Schauspieler sind, die den laufenden Film mit sich selbst als filmenden Filmern selbst gefilmt haben. Teil 2 kommentiert das noch schräger, aber schon dieses erste Konstrukt der Wahrheiten verleiht den Filmen einen besonderen Touch, den es von anderen unterscheidet.

Wieso hoch gepokert? Amateurdarsteller zu casten lässt so schon selten Gutes erwarten, doch ihnen dann auch noch Kamera und alle Dialoge zu überlassen, hätte ein Fiasko werden können. War es im Rohmaterial eventuell auch, doch Myrick und Sanchez erreichten damit eine selten erreichte Authentizität. Die drei wirken so echt, weil sie sich echt unterhalten, echt übermüdet sind, echt streiten, echt erschrecken. Dadurch, dass sie keine besonders talentierten Kameraleute sind und keine sauberen, geschönten Motive zaubern, die Kamera häufiger auch mal schief halten oder was schlecht fokussieren, verstärken sie unbeabsichtigt den Eindruck, nicht geformt, strukturiert, vorgegeben, sondern zu agieren, uns an Realität teilhaben zu lassen. Viele moderne Found Footage Filme wie Chernobyl Diaries scheitern gerade an diesem Punkt, weil die Bilder zu geplant aussehen, die Dialoge und Reaktionen gespielt wirken. Nicht so bei Blair Witch 1, dem es sogar zu gute kommt, keine 4K Auflösung bieten zu können.

Amateuraufnahmen fallen in der Regel unbrauchbar aus, und das kann prinzipiell auch bei Blair Witch 1 der Fall gewesen sein. Was jedoch gänzlich dagegen arbeitet, ist ein fulminanter Schnitt. Der Film wurde zwar in knapp einer Woche komplett gedreht, doch die Nachproduktion nahm Monate in Anspruch. Der gewiefte Schnitt hilft, Dialoge und Momente passend zu akzentuieren, was von Script- und Schauspielerseite so nicht hätte klappen können. Was ein endloses Schlendern und Meckern im Wald hätte sein können, wird durch den Schnitt zum temporeichen Thriller, der bis zum Schluss immer mehr Fahrt aufnimmt.



Bemerkenswert ist auch das Sounddesign, das das tatsächliche Erlebnis, nachts im Wald unterwegs zu sein, vortrefflich umsetzt. Das Fehlen von Musik und eine starke Zurückhaltung sorgen dafür, dass man die Ohren spitzt und kleinstes Knistern und Knacken die Nackenhaare aufstellt.

Ist der Trip in den Wald denn aber nur ein banal zusammengesetztes Aneinanderreihen von gefilmten Reaktionen auf Buh!-Momente Marke Slenderman, wie man sie zuhauf auf Youtube sehen kann, und mit denen Pewdiepie Millionen Fans erreichte? Auch nicht. Wer Hardcore Fan war, konnte sich mit Hilfe einer großartig entwickelten Website (eine der ersten wirklich kreativen Filmwebsites), drei Videospielen und diversen weiteren Büchern und Dokus weiter schlaumachen, doch die eigentliche Filmstory ist clever, aber knapp. Zu Anfang gibt es ein paar erste Hinweise auf die Legenden von Serienmörder Rustin Parr und der Blair Hexe, doch der Film behandelt es beiläufig und auch die drei Filmstudenten, die den Film eher aus Langeweile als aus ehrlichem Interesse am Thema drehen, befassen sich kaum damit. Tauchen dann später jedoch unheimliche Holzfiguren und Steinstapel auf, Bündel mit menschlichen Teilen und diverse Geräusche, passen die vage gestreuten Indizien sinnvoll zusammen. Interessant ist dabei, dass es in beiden Fällen funktioniert. Passt man auf, sind die Hinweise interessante Aha-Momente, anderenfalls sind es trotzdem spannende Mysterien. Das echte Highlight ist die allerletzte Szene des Films, die gleichermaßen schockiert und grübeln lässt. Zu bemerken ist ja auch, dass die wenigen existierenden Infos auf Hörensagen und Gerüchten basieren; was tatsächlich im Busch ist, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Die ist übrigens ein weiterer Pluspunkt des Films. Mehr noch als bei Der Weiße Hai kommt es hier immens auf das an, was man eben nicht sieht, was man meint gesehen zu haben. Jeder sollte im Nachhinein noch einmal durch den Film spulen und sich überzeugen, wie viel man von der Blair Hexe zu Gesicht bekommt.

Fazit:
Was Spielbergs Der Weiße Hai für Strände erwirkte, erreichte Blair Witch 1 für nächtliche Waldbesuche. Der simple Film mit seinen Amateurschauspielern und Laienaufnahmen mag prinzipiell kein großartiger Film sein, ist aber Dank genialer Schnittarbeit ein großartiges Filmerlebnis. Der Zahn der Zeit hat ihm zudem nicht geschadet. Die körnige Bildquali trägt sogar noch dazu bei, die Authentizität des Ganzen zu erhöhen.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

Book of Shadows: Blair Witch 2 (2000)
Regisseur: Joe Berlinger
Cast: Erica Leerhsen, Kim Director, Jeffrey Donovan

Story:
Im zweiten Teil begeben sich Fans obigen Films zum Drehort in den Blair Wäldern und erleben
dort - wie sollte es auch anders sein - ebenfalls unheimliche Vorkommnisse. Verwirrt und ohne Erinnerungen kehren sie zurück in die Stadt und versuchen zu rekonstruieren, was tatsächlich vorgefallen ist.


