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Kritik:
Blue Jasmine


von Christian Westhus

BLUE JASMINE
(2013)
Regie: Woody Allen
Cast: Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin

Story:
Als die illegalen Finanzgeschäfte ihres Mannes auffliegen, verliert Societyfrau Jasmine (Blanchett) alles. Ihr Geld, ihren Schmuck, ihren Status und ganz besonders ihre Nerven. Völlig von der Rolle und ohne klares Ziel im Leben zieht sie bei ihrer Schwester Ginger (Hawkins) ein, um zumindest irgendwo unter zu kommen und einen Neuanfang zu starten. Doch Gingers deutlich ärmerer und wenig glamouröser Lebensstil behagt Jasmine nicht.

Kritik:
Der ewige Woody Allen haut auch weiterhin pro Jahr einen Film heraus. Dass dabei nicht immer Meisterwerke herausspringen, nur weil der Gute dazu mal in der Lage war, ist verständlich. Dass der sympathische, aber letztendlich nicht wirklich herausragende „Midnight in Paris“ als einer der besten Allens dieses Jahrtausends gilt, zeigt schon, dass es sich der Meister zuletzt ein wenig einfach gemacht hat, oder zumindest, dass es zuletzt nicht immer so geklappt hat, wie in der Vergangenheit. Neben schwachen Banalitäten („To Rome with Love“) waren auch echte Gurken („Whatever works“) dabei, was es nicht unbedingt erleichtert, sich auf einen neuen Allen zu freuen. Umso erfreulicher, dass „Blue Jasmine“ vielleicht tatsächlich DER beste Allen dieses Jahrtausends ist und das nicht nur mangels Konkurrenz (zu der u.a. ja auch „Match Point“ zählt), sondern weil der Film ganz für sich genommen wunderbar funktioniert. 

„Blue Jasmine“ ist ein ernsterer Allen. Nicht tonnenschwer, aber nach den zuletzt doch eher romantisch-amüsanten Filmen geht es hier spürbar anders zu. Natürlich amüsieren Cate Blanchetts hysterisch-hypochondrisches Gerede und die leicht überzeichneten Irrungen und Wirrungen im Liebes- und Sozialleben der High Society und der niederen Sozialschichten. Doch im Kern wirft der Film ein nicht unbedingt beschönigendes Licht auf seine Hauptfigur und mehr noch auf eine irgendwie verkorkste Schwesternbeziehung. Zwei Adoptivschwestern, die sich unterschiedlich entwickelt haben und eine stark abweichende Sicht auf das Leben an sich und die Ziele darin haben. Genau diese Diskrepanz der zwei Klassen, dem radikal konträren Selbstverständnis dieser Welten, stellt der Film besonders gut heraus.

Jasmine, die verwöhnte „Trophy Wife“, die für ihren reichen Mann das Studium schmiss und sich fortan nur noch um Immobilien, Schmuck, Handtaschen, Swimming Pools und Urlaube in Saint Tropez kümmerte. Nun, als der Schwindel von Ehemann Hal (Alec Baldwin) aufgeflogen ist und der Staat sie von all ihrem Besitz, ja von ihrem Leben enteignet hat, sucht sie Zuflucht bei ihrer Schwester, auf die sie zuvor eher beschämt und desinteressiert herabgeblickt hat. Schon ein einwöchiger Besuch von Schwester Ginger und ihrem Mann waren für die viel beschäftige Jasmine ein Gräuel. Ginger hingegen ist auf halbem Wege zum „White Trash“, arbeitet an der Supermarktkasse, hat zwei Söhne, ist einmal geschieden und hat aktuell einen finanziell und intellektuell eingeschränkten Mann an der Hand, der doch tatsächlich Chili (Bobby Cannavale – herrlich komisch!) heißt. Allen entwirft aus diesen Gegensätzen ein faszinierendes und erstaunlich relevantes Hin und Her aus Lebensphilosophien und gekränktem Stolz. Es ist ein erfreulich ambivalentes Spiel aus Ideen und Ansätzen, ob Jasmines Ratschläge, Ginger verkaufe sich unter Wert und sollte sich bessere Kerle suchen, ehrlich gemeint sind oder nur Jasmines Arroganz entspringen. Jasmine, die vor der Vergangenheit flieht, die noch immer lügt und einen Schein vorlebt, der längst matt und kraftlos geworden ist, blickt vielleicht auch etwas neidisch auf ihre zumeist positiv denkende Schwester, die möglicherweise auch einfach mit einem so viel simpleren Leben zufrieden ist und das auch wirklich so meint. 

Sally Hawkins ist als Ginger wie gewohnt wunderbar, doch obwohl Allens Drehbuch an beiden Schwestern interessiert ist, dreht sich im Kern doch alles um Jasmine. Und Cate Blanchett ist schlicht grandios als angeknackste, ständig leidende, ständig trinkende, in edlen Fummeln herumstolzierende Ex-Societylady, die keinen Halt mehr hat und auch mal mitten auf der Straße anfängt, Selbstgespräche zu führen. Es ist eine großartig entwickelte Rolle nach simplem Konzept und Blanchett liefert eine der besten Leistungen ihrer ohnehin beachtlichen Karriere ab. Jasmine ist im großen Kosmos Allen’scher Frauenfiguren ein würdiger Neuzugang, der aber erst durch Blanchett so richtig an Leben gewinnt. Die braucht sich damit vor den Diane Keatons, Mia Farrows und Judy Davises der Welt nicht verstecken. 

So ganz nebenbei ist „Blue Jasmine“, neben der faszinierenden Tour de Force seiner Hauptfigur und der interessanten Schwesternbeziehung, auch ein Film, der den Finger am Puls der Zeit hat. Inspiriert vom Skandal um Finanzmogul Bernie Madoff, entwickelt Allen hier ein Porträt einer korrupten und ruinösen Finanzwelt, die nicht nur die Kleinverdiener zu Opfern machen, sondern ihre eigenen Mitglieder korrumpiert. Jasmines Unfähigkeit, ein neues Ziel im Leben zu finden, ist ihrem Wohlstandsleben geschuldet. Ein Umfeld, das Arroganz schult und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem „gewöhnlichen Pöbel“ kreiert. Jasmine will sich dem nicht stellen, lügt lieber, weil sie das aus einer Welt aus Lug und Betrug so kennt. Wie weit die Lügen und Betrügereien gehen, musste sie im doppelten Sinne am eigenen Leib erfahren. Das alles erzählt Allen gekonnt, flott und souverän, in einem steten Hin und Her mit Rückblenden in die Zeit der Ehe von Jasmine und Hal. Rückblenden, die mal Jasmines Erinnerung entspringen, mal aus einem Gespräch entstehen und mal als Informationslückenfüller eingebracht werden. Das geht eleganter, wie man Jasmines Psychose sicherlich auch noch etwas konkreter hätte behandeln können. Doch insgesamt hat „Blue Jasmine“ viel zu sagen und liefert zudem einer der besten Schauspielleistungen des Jahres. Das war bei Woody Allen länger nicht der Fall.

Fazit:
Ein starker Woody Allen inszeniert eine unfassbar starke Cate Blanchett in einem faszinierenden und geistreichen Drama. Teils Psychogramm einer gefallenen High Society Frau, teils Schwesternbeziehung, teils Dekonstruktion der maroden Finanzwelt. Und ganz nebenbei ist der Film trotz allem angemessen unterhaltsam.

8 / 10

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