BG Kritik:

Die Bücherdiebin


von Christian Westhus

The Book Thief (USA, Deutschland 2014)
Regisseur: Brian Percival
Cast: Sophie Nélisse, Geoffrey Rush, Emily Watson

Story:
Deutschland während des 2. Weltkriegs: Die junge Liesel Meminger kommt zum Schutz bei fremden Pflegeeltern untern. Hans und Rosa Hubermann haben wenig Geld, bemühen sich aber, Liesel ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Doch der Krieg und das NS-Regime machen sich immer stärker auch im kleinen Dorf Molching bemerkbar. Und so entdeckt Liesel ihre Liebe für Bücher, Geschichten und die Macht der Worte.

Mit Literaturadaptionen ist das so eine Sache. Erwartungen werden geschürt oder eine Distanz wird geschaffen. Wie hat mein Lieblingsroman den Medienwechsel überstanden? Wie sehr kommt mir der Film entgegen, wenn ich die Vorlage nicht kenne? Es ist für Filmemacher ein schmaler Grat zwischen sklavischer Vorlagentreue und selbstbewusster Eigenständigkeit, was sich in beide Richtungen auch schnell negativ wirken kann. Als Zuschauer, insbesondere als Fan, vergisst man manchmal, dass die Macher der Filmadaptionen eigenständig denkende Individuen sind, die mehr zu tun haben, als die Worte eines Romans stupide abgepaust in Bilder zu übersetzen. Die Filmemacher hinter „Die Bücherdiebin“, der Adaption des Weltbestsellers des deutsch-australischen Autors Markus Zusak, hatten sicherlich auch die besten Absichten, als sie den Film begannen.

Regisseur Brian Percival drehte einige Folgen der TV-Serie Downton Abbey


Trotz bester Absichten ist „Die Bücherdiebin“ leider als große Enttäuschung zu bezeichnen. Es ist ein Film, der die Vorzüge der Vorlage verkrampft mit sich schleppt, wie ungeliebte Verwandte eines neuen Partners, die man anstandshalber dabei haben muss, obwohl man sie nicht mag. Im Film wird aus Liesel Meminger eher eine Art Anne Frank, eine jugendliche Zeitzeugin, die überleben will und soll, das Grauen und den Irrsinn beobachtet und kommentiert. Ein legitimer Ansatz, bei dem sich allerdings die Frage stellt, warum man Zusaks so originellen Roman heranziehen musste, wenn man letztendlich nur ein Weltkriegsdrama aus jugendlicher Perspektive erzählen wollte. Es ist müßig, über Details zu reden, über ausgelassene Szenen oder über Nebenfiguren, die zu Stichwortgebern reduziert werden, um die Handlung vorwärts zu bringen, um die Hauptfiguren in eine neue Richtung zu lenken. „Die Bücherdiebin“ versagt als Film, weil auch die Abweichungen vom Roman nicht wirklich funktionieren.

Mutlos, oberflächlich und zu wenig emotional lauten die Hauptkritikpunkte der Verfilmung, die zu häufig ein banales Weltkriegsdrama ohne Ecken und Kanten ist. Zu sauber ist das Dorf Molching, zu vorsichtig ist der Film in seinen sporadischen Andeutungen von Kriegshorror und Judenhass. Ab und zu kann er nicht gegen die originellen Bilder und Szenen aus dem Roman ankämpfen. So ist die Geschichte eines besonderen Schneemanns ein zu Herzen gehender Moment. Und eine Szene, in der sich Liesel und Max, der im Keller versteckte Jude, über fiktive Briefe von Hitlers Mutter an ihren Sohn amüsieren, ist eine gelungene Neuerschaffung. Diese Momente sind aber zu wenig, um den Eindruck zu tilgen, man befinde sich in einem spießigen Weltkriegsdrama fürs Fernsehen, das zufällig mit internationalen Stars wie Geoffrey Rush und Emily Watson aufwarten kann. Das Versagen des Films ist umso bedauerlicher angesichts der eigentlich so treffenden Besetzungen. Zumindest äußerlich und vom Wesen sind praktisch sämtliche Rollen wunderbar besetzt, ganz besonders mit der jungen Kanadierin Sophie Nélisse in der Hauptrolle und mit Rushs unwiderstehlicher Wärme als „Papa“ Hubermann. Dass die Beziehungen von Liesel zu ihrem neuen Papa und zu Max im Keller funktionieren, ist bei all den sonstigen Versäumnissen schon erstaunlich. Es hilft womöglich auch, dass uns in der deutschen Synchronisation der irritierende Sprach-Irrsinn der englischen Originalfassung erspart bleibt, wo internationale Darsteller deutsche Akzente vortäuschen oder deutsche Jugenddarsteller schlechtes Englisch sprechen.

