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Kritik:
Blau ist eine warme Farbe


von Christian Westhus

LA VIE D'ADÈLE: CHAPITRES 1 & 2
(2013)
Regie: Adbellatif Kechiche
Cast: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

Story:
Adèle (Exarchopoulos) geht noch zur Schule, hat dort annehmbare Noten und quatscht mit Freundinnen gerne mal über Jungs. Als sie zufällig der etwas älteren, blauhaarigen Emma (Seydoux) begegnet, ist es quasi sofort um Adèle geschehen. Für sie ist es die erste große Liebe.

Kritik:
Für den Gewinner der goldenen Palme von Cannes 2013 war das restliche Jahr ein Auf und Ab. Erst der Gewinn des renommiertesten Festivalpreises der Welt, dann die Sensation, dass dieser Preis erstmalig in der Festivalgeschichte zusätzlich zum Regisseur auch an die beiden Hauptdarstellerinnen ging, ehe tatsächliche Reaktionen lauter wurden. Überwiegend gefeiert, wurde auch Kritik laut, die von Interviews der Beteiligten manchmal sogar noch verstärkt wurde. Jeder hatte eine Meinung, wie Regisseur Abdellatif Kechiche diese dreistündige Geschichte über die erste Liebe, die erste lesbische Liebe noch dazu, inszenierte, wie die auffällig freizügigen Sexszenen aufzufassen seien und wie sehr Kechiche als Mann überhaupt vom Thema verstehen kann. „Blau ist eine warme Farbe“ ist ein Film, für den man sich von sämtlichen Hintergrundinfos freimachen sollte. Kechiches Film, relativ frei vom Comic von Julie Maroh adaptiert, erzählt nichts grundlegend Neues und doch ist er etwas ganz Besonderes. Auch nicht der Fokus auf eine Liebe zwischen zwei Frauen ist wirklich neu und der Film vermeidet es, zu sehr ein „Statement“ Film zu werden. Probleme des Coming-Outs oder gesellschaftliche Akzeptanz sind nicht die Hauptthemen des Films, der zu einer Zeit erscheint, als im Herstellungsland Frankreich regelmäßig Leute zum Thema Homo-Ehe und Gleichberechtigung auf die Straßen gehen. Kechiche interessiert das nur am Rande. Ihn interessieren die Figuren und ihn interessieren das Gefühl und der Weg der Liebe. Aber ganz besonders interessiert ihn Adèle. 

Adèle, deren Mund immer ein wenig offen steht, die ihren Haar-Wust wild zusammenknotet und die mit sichtbarer Wonne Spaghetti isst. Gerade Adèle hat immer und zu jeder Zeit Hunger, stopft pausenlos etwas in sich hinein. Wenn sie Kummer hat, holt sie eine Notfallkiste mit Schokolade hervor und wenn es ihr gut geht, gibt es eine Extraportion Spaghetti. Auch auf Sex hat Adèle Hunger. Sie probiert es erst mit einem Jungen, weil man das halt so macht und weil der Junge ganz nett ist. Aber irgendwas fehlt. Es sei nicht seine Schuld, sagt Adèle und sehnt sich im sinnlichen Lusttraum schon nach der blauhaarigen Unbekannten, die sie im Vorbeigehen für wenige Sekunden sah. In der Schule bekommt sie einen Kerngedanken mit auf den Weg. Aus einem Roman („La vie de Marianne“ von Marivaux) formuliert der Lehrer das Bild eines begehrenden Herzens. Ein Herz, dem etwas fehlt, das sich nach etwas sehnt, wie nach einer flüchtigen Begegnung, in der ersten, noch so fremdartigen Liebe. Und genau so geht es Adèle bald. Wie von einer unsichtbaren Macht oder unerklärlichen Neugierde erfasst, zieht es Adèle eines nachts in eine Lesbenbar. Kurz darauf steht Emma an Adèles Schule und sucht den Kontakt, sehr zur Irritation von Adèles Freundinnen, die die etwas burschikose Emma sofort in die „Lesbenschublade“ stecken. Genau dort will Adèle nicht landen, doch stärker ist der Wunsch, Emma nahe zu sein und noch näher zu kommen. 

Auffällig ist, dass Adèle und Emma nicht als Seelenverwandte inszeniert werden. Ihre Verbindung ist tiefer und abstrakter. Ihre Interessen und Ziele im Leben sind teilweise stark unterschiedlich. Schon im Gespräch mit dem Jungen fand Adèle wenige Gemeinsamkeiten bei Hobbys und Interessen. Und auch wenn Emma sie auffordert, sich doch auch mal in den „schönen Künsten“ zu versuchen, verneint Adèle und sieht in diesen Differenzen kaum ein Problem für die Beziehung, solange beide sich lieben. Zum Problem werden, wie in den meisten Beziehungen, andere Dinge. Kechiches Inszenierung fokussiert sich dabei auf die Gefühle, nicht auf die Mechanismen einer Beziehung. Er inszeniert den Film extrem nah, zu einem Großteil über Nahaufnahmen von Adèle, um ihren Mund, ihren suchenden, hungrigen Blick oder ihre stets zauseligen Haare zu ergründen. Und plötzlich macht dieses über Nahaufnahmen erzählte, dreistündige Liebesepos einen verblüffenden Zeitsprung überspringt damit einfach mal gängige Themen und Motive des „Problemfilms“, bei dem es explizit um Homosexualität gehen würde. Kechiches Film handelt stattdessen von der ersten, wilden, noch unverständlichen und lange unstillbaren Liebe. Und seine Nahaufnahmen funktionieren so gut, weil sie mit ausdrucksstarken Gesichtern gefüllt sind.

