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Kritik:
The Bling Ring


von Christian Westhus

THE BLING RING
(2013)
Regie: Sofia Coppola
Cast: Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson

Story:
Inspiriert von wahren Ereignissen: Eine Gruppe Jugendlicher in L.A. zieht nachts um die Häuser und bricht spontan in die Häuser von Berühmtheiten ein. Man fotografiert sich im Ankleidezimmer von Paris Hilton und lässt beim Verlassen noch eine Schmuckkette und eine teure Handtasche mitgehen. Der Star- und Markenkult wird zur Obsession, bis man den jugendlichen Einbrechern auf die Schliche kommt.

Kritik:
Sofia Coppola muss sich regelmäßig vorwerfen lassen, ihre Karriere habe sie nur ihrem Vater Francis Ford Coppola zu verdanken (Hat mal jemand mit Jason Reitman darüber gesprochen?) und sich in ihren Filmen immer wieder mit denselben Themen zu befassen. Doch Sofia Coppola hat sich inzwischen als gänzlich eigenständige Filmemacherin etabliert, die natürlich Verbindungen hat, die andere nicht haben, die diesen Vorteil aber mit Qualität gerechtfertigt hat. Wiederkehrende Themen sind nicht zuletzt Ausdruck einer starken Autorenpersönlichkeit. Sofia Coppola spricht von dem, was sie kennt. Anders als beispielsweise Quentin Tarantinos Hang zu blutigen Rachegeschichten, lässt sich Coppolas Interesse an jugendlicher Ennui und dem Dilemma des Berühmtseins aber wohl zu leicht mit ihr als Person verbinden und wird ihr in Kombination mit ihrer Herkunft häufig als Arroganz und Eitelkeit ausgelegt. Ein fauler Trugschluss, insbesondere wenn man sich nun „The Bling Ring“ anschaut. Ein Film, basierend auf realen Begebenheiten, der wie geschaffen scheint für eine Filmemacherin, die in der Hollywood Scheinwelt zwischen Filmsets und Weltstars aufwuchs, mittlerweile neben Filmen auch Werbespots für Louis Vuitton und Co. dreht und mit einigen der realen Opfer der hier porträtierten Raubzüge (z.B. Kirsten Dunst) schon mehrfach gearbeitet hat. Wer sonst könnte so eine Geschichte erzählen? 

„The Bling Ring“ ist dennoch keine simple Wiederholung der Coppola’schen Themen. Statt um Melancholie, Sinnsuche und das Herumirren in goldenen Käfigen, geht es nun ganz bewusst um einen Ausbruch, um den gezielten Versuch die Grundsituation zu verändern. Coppola erweitert ihre Themen, statt sie zu wiederholen. Der Film wirkt energetischer, zielgerichteter als die meisten ihrer vorherigen Filme. Wir sind nicht mehr Teil des „Celebrity“ Geschehens, das Coppola porträtiert, nicht mehr Teil der Leere und des Verdrusses. In „The Bling Ring“ sind wir die Außenstehenden und das im doppelten Sinne. Die jugendlichen Diebe öffnen die Türen zur Welt der Schönen und Reichen, tauchen darin ein, nehmen Erinnerungen mit, ohne tatsächlich zu dieser Welt zu gehören. Die Kids sind eine Projektionsfläche, doch selbst zu ihnen gehören wir nicht. Sofia Coppola erzählt diese wahre Geschichte mit einer formalen und moralischen Distanz, die dem Film schnell negativ ausgelegt werden könnte. Kühl beleuchtet, aus passiven Perspektiven gefilmt, überlässt der Film uns das moralische Urteil über die präsentierte Situation. Wenn die Clique mit Drogen herumwütet, mit einer Waffe spielt oder eine alkoholisierte Autofahrt so gerade mit einem wortwörtlichen blauen Auge übersteht, ist es uns überlassen, das einzuordnen. Wie es auch uns überlassen ist, vielleicht selbst gerne mal durch das Haus einer Millionenerbin zu tingeln und ein Paar der 300 High Heels mitzunehmen. Das macht den Film nicht faul, sondern in dieser Form äußerst effektiv und ganz im Sinne von Coppolas sonstigen Filmen. Regelmäßig steht sie eher auf der Seite der Jugend, weiß von der Faszination von Stars und Berühmtheiten, flirtet selbst regelmäßig mit den Verführungen von Mode und Glamour.