Der Roman blieb 230 Wochen in der Bestseller Liste der New York Times


Die Hauptschuld liegt an der verzerrten Perspektive, durch die der Film seine Geschichte erzählt. Im Roman wurde Liesels Lebensgeschichte durch den Tod höchstpersönlich gespiegelt und um einen globalen Weltkriegskontext (inklusive Blicke in die Zukunft) erweitert. Der Tod war an Liesel interessiert, geriet an ihre niedergeschriebene Lebensgeschichte und erhielt erhellenden Einblick in die Lebenswelt der Menschen und wie diese die Arbeit des Todes wahrnehmen. Der Film verzichtet auf diese Spiegelung, bleibt nahezu ausschließlich und quasi „live“ bei Liesel. Das erklärt, warum wir von den größeren Vorgängen auf den Schlachtfeldern der Welt und in den Konzentrationslagern nichts erfahren. Und dennoch ist der Tod dabei, wenngleich in irritierend inkonsequenter Weise. Vier, fünf Mal meldet er sich vor seinem Abschlussmonolog zu Wort, lässt einen Kommentar ab und hält danach wieder für eine gute halbe Stunde den Mund. Der Tod als Figur ist ein Fremdkörper, da der Film nicht weiß, wie er dieses magische Stilmittel einzusetzen hat. Vielleich sollte man eher sagen, der Film hat gar kein Interesse, den Tod als erzählerisches Stilmittel einzusetzen. Der Tod gehört zum Buch und musste irgendwie mit in den Film.

Ebenso passiv und teilnahmslos schleppt der Film Liesels bibliophilen Neigungen mit sich. Der Film braucht Liesel nur als kleines, süßes Mädchen mit goldenem Herzen. Dass sie liest, Bücher klaut, Menschen mit Geschichten erreicht und die guten wie die schrecklichen Seiten der Macht der Worte entdeckt, ist im Film nur mit Mühe und Not zu erkennen. Da werden in einer Szene die Seiten aus Hitlers „Mein Kampf“ weiß übermalt und zu einer symbolischen Bilderbuchgeschichte umfunktioniert. Es ist schon erstaunlich, wie ein Film, der über Bilder erzählt wird, aus einem solchen Moment so wenig machen kann. Es ist ein Moment der Bände spricht, der unterstreicht, wie viel Potential hier ungenutzt verschwendet wurde. Stattdessen haben wir ein oberflächliches Jugend- und Weltkriegsdrama, Liesels wenig wirkungsvolle Kinderliebe-Freundschaft zum Nachbarsjungen Rudi, ein wenig aufregendes Minimum an Nebenfiguren und die übrig gebliebenen Fragmente des magischen Einfallsreichtum aus dem Roman, die diesem Film so ungenutzt beinahe mehr schaden, als wenn man den Tod, Bücher und Konsorten komplett rausgelassen hätte. Selbst Komponistenlegende John Williams schafft es nicht, uns emotional stärker an den Film zu binden. Weder findet er tolle Melodien, noch watet er im tiefsten Musik-Kitsch, durch den selbst schwächere Steven Spielberg Filme (z.B. „Gefährten – War Horse“) mit so etwas wie Leben gefüllt werden.

Fazit:

Eine gewaltige Enttäuschung. Selbst für Nicht-Kenner der originellen wie emotionalen Romanvorlage ist „Die Bücherdiebin“ als Film eine verpasste Chance. Eine angenehme Besetzung und wenige gelungene Momente können nicht verhehlen, dass der Film zu oberflächlich, zu mutlos und zu banal ist, um mehr zu sein, als ein 08/15 Weltkriegsdrama. Genau das, was die Romanvorlage mit ihrem übersinnlichen Erzähler nicht war.

4 / 10
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