BG Kritik:

Born to be Blue


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Born to be Blue (CAN/UK 2015)
Regisseur: Robert Budreau
Cast: Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie

Chet Baker gehörte zu den größten Jazz-Musikern seiner Zeit. Sogar Miles Davis sah in ihm einen großen Rivalen. Im Weg stand ihm aber immer wieder er selbst. Früh verfiel er dem Heroin und seine Sucht brachte ihn oft vom rechten Weg und Erfolg ab. Doch all diese Rückschläge, ob psychisch oder physisch, konnten ihn nie wirklich davon abbringen Musik zu machen.

Ethan Hawke als der bekannte Jazz-Musiker Chet Baker. Nur ein weiteres Biopic?

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Biografien, besonders über Musiker, tauchten im letzten Jahrzehnt mehrmals auf und konnten ihren Hauptdarstellern jeweils auch viel Kritikerlob und Preise versprechen. Als Beispiel sei hier nur einmal James Mangold Johnny-Cash-Film WALK THE LINE (2005) mit Joaquin Phoenix als eben dieser Jahrhundertmusiker genannt. Eine Rolle, die ihm wahrscheinlich nur eine Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller einbrachte (und nicht mehr), weil bereits ein Jahr zuvor Jamie Foxx für seine Ray-Charles-Performance in RAY (2005) von Taylor Hackford, eben diese begehrte Trophäe mit nach Hause nehmen durfte. Viele Nachahmer gab es in der Folge aber nicht, sondern man konnte eher solche filmischen Experimente wie Todd Haynes I’M NOT THERE (2007) über Bob Dylans Leben entdecken, der aber wohl gerade wegen seiner ungewöhnlichen Erzähl- und Inszenierungsweise beim breiten Publikum nur wenig Anklang fand, aber zumindest bei Kritikern und Preisverleihungen eine gewichtige Rolle spielte. In diesem Jahrzehnt fehlen im Bereich der Musiker-Biografien noch die großen oder bleibenden Filme. Don Cheadles Miles-Davis-Biografie MILES AHEAD (2015), wo er Hauptrolle und Regie in Personalunion übernahm, lief auch in den USA völlig unter dem Radar und kam in Deutschland Ende letzten Jahres direkt für das Heimkino in den Handel. Miles Davis großer Rivale Chet Baker erhält nun in filmischer Form aber auch in Deutschland seine Kinoauswertung.

Schon die Rivalität von Chet Baker und Miles Davis wurde über die Jahre mehr und mehr ausgeschmückt durch Erzählungen und Gerüchte, so dass kaum mehr einer wirklich beschwören kann, wie es damals wirklich war. Solche Erzählungen und urban legends prägen die Biografie Bakers. Regisseur Robert Budreau, der auch das Drehbuch schrieb, nähert sich dieser Problematik auf sehr interessante Weise an und macht aus der Not eine Tugend. Der Kanadier fertigte bereits vor ein paar Jahren den Kurzfilm THE DEATHS OF CHET BAKER an, doch der Musiker scheint ihn nicht loszulassen. Um ihm einen Film zu geben, der ihm in irgendeiner Weise gerecht werden könnte, überlegte er sich den Kniff im Film selbst einen Film über Chet Baker drehen zu lassen. Kurz: Der Film enthält zwei Erzählebenen. Die gegenwärtige in Farbe, in der wir einen Chet Baker sehen, der den Drogen bereits verfallen ist und dessen Karriere am Boden zu liegen scheint. Parallel dazu sehen wir in schwarz-weißen Bildern seine (mögliche) Vergangenheit, die an einem schicksalsträchtigen Abend bei einem Auftritt in einem Club einsetzt, bei dem nicht nur Miles Davis im Publikum sitzt, sondern er auch zum ersten Mal mit Drogen in Kontakt treten wird. Mit dem Einführen dieser zweiten Ebene, wird Budreau ermöglicht sich unverhohlen auch an den Gerüchten, die sich um Bakers Leben ranken, zu bedienen ohne das man ihm das ankreiden könnte, denn schließlich geschieht dies im Film-im-Film. Budreau baut wohl über die Montage einen Zusammenhang und eine Dualität zwischen diesen beiden Ebenen auf, doch überlässt er es den Zuschauer, ob er das Gesehene nun als wahr oder unwahr einstuft.

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Durch die klare farbliche Trennung der beiden Ebenen ist demnach aber auch eine klare Orientierung im Plot möglich. Nur am Anfang spielt der Film mit der Unwissenheit des Zuschauers und lässt so Bakers ersten Kontakt mit Drogen, als er sich frustriert mit einem Groupie in seine Kabine flüchtet, plötzlich durch das Eingreifen einer Filmcrew als Inszenierung im Film auflösen. All diese Kniffe und Einfälle stehen und fallen aber auch mit der Besetzung der Hauptrolle und diese sorgt dafür, so viel sei direkt verraten, dass das Ganze fest im Sattel sitzt. Ethan Hawk spielt die Rolle des Chet Bakers mit einer Souveränität und Hingabe, als habe er sich seine ganze Karriere nur darauf vorbereitet. Baker war ein Getriebener von seiner Musik. Seine etwas unscheinbare, schwache Stimme wollte da nie so wirklich zur Sonnenbrille passen, die er auf den nur spärlich von Scheinwerfern beleuchteten Bühnen trug. Doch sollte Baker, wie es auch im Film dargestellt wird, später auch als Sänger in seinen Songs Erfolge feiern. Diesen Ehrgeiz, aber auch Stolz bei der Arbeit, nimmt man ebenso Ethan Hawke in der Rolle jederzeit ab. Der Film mag zuweilen gewissen Konventionen folgen und man kann ihm unterstellen, dass er trotz seiner narrativen und strukturellen Einfälle, schließlich doch einer herkömmlichen Geschichte eines Künstlers folgt, der am Boden lag und sich wieder aufrappelte, doch spätestens die letzte Sequenz macht in einer bitteren Note klar, dass alles seinen Preis hat. Diesen ist man entweder gewillt zu zahlen oder eben nicht. Die erste und die letzte Szene umklammern den Film und bieten schon für sich so viele Anknüpfungspunkte, die über die eigentliche Erzählung hinausgehen.

Fazit:

Kein weiteres herkömmliches Biopic. Robert Budreau versteht es die vielen Gerüchte und Erzählungen als Film-im-Film-Elemente interessant in den Film einzubauen und bietet daneben eine vielleicht konventionelle Ab- und Aufstiegsgeschichte eines Künstlers, der für seine Profession alles tun würde. Ethan Hawke spielt dies als Tour-de-Force in einer seiner stärksten Leistungen seiner Karriere. Am Ende wird man vielleicht nicht bebend im Kinostuhl sitzen wie bei WHIPLASH, aber einen Kloß wird den geneigten Zuschauer aus dem Kinosaal begleiten.

8 / 10

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