Wir sind es gewöhnt, dass so genannte „Problemfilme“ uns sagen, wie wir dies oder das zu finden haben, wie wir das geschilderte Problem moralisch zu bewerten haben. Hier ist es anders. Nicht Sofia Coppola, nicht ihr Film erheben mahnend den Finger, sondern lediglich die im Film porträtierten Medien und letztendlich die Richter, die im Namen von Recht und Ordnung ein Urteil fällen. Es ist auch eine Frage der Perspektive. Es ist ein realer Fall. Wir wissen in etwa, wie bzw. wo das enden wird. Coppola nutzt den sonst eher ungünstigen elliptischen Erzählansatz geschickt, lässt die Täter, insbesondere den einzigen Jungen der Gruppe, rückblickend über die Einbrüche berichten. Wir sehen diese jungen Menschen, die selbst eigentlich schon ausnahmslos aus finanziell besser gestellten Familien kommen, wie sie im Delirium der modischen Reizüberflutung aus Internet, Modemagazinen und TMZ noch weiter gehen wollen, eine Stufe höher. Der Film präsentiert gleichzeitig den Reiz und die Belanglosigkeit von Luxus und Reichtum, führt die Selbstinszenierungskultur auf Facebook als Teil des großen Ganzen auf, statt vorschnell zu verteufeln. Die jugendliche Diebesbande steigt in das Haus von Paris Hilton, um auf Shopping Tour zu gehen, um zu staunen, sich zu präsentieren und zu fotografieren, um von denen zu nehmen, die einen kleinen Verlust kaum bemerken werden. Gedreht wurden die Aufnahmen in Hiltons echtem Haus und die Hotelerbin taucht sogar für einen kurzen Gastauftritt höchstpersönlich auf. Ein Gastauftritt der Bände spricht. Unsere obsessiven Celebrity Stalker erkennen Paris in einem Club, finden das ganz aufregend und belassen es dabei. Keine Annäherung, keine gesprochenen Worte. Paris Hilton ist ein bewundertes Objekt, keine Person. So wie ihre Kissen im Haus mit ihrem eigenen Abbild bedruckt sind. Umjubelte Stars sind das Barometer für Mode, Schmuck und Accessoires. Rebecca, Marc, Nicki und Co. wollen nicht Paris sein, sie wollen tragen, was Paris trägt. Zumindest einmal, damit jeder es sieht. Danach wird es eingemottet oder direkt wieder verkauft, da es seinen Wert zur persönlichen Aufwertungen schon wieder verloren hat. 

Regelmäßig tappen Filme in die Falle, Oberflächlichkeit porträtieren zu wollen und dabei selbst oberflächlich zu werden. Baz Luhrmans „The Great Gatsby“ drohte zuletzt in diese Richtung zu kippen. Coppolas Film wirkt gänzlich anders, kann den generellen Eindruck aber auch nicht immer vermeiden. Die Mitglieder der Raub-Clique sind nicht unbedingt hochkomplexe Figuren und die Gruppendynamik unter den angeblichen Freunden hätte auch etwas lebhafter und detailreicher gestaltet werden können. Das ist gleichzeitig schade, wie auch irgendwie Sinn der Sache. Als sich die Dinge im letzten Drittel ändern, zeigt sich, was es wirklich mit der großen Freundschaft zwischen den Teilnehmern auf sich hat. Insbesondere drei Figuren stehen hier im Zentrum: Anstifterin Rebecca (Katie Chang), ihr bester Freund Marc (Israel Broussard) und Emma Watsons Nicki. Die Darsteller, häufig komplette Neulinge, sind durchweg hervorragend, aber Watsons ironisches Gespür für Humor und Katie Chang mit ihrem kessen Selbstbewusstsein ragen heraus. Marc muss sich irgendwann fragen, ob ihm Orange auch so gut steht, wie die pinken High Heels und was aus der geschwisterlichen Freundschaft zu Rebecca wird. Zwischen Rebecca und Nicki zeigen sich die auffälligsten Unterschiede, wie sich der Wahn um Stars und Labels äußert. Rebecca geht es um Lifestyle, Nikki um Berühmtheit. Emma Watson, die mit großem Abstand berühmteste am Film beteiligte Person, schlüpft überzeugend in die Rolle einer jungen Frau, die jemand wie Emma Watson sein will, aber nie ganz glaubhaft wirkt. Obwohl sie die „Miss America“ Phrasen in Interviews schon jetzt astrein drauf hat. 

Anmerkung: Wie üblich ist die Synchronisation von Jugendsprache ein wenig gewöhnungsbedürftig. 

Fazit:
Sofia Coppola bleibt sich treu, erweitert aber gleichzeitig ihr Repertoire. Der effektiv inszenierte Film präsentiert gleichzeitig die verlockenden Reize und die negativen Auswirkungen von Celebrity Obsessionen und Markenkult. Die inszenatorische Distanz und die porträtierte Oberflächlichkeit können sich auch schnell negativ auf den Sehgenuss auswirken, doch wem der Zugang gelingt, dem bietet sich ein so unterhaltsamer wie faszinierender Film einer hochinteressanten Filmemacherin.

8 / 10

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