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Kritik:
Stirb an einem anderen Tag


von Christian Mester

DIE ANOTHER DAY
(2002)
Regie: Lee Tamahori
Cast: Pierce Brosnan, Halle Berry

Story: Als Bond bei einem verdeckten Einsatz auffliegt, gerät er aufgrund eines Maulwurfs in Gefangenschaft. Monate der Folter später kommt er wieder frei und sinnt auf Rache...

Bösewicht: Colonel Moon
Masterplan: Moon plant Südkoreas Grenze mit einem eigens entwickelten Superlaser zu vernichten, um seiner Heimat zum Sieg zu verhelfen...
Handlanger: Mr. Kill, Zao, Miranda Frost
Bondgirls: Jinx
Bond Song: Madonna - Die another day
Nennung des (Original-)Filmtitels im Dialog oder Text:
- "Sie leben also, um an einem anderen Tag zu sterben... Colonel" 

Kritik:
"Stirb an einem anderen Tag ist der schlechteste aller Bonds" ist eine durchaus weit verbreitete Meinung. Kann man so stehen lassen, aber genau genommen kommt es auf die Perspektive an. Ist der Grund ein fantasiebezogener? Stören unsichtbare Autos, Eispaläste und Superlaser? Viele tun schließlich so, als wäre Bond immer bodenständig geblieben und Stirb der verpönte einmalige Ausreißer ins Unsinnige, der xXx 2 unter den French Connections. Dem ist gewiss nicht so, und nichts in Stirb ist serienverlassende Schande, oder einen anderen Film imitierend; alles ist von Vorangegangenem inspiriert, zuweilen halt weiter fortgeführt - teils mit Erfolg, teils nicht, aber immer heimisch.

Schon die Eröffnungssequenz ist traditionell und besser als in vielen anderen Bonds. Bond fliegt bei einer Undercover-Mission auf - und erstmals nicht, weil er fahrlässig geflirtet hat, sondern weil die Gegner zufällig einmal keine völligen Dummnasen sind und ihn überprüfen. Er versucht zu fliehen, und es gibt eine stattliche Kampfszene, in der Bond ein Militärlager in Brand steckt und, in bester Indiana Jones Manier auf einem Luftkissenboot kämpfend, in Richtung eines Abgrundes rast. Was hier gerade mal Eröffnungsszene ist, wird bei vielen anderen Actiontiteln als ganzer Showdown verkauft. Brosnan ist mitreißend, und was dann folgt, ist eine sogar kleine neue Entwicklung: 007 versagt erstmals und wird festgenommen. Mal nicht von einem Größenwahnsinnigen, der ihm eine *zwinkerzwinker* unschaffbare Falle stellt, sondern von jemanden, der es ernst meint, und ihn lange foltern lässt. Serious business.

Was daran dann jedoch anschließt, ist eine relativ typische Bondgeschichte. Er stöbert sich beim Bösewicht ein, bettet zwei Frauen und darf in einem abstrusen Abenteuer erneut die Welt retten. Sicherlich darf man es schade finden, dass Stirb den finsteren Einstieg nicht weiter ausbaut (was auch Brosnan stark kritisierte, der gern schauspielerisch mehr gefordert werden wollte). Als M ihn trifft ist sie nicht froh, ihn lebend zu sehen - sie ist frustriert, dass Bond sich nicht selbst umgebracht hat, weil er ein diplomatisches Problem darstellt. Was er alles für sein Land getan hat, scheint egal; daraus könnte man fraglos so viel Interessantes ziehen (Skyfall geht bewusst in genau diese Richtung). Ein Bond, der sich und seine Loyalität in Frage stellt, der womöglich die Seiten wechselt, sein Leben überdenkt, eigenständiger wird... nun, das ist nicht dieser Film. Dieser will das typische, bunte Bond Abenteuer sein, und diesbezüglich darf man wirklich weitestgehend zufrieden sein.

