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Kritik:
Blue Valentine


von Christian Westhus

BLUE VALENTINE (2010/11)
Regie: Derek Cianfrance
Cast: Michelle Williams, Ryan Gosling

Story:
„Blue Valentine“ erzählt die Geschichte von Dean und Cindy, die sich treffen, verlieben und heiraten, bis sie Jahre später vor den Trümmern ihrer Ehe stehen. Vergangenes und Gegenwärtliches vermischen sich, Glück und Unglück, Intimität und Kälte.

Kritik:
Fast zwölf Jahre lang musste Drehbuchautor und Regisseur Derek Cianfrance warten, bis er „Blue Valentine“ drehen konnte. Er hielt sich mit Kurz- und Dokumentarfilmen über Wasser, fertigte nach eigener Aussage mehrere Hundert Drehbuchneufassungen dieses Films an und gewann irgendwann bei einem Drehbuchförderpreis, was die Produktion schlussendlich ins Rollen brachte. Cianfrances „Szenen einer Ehe“ des neuen Jahrtausends erzählt nichts grundlegend Neues, hat keine neuen Weisheiten zum Ehe- oder Beziehungsleben parat, und dennoch ist es ein starker, mitunter großartiger Film, getragen von zwei fantastischen Hauptfiguren. Das unbeschreibliche Glücksgefühl frischer, ungestümer Liebe und die niederschmetternde Erkenntnis, dass irgendwann nicht mehr viel davon geblieben ist. Diese Dualität der Liebe, Anfang und Ende, abwechselnd, in stilistisch abgegrenzter Art und Weise parallel zu entfalten und offen zu legen, ist so nahe liegend wie unoriginell, aber effektiv. Es geht gar nicht darum, ob nicht am Ende doch noch alles gut wird (was die Möglichkeit dessen noch lange nicht ausschließt), sondern Cianfrances Film beschäftigt sich konsequent mit dem Wie, mit einem beobachtenden Blick, wie alles begann, wie es sich entwickelte, wie es endete. 

Einen derart unkitschigen, unsentimentalen Blick auf die Wege der Liebe ist man aus Hollywood ja weniger gewohnt. Cianfrances Stil, in Schrift und Inszenierung, vermischt amerikanischen Independent-Realismus mit europäischer Unmittelbarkeit. Ohne zu dokumentarisch zu wirken, folgt Cianfrance seinem Darstellerpaar per Handkamera und inszeniert sie in rauen, grobkörnigen Bildern, die ferner ab von all den Hochglanz Hollywoodromanzen kaum sein könnte. Das populäre Romantikkino (da braucht man in Europa gar nicht so tun, als sähe es in Publikumsfilmen grundlegend anders aus) appelliert stets an das Positive im Leben und in der Liebe, dass selbst die hoffnungslosesten Fälle irgendwann ihr Glück finden und es märchenhaft happily ever after für immer behalten. Und dann kommt ein Film wie „Blue Valentine“ daher, der das enorme Glück, das Positive der Liebe, aber ebenso die schmerzhafte Leere danach in ungewohnt direkter und authentischer Art und Weise vermittelt. „Don’t see it with someone you love“, schwappte es in einer internationalen Reaktion 2010 zum Film herüber. Mehr als passend, aber gleichzeitig muss man das gar nicht so sehr als Warnung verstehen, gehen die realistischen und ergreifend gespielten Gefühlswelten dieses Films doch weit über den sonstigen Kuschel- und Popcorn-Horizont handelsüblicher Romanzen hinaus. Die amerikanische Zensurbehörde wollte dennoch warnen und strafte den Film zunächst [Der Verleih legte erfolgreich Revision ein.] mit einer ungewöhnlich (und unangebracht) hohen Altersfreigabe ab, insbesondere für eine intime, aber weder sonderlich offenherzige, noch explizite Sex-Szene, die einfach im Kontrast zum sonstigen Softcore Kissenkneifen steht.

Wir beginnen am Ende. Oder kurz davor. Dean (Ryan Gosling) im Schlabberlook, mit Zigarette im Mund und recht schütterem Haar. Auch das, die Alterserscheinungen des Mannes, so ein ungewohnter Anblick im Kino, wenn besagter Mann doch eigentlich die Hauptfigur in einem Liebesdrama ist. Dean und Cindy haben sich eigentlich viel zu sagen und schweigen sich dennoch überwiegend an. Spannungen liegen in der Luft, die noch wütend und gewaltsam ausbrechen werden. Eine kleine Tochter kann nur schwerlich Zusammenhalt erzwingen. Und am Anfang war alles anders. Zufällig begegneten sie sich, fanden sich interessant und insbesondere Dean legte sich mit Witz und Charme enorm ins Zeug, die noch sehr jugendliche Cindy für sich zu gewinnen. Und Dean wird auch später übermotiviert versuchen, zu kitten, was er selbst zerbrochen hat. Ein großer Teil des Films spielt in einem Hotel, einem Themenhotel mit entsprechendem Design für Liebesnächte oder romantische Stunden zu zweit. Es wirkt wie der viel zitierte letzte Versuch, der letzte Strohhalm, ein letztes Aufbäumen der erlöschenden Liebe. Und in der künstlichen Umgebung des Hotels, die genau diese verzweifelte letzte Chance verkörpert, sind Dean und Cindy mit all ihren Problemen einander ausgeliefert. Mit weniger guten Darstellern, in einem schlechten Drehbuch, würde eine solche Szenen sofort kollabieren, aber Cianfrances Drehbuch weiß um seine Figuren und dann kann er sich ja auch noch auf Michelle Williams und Ryan Gosling verlassen, zwei der großartigsten Darsteller ihrer Generation. 

„Blue Valentine“ ist ein Darstellerfilm. Cianfrance macht einen tollen Job, insbesondere mit dem Script, weil man es fast nie spürt. Dazu liefert die Band Grizzly Bear einen wunderbar emotionalen Soundtrack ab und jedes Mal, wenn „You and Me“, DAS Lied von Dean und Cindy, ertönt, geht einem das Herz auf oder wird schmerzhaft zerrissen, je nach dem in welcher Phase der Beziehung wir uns gerade befinden. Aber Gosling und Williams sind das strahlende Zentrum des Films und liefern mit die besten Leistungen ihrer Karriere ab. Die Parallelmontage ist nicht immer ganz ausgereift und der Spannungsbogen wackelt, eben weil der Ansatz ein realistischer sein soll. Aber die beiden Darsteller holen uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und das eben meist auf schmerzhafteste Weise. Authentischer, realer und wehmütiger hat schon lange kein Film mehr die Widersprüchlichkeit der Liebe untersucht, das Gute wie das Schlechte in einer Beziehung. Eine Collage aus Beziehungsfragmenten, Impressionen, eben „Szenen einer Ehe“ im neuen Jahrtausend und doch ganz anders.

Fazit:
Nichts Neues an der Liebesfront und doch ist „Blue Valentine“ ein ungewohnt direkter, realistischer und überwiegend schmerzhafter Blick auf Anfang und Ende einer Beziehung, einer Ehe. Sehr authentisch, sehr emotional und getragen von zwei fantastischen Hauptdarstellern.

8 / 10

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