Schauspielerin Adèle Exarchopoulos ist schlicht sensationell und das auf so natürliche, ehrliche Art. Sie hat eines dieser Gesichter, das ohnehin schon markant und ausdrucksstark genug ist, im permanenten Closeup zusätzlich verstärkt wird. Ja, es ist Kechiches Blick, der Adèle hier zu einem fast schon mythologischen Wesen stilisiert und zelebriert. Aber bei all dem Realismus und den unbestreitbar ehrlichen und geradezu aggressiv unverfälschten Szenen, ist Kechiches Stil eben auch ziemlich ausgeprägt. So ist es kurzsichtig und bedauerlich, die auffällig langen und extrem freizügigen Sexszenen als Pornographie abzutun oder Kechiche vorzuwerfen, er würde Lesbenpornos für heterosexuelle Männer drehen. Der erste Sex ist ein Erweckungserlebnis für Adèle, ein sinnlich-körperlicher Rausch, der eine übernatürliche, ja fast transzendentale Wirkung hat. Gerade im Kontrast mit dem nicht weniger freizügig gefilmten Sex mit dem Jungen zeigt sich, dass Adèle mit Emma das findet, was ihr beim Jungen fehlte. Sie verliert sich in ihrer Lust. Vielleicht hätten wir das aber auch in einer fünfminütigen, statt letztendlich fast zehnminütigen Szene verstanden. Léa Seydoux, seit Jahren eine der interessantesten jungen Schauspielerinnen Europas, ist kaum weniger stark in ihrer Rolle. Emma ist schon einige Schritte weiter als Adèle, hat sich als Person und als sexueller Mensch gefunden. Als Künstlerin fällt es Emma aber auch leichter, ein Leben zu führen, das die Gesellschaft als „unnormal“ oder „exzentrisch“ bezeichnen würde, während Adèles Traumberuf Lehrerin ist. 

Mit Emmas erwachsenen und häufig intellektuellen Freunden aus dem Kunstgewerbe gibt es zahlreiche längere Gespräche, häufig im direkten allegorischen Bezug zur Handlung. Die Kunst von Klimt und Schiele, die Philosophie von Sartre oder ein im Hintergrund laufender Stummfilm nehmen immer wieder direkt Bezug zu Adèle, Emma und ihrer Beziehung. Dafür nimmt sich Kechiche ausreichend Zeit. Bei einer Laufzeit von drei Stunden erwartet man förmlich Längen. Eine redselige Gartenparty oder ein Abendessen bei den Eltern können mit ihren manchmal so beiläufig wirkenden Dialogen nicht immer vollends faszinieren. Umso erstaunlicher aber, dass wir hier und da fast nach mehr gieren, weil Kechiche sein Liebesdrama um ein paar durchaus nützliche Details bringt. Und sei es nur die Frage, wie Nebenfiguren im Laufe der mehrere Jahre umfassenden Geschichte auf Adèle und Emma reagieren. Dass Kechiche dennoch weiß, worauf er hinaus will, spüren wir spätestens beim Ende. Bei einem späten Gespräch in einem Café bebt die Leinwand, so sehr werden die Emotionen spürbar und wirken aus der Leinwand heraus bis zum Zuschauer. Hier zeigt sich die wahre Leistung von Kechiche, Exarchopoulos und Seydoux. Wir fühlen wir uns ausgelaugt, aber den Figuren so unglaublich nahe. Wir wurden elektrisch aufgeladen und sind nun ganz nah dabei, wenn sich Emotionen auf Hochspannung entladen. 

Der erzählerische Fokus liegt dabei jedoch stets bei Adèle. Es ist ihr Film, ihr Leben. Kechiche änderte den Originaltitel der Comicvorlage (den der deutsche Filmtitel wieder aufnimmt) zu einem zunächst simpel klingendem „La vie d’Adèle“. Das verweist erneut auf den Roman von Marivaux, den Adèle in der Schule analysierte und mit Inbrunst verschlang, wie sie sagte. Es ist das Leben von Adèle, das wir hier sehen. Ihre Perspektive, ihre Wirkung und Wahrnehmung. „Chapitres 1 & 2“ heißt es im vollständigen Titel; Kapitel 1 und 2 dieses Lebens. Nach dem zentralen Zeitsprung, dem Kapitelwechsel, fehlt plötzlich das Blau in Emmas Haaren und wir blicken in eine neue Phase aus Adèles Leben. Vorbei ist der jugendlich-ungestüme Rausch der ersten Liebe und der ungehemmten Sexualität. Nun muss sich zeigen, wie sich diese Liebe mit dem Leben arrangiert. Und es wird weiteren Phasen, weitere Kapitel geben. Obwohl es höchstwahrscheinlich nie eine Fortsetzung zu diesem Film geben wird, deutet Kechiche in einem grandiosen Schlusskniff durch Musik und Farbsymbolik über das Ende dieses großen und großartigen Films hinaus.

Fazit:
Großartiges Liebesdrama, zwar überlang, dadurch aber berstend vor Emotionen. Realistisch, intim und freizügig, lebt der Film besonders von seinen beiden Hauptdarstellerinnen. Adèle Exarchopoulos ist schlicht umwerfend.

8,5 / 10

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