Exotik: Bond bereist Nordkorea, England, Kuba und Island; vier sehr unterschiedliche Plätze mit völlig eigenständigen Stilen und toll ausgestatteten Sets (schick: Moons Eisbasis), die viel Abwechslung bringen. Gadgets: Bond hat ein unsichtbares Auto (was von der Technik her übrigens nicht völlig wirr aus der Luft gegriffen ist, sondern in primitiver Form durchaus existiert) und einen Panzerglas sprengenden Ring. Dann die Actionszenen: neben der vom Anfang gibt es einen möbelvernichtenden Schwertkampf, der auch Errol Flynn Spaß gemacht hätte, einen langen und trickreichen Autokampf, der GI Joe oder MASK zum Himmel schreit (beispielsweise cool: Bond wird von einer Explosion aufs Dach geschmissen, öffnet das Sonnenverdeck und schießt sich per Schleudersitz wieder gerade), eine (zugegebenermaßen überzogene) Dragsterflucht mit anschließendem Para-Surfen auf einer Flutwelle, sowie einen schmucken Doppelshowdown in einem Flugzeug, in dem sich zwei Frauen mit Messern und Bond mit einem Blitze schleudernden Moon beharken, während das ganze Ding um einen Superlaser kreist, dazu gibt es darüber hinaus immer wieder kleinere Gefechte mit Goons. Sprich - der Film ist gespickt mit unterschiedlichster Action, bei der sich offensichtlich große Mühe gegeben wurde, Langeweile völligst zu vermeiden. Und bei all dem Spektakel kann es einem dann eigentlich nicht langweilig werden - sei gegeben, dass man derartiger Fantasyaction überhaupt offen gegenüber ist und man nicht (!) ausschließlich ernste Action vom Schlag Dark Knight, Casino Royale, Bourne und Taken mag, in dem Schmerz weh tut, Wunden bluten und jeder Kampf seelische Spuren hinterlässt.

Die Bösewichte sind phänomenal: schön, Mister Kill kann einpacken, aber Zao? Ein sehr ordentlicher Henchman, der Bond deftig Kontra gibt. Viele Bonds haben nur einen Gegner von seinem Schlag, besser ist dann noch Rosamund Pike als Doppel-Doppelagentin Miranda Frost (Miss Frost arbeitet im Eispalast... Mr Freeze würde so schmunzeln (überhaupt ist der Film sehr amüsant mit seinen Namen; so reist ein Moon in den Himmel und setzt Icarus gegen die Erde ein, nur um letztendlich zu verbrennen), die Bond mehrfach kalt auflaufen lässt, unterkühlt sexy bleibt und tatsächlich damit überrascht, dass sie nicht nur eine Seite hintergeht. Greift sie zum Schwert, kann sie dann auch was. Das Highlight des Films ist Bösewicht Moon, der nach kurzem Intro nur noch im Gesicht eines anderen zu sehen ist. Als solcher gibt Toby Stephens eine Meisterleistung an Bondgegner ab. Er ist ein egozentrischer Kotzbrocken, ein Kämpfer, der seine Henchmen eigentlich nicht einmal braucht, ein selbstverliebter Welteneroberer und eine interessante Fortführung der Idee, wäre Red aus Liebesgrüße aus Moskau nicht nur bescheidener Eigenverdiener, sondern ein all seine Fähigkeiten auslebender Maniac. Alles was er anstellt, könnte Bond genau so haben: aber trotz der Undankbarkeit bleibt Bond seiner eigenen Linie treu, und beschützt andere auf eigene Kosten (ebenfalls eine Idee, die in Skyfall schön in den Fokus gerückt wurde, da Raoul dem gleichen Bild noch feiner entspricht) (wenn auch bodenständiger).

Weil das, Henchmen und eine eigene Superbasis im Eis noch nicht reichen, hat er seinen Einstieg per Fallschirmsprung und fährt beiläufig Hochgeschwindigkeitsrennen im Eis - nur so, als fabelhafte Deko seiner Figur. Eine nahezu interessante Charakterszene gibt es sogar gen Schluss, wenn sein Vater merkt, dass er sein Gesicht und seine ganze Hautfarbe per DNA-Ummodelierung verändert hat und nun die südkoreanische Armee ausradieren will. Statt Vaterstolz kommt es zu Verachtung. Eine Idee, die man in einer anderen Machart faszinierend ausbauen hätte können, aber hier? Hier hat Moon - obwohl komplett sinnbefreit, aber hauptsache cool - eine Elektroschockerpanzerung an, um auf Wunsch jederzeit Raiden sein zu können. Und es ist cool, und Tamahori webt es lachend mit in die Unterhaltung ein. Steht er dann mit seiner Blitzerüstung, sich gegen seinen Mentor stellend, Vaterkonflikte auslebend vor einem Todesstern-artigen Fenster, die Welt unter sich, kommt auch so manche Erinnerung auf...

