BG Kritik:

Boyhood


von Christian Westhus

Boyhood (USA 2014)
Regisseur: Richard Linklater
Cast: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater

Story:
Die Geschichte von Mason Junior (Coltrane) von der Kindheit bis in die Jugend. Masons Eltern (Arquette, Hawke) leben getrennt, die Familie zieht regelmäßig um, und Mason verändert sich, entwickelt sich im Laufe der Jahre auf dem Weg zum Erwachsenen.

Manchmal ist die Entstehungsgeschichte eines Films interessant genug, dass sie allein der Grund sein könnte, diesen Film zu sehen. Regisseur und Autor Richard Linklater begann 2002 mit den Dreharbeiten zu „Boyhood“, der nun 2014 fertiggestellt wurde. Mit denselben Darstellern – auch bei den Kindern – filmte Linklater zwölf Jahre lang jedes Jahr ein Stück dieser Lebens- und Entwicklungsgeschichte eines Jungen.

Gefilmt über 12 Jahre hinweg mit identischer Besetzung.


„Boyhood“ ist ein Film, bei dem man zwangsläufig mindestens genau so viel über die Hintergründe sprechen muss, als über die eigentliche Filmhandlung. Schon mit seiner „Before“ Trilogie (Sunrise, Sunset, Midnight) führte Linklater das Element der Zeit auf ganz neue Weise in eine Filmnarrative ein. Doch während die „Before“ Filme drei jeweils neun Jahre entfernte Kernmomente im Leben eines Paares waren, zeigt „Boyhood“ ein Leben im Zeitraffer und gleichzeitig mit nie zuvor gesehener Intimität. Es ist ein mit zunehmender Laufzeit mehr und mehr verblüffender Effekt, Ellar Coltranes stetig älter werdendes Gesicht zu sehen. Selbst Zeitsprünge von nur einem Jahr, die sonst in Filmen höchstens durch eine neue Frisur deutlich gemacht werden, sind hier spürbar. Coltrane wird vor unseren Augen ein junger Mann und hat den Vorteil, dass er schon früh ein ausgesprochen interessantes und faszinierendes Gesicht hat.

Entweder hat Richard Linklater ein unfassbar gutes Gespür für Talente oder kann ihnen das Beste abgewinnen, denn Ellar Coltrane ist nicht nur ein interessanter Typ, sondern auch ein überaus talentierter Schauspieler. Schon als Kind, wenn sich Mason mit der verwirrenden Lebens- und Wohnsituation seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter Olivia arrangieren muss, vermag Coltrane verblüffend viel Ungesagtes zu vermitteln. Denn Mason ist ein ruhiger, verschlossener Junge, der seinen eigenen Weg geht, manchmal aber auch einen verbalen oder tatsächlichen Arschtritt braucht. In einer Art ausgleichenden Gerechtigkeit Ellar Coltranes wie auch immer verfremdetes Leben quasi komplett für die Öffentlichkeit abzubilden, stellt ihm Linklater seine eigene Tochter Lorelei als Schwester Samantha gegenüber. Nicht nur gehen beide jederzeit glaubwürdig als Geschwisterpaar durch, auch Lorelei Linklater ist eine enorm talentierte Darstellerin mit einer faszinierend-authentischen Art.

Coltrane hatte 2006 eine kleine Rolle in Linklaters "Fast Food Nation".


Man möchte fast zwangsläufig hinterfragen, wie das alles zustande gekommen ist. Es drängen sich Fragen auf, wie Linklaters Drehbuch 2002 wohl aussah und wie sehr seine Geschichte durch die reale Entwicklung von Coltrane beeinflusst wurde. Doch so spannend und faszinierend diese Fragen auch sein mögen, sie sind auch unnötig. Denn egal wie „Boyhood“ zu der Form gefunden hat, in der uns der Film nun begegnet, es hat sich gelohnt. Es ist ein faszinierendes Erlebnis, obwohl die eigentliche Handlung irgendwo banal ist. Faszinierend banal, wenn man so will, auch dank Linklaters Fähigkeit als Drehbuchautor. Er setzt uns häufig vor vollendete Tatsachen, lässt einige klassische Erfahrungen, die nahezu jeder Mensch im Laufe des Erwachsenwerdens mal macht, bewusst aus. So werden wir gar nicht erst Zeuge des ach so bedeutsamen Ersten Mals, das irgendwann einfach passiert ist und keine große Sache war. Das Leben ist zu groß, um sich auf diese viel zitierten Kernmomente reduzieren zu lassen. „Boyhood“ ist ein Film über das Leben und die eigene Persönlichkeit, über die bewussten und unbewussten Entscheidungen die wir treffen auf dem Weg zu uns selbst.

Durch diese Drehbuchstruktur und die ohnehin immense Zeitspanne beschleicht uns manchmal aber auch das Gefühl der Oberflächlichkeit. Neue Partner an der Seite von Mama Olivia sind bei weitem nicht so gut und natürlich entwickelt wie Mason, Olivia, Daddy Mason und Schwester Samantha. Dinge passieren, Entscheidungen werden getroffen und das Leben geht weiter. Das fasziniert und ist gleichzeitig manches Mal ein wenig zu entrückt, zu sehr im Zeitraffer verschluckt. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es der deutschen Synchro oder den eigenen peinlichen Erinnerungen des Zuschauers geschuldet ist, dass es geradezu unzumutbar dämlich klingt, wenn 14Jährige über ihren Erfahrungsstand beim Thema „Pussy“ reden. Denn Nostalgie und eigene Kindheitserinnerungen des Zuschauers spielen zwangsläufig eine Rolle bei einem Film wie diesem. Musikliebhaber Linklater setzt insbesondere in der ersten Hälfte mit aller Macht auf die Popkultur des neuen Jahrtausends, auf Musik, TV und Videospiele. Es sind die Kinderjahre für Mason, der in einem Alter ist, in dem er verrückte Fragen über dies und das stellt, lieber in Bildschirmwelten verschwindet, als das verwirrende reale Leben zu sehr an sich heran zu lassen. Es ist die großartige Konsequenz dieser wirklich faszinierend banalen Geschichte, dass aus Mason irgendwann ein voll geformter Jugendlicher geworden ist, zu dem wir sagen können: „Ja, das passt. Ich habe gesehen und verstanden, wie aus dem Videospiele-verrückten Jungen dieser Teenager geworden ist.“ Spätestens wenn uns Linklater nach mehr als zweieinhalb Stunden Laufzeit und 12 Lebensjahren mit einer großartigen Schlussszene in den Abspann und damit wieder in unsere Welt entlässt, wird die gesamte Wirkung dieses Wunderwerks spürbar.

Fazit:

Ein in seiner Entstehungsgeschichte und Wirkungskraft einzigartiges Wunderwerk von Film, dessen faszinierend banale Lebensgeschichte tiefe Spuren hinterlässt.

8,5 / 10
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