Kritik:
Blood Tea and Red String
von
Christian Westhus
BLOOD TEA & RED STRING (2006)
Regie: Christiane
Cegavske
Story:
Ein Düstermärchen mit Puppen Stop-Motion: Eine
Familie merkwürdiger Pelzwesen erhält von
Albinomäusen den Auftrag, eine Puppe in Menschenform zu bauen.
Doch den Erbauern wächst ihre Schöpfung so sehr ans
Herz, dass sie die Auslieferung verweigern und das Geld
zurückzahlen. Doch die Mäuse sind unzufrieden und
entführen die Menschenpuppe.
Kritik:
Das eigenwillige
Düstermärchen im Stop-Motion Gewand hat die
amerikanische Künstlerin Christiane Cegavske nahezu komplett
in Eigenarbeit über angeblich fast zehn Jahre hinweg auf die
Beine gestellt. Erst bei der Musik und der Nachvertonung, so gibt uns
der Abspann zu verstehen, hatte Cegavske Hilfe und
Unterstützung. Man spürt aber auch ohne dieses
Wissen, dass durch diesen Film permanent und dominant Cegavskes
Herzblut pumpt. Entsprechend intensiv wirkt diese symbolistische Reise
in der Nachbetrachtung, wo jede Szene, jedes Bild, jedes Designelement
dieses wunderlichen Märchenwaldes doppelt und dreifach
bedeutsam zu sein scheinen. Sie wandelt auf den Spuren des durchaus
vergleichbar agierenden Meisters des surrealen Stop-Motion
Animationsfilms, Jan Svankmajer, denn was bei „Blood Tea and
Red String“ zählt sind die Bilder, die Symbole und
die Stimmung. Es ist eine Erfahrung für die Sinne, nur
sekundär für den Geist. Und so kommt dieses
Märchen auch ohne ein einziges gesprochenes Wort aus.
Die
Pelzwesen, mit ihren Schweineohren, den Vogelschnäbeln und den
eleganten Roben, sind die Hauptfiguren der Geschichte. Geschlechtlich
neutral wirken sie dennoch wie eine klassische Familie, mit klassischer
Rollenverteilung. Sie sind Arbeiter, Handwerker, vielleicht aber auch
Künstler, die von den eindeutig wohlhabenden, ja
aristokratisch erscheinenden Albinomäusen, die in einer von
einem Frosch gezogenen Kutsche vorfahren, ihren Auftrag erhalten. Ein
Realfilmprolog zeigt uns eine Frau (Cegavske selbst, wer auch sonst?),
die schließlich in Puppenform von den Pelzwesen gebaut und
von den Mäusen entführt wird. Die folgende Odyssee
der Frauenpuppe muss zwangsläufig feministisch gedeutet
werden. Es ist ein abstraktes, groteskes, surreales Hin und Her aus
Liebe fürs Objekt, Besitzanspruch, Körperkult,
Schwangerschaft, Fortpflanzung und Identitätssuche. Oder so
ähnlich. Mit rotem Faden wird der Puppe ein Ei in den
Körper genäht, ein Frosch-Schamane versucht zu wirken
und die Mäuse frönen dem Kartenspiel,
während sie ihre Beute bewundern und den Bluttee trinken.
Mit ruhiger, mal unheimlicher,
mal beklemmender Musik führt Cegavske den Suchtrupp der
Pelzwesen durch den Wunderwald, mit den anthropomorphen Spinnen, den
Gesichterblumen und verwunschenen Ruinen. Nicht immer
erschließen sich die Bilder, nicht immer überstrahlt
die Faszination für das Fremde und Ungewöhnliche die
oft äußerst abstrakte Symbolhandlung. Trotz einer
Laufzeit von nur 70 Minuten wirkt „Blood Tea and Red
String“ stellenweise träge und zäh.
Für jeden beklemmenden Spannungsmoment in Ruinen oder an
Spinnennetzen, gibt es auch endlos in die Länge gezogene
Sequenzen, die eher redundant erscheinen. Als Gesamtfilm jedoch
überzeugt Cegavskes zutiefst persönliches
Lebensprojekt. Nicht als Spielfilm mit einer eindeutigen Handlung;
dafür ist es zu rätselhaft, zu vielseitig deutbar. In
erster Linie ist es eine aufregend befremdliche Reise durch fremde
Animationswelten.
Fazit:
Abstrakt
und rätselhaft – Das Düstermärchen regt mit einer
Symbolflut den Geist an, ist aber dennoch eher eine sinnliche
Erfahrung, weit abseits des Animationsmainstreams.
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