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Kritik:
Blancanieves - Ein Märchen von Schwarz und Weiß


von Christian Westhus

BLANCANIEVES
(2013)
Regie: Pablo Berger
Cast: Maribel Verdú, Daniel Giménez Cacho, Macarena García

Story:
Als ein berühmter Torero in der Arena schwer verletzt wird, hängt sich eine egoistisch-intrigante Pflegerin an den Witwer, um dessen neue Frau zu werden. Tochter Carmen, bei deren Geburt die erste Frau des Toreros starb, wird vom gebrochenen Vater und der bösen Stiefmutter lange ignoriert. Als Carmen als junges Mädchen zum Anwesen ihres Vaters zurückkehrt, hat die Stiefmutter das Regiment übernommen und tyrannisiert das junge Mädchen. Oder auch: „Schneewittchen“ auf Spanisch, mit Stierkampf und Flamenco.

Kritik:
Märchen liegen aktuell voll im Hollywood-Trend. Es vergeht kaum ein Vierteljahr, ohne dass eine Neuverfilmung, Neuverwurstung oder Hommage in die Kinos kommt. Europa, als Ursprung der meisten Märchenvorlagen, ist bisher nur zaghaft auf den Märchenexpress im Kino aufgesprungen. Spanien, das im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich und Italien nicht besonders viel mit den so genannten „klassischen“ Märchen zu tun hatte, liefert nun aber den einfallsreichsten Märchenfilm seit langem ab und die vielleicht beste „Schneewittchen“ Verfilmung seit dem unsterblichen Disney Klassiker. Spanien, als Land der Leidenschaft, mit seiner ganz eigenen Kultur, erzählt durch Regisseur und Autor Pablo Berger die altbekannte Schneewittchengeschichte als schwarzweißen Stummfilm, in dem Flamenco und Stierkampf eine faszinierende Symbiose eingehen. 

Anders als im Oscar Gewinner „The Artist“, der sein eigenes Dasein als Stummfilm zum Thema machte, indem über Hollywood und die Entwicklung des Stumm- und Tonfilms gesprochen wurde, hat die Präsentationsform bei „Blancanieves“ eine ganz eigene Funktion. Einen Schneewittchenfilm in Schwarz (wie Ebenholz) und Weiß (wie Schnee) zu erzählen, macht irgendwie Sinn, doch das leicht artifizielle Gefühl des Stummfilms, der nur über Bilder und Musik seine Geschichte erzählt, taucht die Handlung noch stärker in ein unwirkliches, zauberhaftes, ja, märchenhaftes Licht. Dass die Musik von Alfonso de Vilallonga wunderbar und die schwarz-weiß Fotografie schlicht zum Niederknien schön ist, hilft natürlich. Wir nehmen die großen Gesten, die nicht immer realistischen Handlungsstationen und die so konträr gesetzten Figuren in dieser unwirklichen Umgebung viel schneller an. Sei es das Mädchen Carmen, als gutherzige Unschuld, die trotz erlittener Pein nie ihr Lächeln verliert, oder Maribel Verdú als böse Stiefmutter, deren Egoismus, Geltungsdrang und Skrupellosigkeit ohne große Begründung oder Charakterisierung auskommt. Stattdessen greift sie auch im Schlafzimmer gerne mal zur Peitsche.

Es ist besonders ein audiovisueller Genuss, wie Berger in geschickter Montage die wunderbar ausgeleuchteten Bilder und die abwechslungsreichen Musikstücke arrangiert, wie insbesondere zum Auftakt in der Stierkampfarena die Körperlichkeit im Kampf des Torero gegen den schwarzen Stier zelebriert wird, bis zum entscheidenden Moment, als der Lichtblitz einer Fotokamera aufzuckt. Dies ist nicht der Film, um über das Für und Wider des Stierkampfes zu diskutieren. Berger nutzt die Bildgewalt dieses kulturell aufgeladenen Kampfes, nutzt Metaphern von Männlichkeit, Körperlichkeit, Mut und animalischer Bedrohung, die er im Folgenden auf die eigentliche Handlung ausbreitet. Der Flamenco, als eher weibliche Ausdrucksform, fließt in diese Metaphersammlung mit ein. Carmen und die Stiefmutter schlüpfen nach und nach in ihre eigenen Rollen, wählen ganz bewusst Farben aus, während die bekannten Stationen des Märchens mal mehr, mal weniger offensichtlich aufgegriffen und umgewandelt werden. 

Bergers spielfreudiges, kreatives Script wird besonders clever, als die Grimm’sche Märchenwelt durch einen Metakniff in der Handlung verankert wird. Schon zuvor liest Carmen mit ihrem Vater „Rotkäppchen“, doch es sind schließlich die Zwerge (nur sechs an der Zahl), die Carmen Schneewittchen nennen, in bewusst geäußerter Anlehnung an das Märchen. Und was zunächst eher humoristisch für Querverweise und kleinere Witze genutzt wird, offenbart seinen tragisch-vielschichten Charakter genial und wirkungsvoll am Ende, wenn aus einem Märchen ein Produkt wird. Bedauerlich ist vielleicht, dass die Zwerge, wie auch die Rolle des „Prinzen“, in ihrer Charakterisierung etwas blass bleiben und durch den Märchen- und Stummfilmcharakter nur bedingt lebendig gehalten werden. Abgesehen davon ist „Blancanieves“ ein betörend schöner, origineller und faszinierender Film, der zeigt, was man durch kreative Märchenadaption erreichen kann.

Fazit:
Ein visueller Hochgenuss, der auch inhaltlich einiges zu bieten hat. Wer bei der Kombination von Schneewittchen, Stummfilm, Stierkampf und Flamenco neugierig wird, sollte einen Blick riskieren.

8 / 10

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