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Kritik:
Das Bourne Vermächtnis


von Christian Westhus

THE BOURNE LEGACY
(2012)
Regie: Tony Gilroy
Cast: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Edward Norton,

Story:
Durch den Wirbel um Jason Bourne und Treadstone sieht sich die CIA gezwungen, das Nachfolge-Agenten-Programm namens „Outcome“ zu beenden. Aaron Cross (Renner) ist einer der Outcome-Agenten, die nun nach und nach eliminiert werden sollen. Eine Wissenschaftlerin (Weisz), die für das Aufputschmittel der Agenten mitverantwortlich ist, sieht sich nach schockierenden Erfahrungen und Entdeckungen bald gezwungen, Cross bei seiner Flucht zu helfen. CIA-Agent Byer (Norton) versucht sie aufzuhalten, bevor die ganze Welt von den geheimen Machenschaften und Menschenversuchen der CIA erfährt.

Kritik:
Als 2002, unter der Regie von Doug Liman, aus dem eher unscheinbaren, milchgesichtigen Matt Damon ein Actionstar wurde, war man überrascht, erstaunt, konnte aber noch nicht erahnen, welche Ausmaße die Geschichte von Jason Bourne annehmen würde. Als für die beiden Fortsetzungen 2004 und 2007 Paul Greengrass die Regie übernahm, wurde aus Jason Bourne der zentrale Film-Agent des neuen Jahrtausends bzw. der Post-9/11 Ära. Nicht zuletzt weil James Bond schwächelte und sich gezwungen sah, den frischen, ernsten, realitätsnahen mittendrin-statt-nur-dabei-Stil zu übernehmen, wurde aus der Bourne-Reihe ein Millionengeschäft, das auch noch Oscars abräumte und von Kritikern mehr als positiv aufgenommen wurde. Tony Gilroy schrieb bisher zu allen drei Filmen das Drehbuch und war maßgeblich daran beteiligt, Bournes Geschichte, inspiriert durch die Romanreihe von Robert Ludlum, fürs Kino aufzuarbeiten. Nun, nach ein paar internen Querelen, übernimmt Gilroy zusätzlich auch den Regie-Posten, wenn man erstmals ohne Matt Damon, ohne die tatsächlich präsente Figur Jason Bourne, hinter die Kulissen von CIA, Treadstone und Co. blickt. 

Die Arbeit an den jeweiligen Drehbüchern konnte jedoch nicht verhindern, dass letztendlich Paul Greengrass der Reihe zu Form und Farbe verholfen hat. Mehr noch als Doug Liman im Erstling etablierte Greengrass die bewegliche Kamera, den zuweilen überdrehten, aber ungemein effektiven Schnitt und die dynamische Verwebung von Bournes halsbrecherischer Flucht mit schnittigen Verschwörungsdialogen. Als Autor mag Tony Gilroy gute Arbeit leisten, doch an den mitreißenden, temporeichen Stil von Greengrass kommt er nicht heran. Er versucht es, zitiert visuell insbesondere Teil 1 und Teil 3, mit dessen Geschehnissen die Flucht von Outcome-Agent Aaron Cross zeitweise verbunden ist. Doch auch ein wenig Kameragewackel, oder eine rasante, wenn auch schon oft gesehene Verfolgungsjagd, lassen Gilroys Film nie die Dynamik, den unaufhaltsam pulsierenden Rhythmus entwickeln, der die Vorgängerfilme auszeichnete.

Am neuen Helden Aaron Cross und seinem Darsteller Jeremy Renner liegt es bestimmt nicht, dass „Das Bourne Vermächtnis“ fast eine ganze Stunde braucht, um wirklich harmonisch zu rollen und um dann als relativ wenig sagender Actionthriller zu enden. Jeremy Renner ist ein ganz anderer Typ, als es Matt Damon war. Renner ist eben nicht der augenscheinlich gewöhnliche Kerl, sondern ein echter Soldat, ein gut trainierter Profi. Gleich zu Beginn kraxelt Renner über Berge, legt sich mit Wölfen an und schaltet Aufklärungsdronen aus, was durchaus Freude macht und zunächst recht geschickt mit Edward Nortons Wirbel im CIA-Hauptquartier montiert ist. Doch dann rennt Renner weiter und Norton quatscht weiter und Rachel Weisz taucht auf, als Wissenschaftlerin, die irgendwie mit in die Sache hineingezogen wird. Und während Nortons Versuche, bei Outcome die Schotten dicht zu machen, nur schleppend und wenig reizvoll voran gehen, während Weisz eine ganze Zeit braucht, um ihren verhuschten Charakter auf Cross und ihre Situation einzustellen, leidet Cross an seiner Bedeutungsarmut. Zuvor waren wir Bourne gefolgt, einem Mann ohne Erinnerung, der mit uns seine Vergangenheit entschlüsselt, der höchst faszinierende emotionale Verbindungen zu seinen Gegenspielern hat. So etwas fehlt Cross. Er ist keineswegs ein langweiliger Charakter, hat ein paar äußerst interessante Facetten, doch es fehlt die treibende Kraft, die Cross in Bewegung und den Zuschauer an seiner Seite hält. Diese Flucht und die Suche nach gewissen Muntermachern in Pillenform ist nicht reizvoll genug, obwohl es quer über den Globus geht. 

So ist „Das Bourne Vermächtnis“ selten mehr als eine ansprechend gemachte, aber meist nur solide erscheinende Erweiterung der Bourne-Geschichte, deren Potential sich erst langsam entwickelt und schließlich, gerade als Weisz, Renner und Gilroy sich gefunden haben und es Spaß macht, ihnen zuzusehen, relativ belanglos verpufft. Vielleicht kommt der große Knall noch in den Fortsetzungen, über die mit Sicherheit schon nachgedacht wird, doch für diesen Quasi-Neustart ist das alles nur mittelmäßig befriedigend. Dafür, dass es trotz wichtigtuerischer Dialoge um nicht sonderlich viel geht, ist der Film mit seinen 135 Minuten auch schlicht zu lang.

Fazit:
Jeremy Renner ist ein durchaus interessanter Ersatz für Matt Damon, doch seiner Figur und damit dem gesamten Film fehlt es an Tempo, Dramatik und wirklicher Bedeutung. So kommt der überlange Film behäbig auf Touren und ist selbst dann selten mehr als solide.

6 / 10

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