Ein großer Makel findet sich in Halle Berrys Jinx. Zum Zeitpunkt des Films hatte sie gerade ihren Oscar gewonnen und war einer der größten weiblichen Filmstars. Obwohl immer sympathisch und auch talentiert, bringt sie hier deutliche Unruhe in den Film, was hauptsächlich am Script liegt. Schon von dem Moment an da sie Bond das erste Mal trifft, merkt man, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Dialoge werden extrem käsig, der Fokus auf Bond schwindet und sie erhält viele eigene Szenen... kurzum, Jinx ist keine Nebenfigur. Sie ist Hauptfigur und wird als ebenso tough und fähig wie Bond gezeigt, und bekommt jener seinen Showdown gegen den Bösen, soll ihrer gleichauf liegen. Das will vorn und hinten nicht klappen, da der Eindruck entsteht, Jinx solle völlig eigenständig bestehen, wodurch dieser Bond abschnittsweise zu einem Buddyfilm wird (und in der Tat gab es damals Pläne, eines Jinx Solofilms). Das so etwas natürlich aus sich heraus und nicht berechnend geschehen muss, sah man ja auch an Blade Trinity, in dem Ryan Reynolds und Jessica Biel auf ein Spin-Off zuarbeiteten; da ging es auf Kosten Snipes' Blade, und hier geht's auf Kosten Brosnans Bonds (um kurz zu den Namen zurückzukommen: eine Jinx ist ein Fabelwesen, das anderen Pech bringt...). Q's Auftritt ist derweil nett, M kommt zu kurz, und was Michael Madsen an Bord gebracht hat, weiß wohl niemand so recht (nichts gegen Madsen, aber er passt da nicht rein, auch wenn er nur einen hin und wieder eingeblendeten Agenten darstellt).

Regietechnisch ist Stirb ein flott inszenierter Big-Budget-Popcorner, der nur manchmal hardert. Weitere Millionen Dollar hätten noch in die Effekte gehen müssen, denn manche Greenscreen-Aufnahmen und insbesondere das Para-Surfing im Eis ist offensichtlich unfertig und trübt unnötig; bei letzterer genannter Szene rutscht es gar ins Peinliche ab. Ja. Das mag 1965 hinsichtlich der naiven Technik fake aussehen gedurft haben (man grause sich an der Bobbahn-Sequenz aus Im Geheimdienst), aber 2002, gerade nach dem Die Mumie 2 Eklat, nicht mehr. Die Story ist platt und ergibt in vielerlei Überlegung keinen Sinn, oder wenig Sinn, und viel an Potential wird nicht genutzt, doch so sehr der Film auf einfachen Sommerspaß ausgelegt sei mag, wird er (fast) nie beleidigend dämlich und behält eine charmante Leichtigkeit bei. Dann ist der Score schwach auf der Brust. Madonnas Song dazu ist ein Spalter, da sehr elektronisch, aber auch sehr löblich eigen (übrigens mit einem tollen Musikvideo versehen), und.. zur Not kann man ja mal drüber nachdenken, wo der Song denn läuft: während der unerträglichen Tortur Bonds.

Alle James Bond Filme in der BG Kritik:
James Bond jagt Dr. No (1962) Liebesgrüße aus Moskau (1963) Goldfinger (1964) Feuerball (1965) Man lebt nur zweimal (1967) Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) Diamantenfieber (1971) Leben und sterben lassen (1973) Der Mann mit dem goldenen Colt (1974) Der Spion, der mich liebte (1977) Moonraker – Streng geheim (1979) In tödlicher Mission (1981) Octopussy (1983) Sag niemals nie (1983) Im Angesicht des Todes (1985) Der Hauch des Todes (1987) Lizenz zum Töten (1989) GoldenEye (1995) Der Morgen stirbt nie (1997) Die Welt ist nicht genug (1999) Stirb an einem anderen Tag (2002) Casino Royale (2006) Ein Quantum Trost (2008) Skyfall (2012)

Fazit:
Der wohl größte Spalter des Bondkosmos hat den merklich größten Kontrast zu zwei Lieblingen der Reihe: zu Casino Royale und Liebesgrüße und Moskau. Mag man die beiden besonders und die anderen schon weniger, darf man Stirb offenherzig hassen, aber hauptsächlich für die gewählte Stilrichtung, nicht für dessen Umsetzung.
Was die betrifft, hat er klare Macken im Bondgirl, der Story und einiger Effekte, aber was hirnresistentes Unterhaltungsspektakel betrifft... liefert Stirb hervorragend.

7,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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