Kritik:

Blair Witch 2 kam schon ein Jahr später und versuchte wie Paranormal Activity 2, Startschuss einer ganzen Reihe zu sein. Kurios ist allerdings, mit welcher Ignoranz das Filmstudio die erstbeste Idee durchwinkte. Mit Joe Berlinger engagierte man einen professionellen (heute Oscar nominierten) Dokumentarfilmer, der in erster Linie für die Aufarbeitung des Falls der Memphis Three bekannt wurde. Darin ging es um ein paar junge Leute, die eines grausamen Mordes bezichtigt wurden, und dem eine lange Ermittlung folgte, um das Geschehen aufzuarbeiten. In Blair Witch 2 geht es nun rein zufällig ebenfalls um ein paar junge Leute, die eines grausamen Mordes bezichtigt werden und in einer langen Ermittlung versuchen, das Geschehen aufzuarbeiten. Tatsächlich kam es sogar zum Streit zwischen Studio und Filmemacher, da letzterem ein sperriges Psychodrama vorschwebte, das Studio aber ein möglichst kommerzielles, hippes und erwartungsgerechtes Horrorsequel wollte.

Zu spät merkte man die Differenzen, und so ist der Film ein dröger Thriller auf 0815 DVD-Niveau, der mit damals beliebter Musik von Marilyn Manson, POD und Konsorten und einigen losen Verweisen auf den Blair Witch Mythos vergebens um Aufmerksamkeit buhlte, mit random eingeworfenen, musikvideoschnipselartigen Mordvorstellungen, die den Film so gerade noch helfen, überhaupt ins Genreregal Horror zu passen.

Tatsächlich wird sogar nur eine Nacht im Blair Wald verbracht, in der es zu keinerlei Treffen mit besagter Hexe kommt. Stattdessen feiern Touris und örtliche Fremdenführer eine rauschende Nacht, die wie eine Art böses The Hangover mit einer Orgie und Toten endet, an die sich dann keiner erinnern kann. Der ganze restliche Film verzieht sich in ein ungewöhnliches Wohnhaus, in dem sich die Beteiligten gegenseitig anfeinden und sie von blutigen Visionen geplagt werden. Das hätte auf einem höheren Niveau ein interessanter Film für ein Nischenpublikum werden können, das offen für originelle, ungewöhnliche Neuausrichtungen ist (so wie 10 Cloverfield Lane beispielsweise nahezu nichts mit Cloverfield zu tun hat oder Hellraiser 4 plötzlich in mehreren Zeiten spielt), doch da er weder die nächtliche Waldatmosphäre, noch das beklemmende Mittendringefühl des Vorgängers zu bieten hat und auch den Blair Mythos auf keinste Weise interessant vertieft oder fortsetzt, konnte und kann man von Blair Witch 2 – in dem im Übrigen kein einziges Book of Shadows vorkommt – nur enttäuscht sein.



Für sich sicherlich kein völlig miserabler Film, aber ein fraglos fahler Nachfolger ohne nennenswerte Stärken. Interessant ist eventuell zu wissen, dass Berlinger auch Some Kind of Monster gedreht hat. Jene Metallica Doku, in der die St. Anger Schaffenskrise dokumentiert wurde und es anstatt packend intimer Konflikte bloß nervige Streitereien zwischen Hetfield, Hammett und Ulrich zu sehen gab. Blair Witch 2 ist dasselbe mit unbekannteren Gesichtern, darunter Erica Leerhsen aus dem Texas Chainsaw Massacre Remake, und dem selben belanglosen Effekt nerviger Streitdiskussionen. Unter den Figuren sind eine zynische und dauerqualmende Goth, eine besorgte Schwangere und eine naturverliebte Wicca, die zusammen mit drei gänzlich blassen Männern belanglose Diskussionen dreschen. Das mag alles etwas professioneller aussehen und gespielt sein als im Vorläufer, doch abgesehen von Leerhsens quirliger Waldfee wirkt der Rest (inkl. Jeffrey Donovan, der später die Hauptrolle in der Serie Burn Notice übernahm) wie eine witzlose Worst Case Sitcom.

Wahllos eingeworfene Blutfantasien täuschen nicht darüber hinweg, dass der Film sichtlich nicht an Horror interessiert ist – und als Drama schlichtweg zu fad inszeniert ist. Das hat auch Berlinger begriffen, der sich anschließend wieder seinen Dokus widmete und nie wieder einen Spielfilm gedreht hat,

Fazit:
Blair Witch 2 mag sich damit brüsten können, gewisse Ambitionen gehegt zu haben, doch im Endeffekt ist es ein zutiefst enttäuschendes Blair Witch Project Sequel und ein augenscheinlich irrelevanter, drittklassiger Psychothriller, der ohne den bekannten Titel direkt und zurecht rasch in Vergessenheit geraten wäre.

3 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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