Kritik:
Bulletstorm
von
Christian Mester
Bulletstorm
(2011)
Studio: People Can Fly / Epic
Games
Intro &
Handlung:
"Wie wäre es, wenn der beinharte
Held aufgebrachten Kannibalen-Punks
in die Hoden schießen könnte, sie
dann per Telekinese zu sich hin
zieht und wuchtig in
einen überdimensionalen Kaktus
tritt, in dem schon vier ihrer
Freunde aufgespießt hängen?" Ein
ungewöhnliches Konzept, das man im Hause Epic
Games anscheinend so viel versprechend fand,
dass man es nach gut fünf Jahren
Entwicklung nun als fertigen Shooter "Bulletstorm"
auf den Markt bringt. Ein...
interessantes Konzept, doch lohnt
das Ergebnis?
Der an Marcus Fenix erinnernde,
knallharte Space Marine Grayson Hunt
stellt eines Tages entgeistert fest,
dass er und sein Team von seinen
Auftraggebern belogen wurden. Die
angeblichen Kämpfer für das Gute
finden mit Entsetzen heraus, dass man sie ohne ihr
Mitwissen regelmäßig gegen Unschuldige
eingesetzt hat, um krumme
Machenschaften zu vertuschen. Erbost
greift Hunt im Affekt das Raumschiff
seines Generals an, wodurch beide
Schiffe auf dem Planeten Stygia
abstürzen. Am Boden angekommen,
beschließt Hunt, sich über den Tod
seines Erzfeindes zu vergewissern.
Begleitet von einer Soldatin und
einem kybernetisch aufgefrischten
Squad-Partner, der droht, ihn
bei passender Gelegenheit
umzubringen, führt sein Weg mit
Hilfe spezieller Mächte durch
eine prunkvolle, aber scheinbar
verlassene Menschenstadt, die nun
von Geisteskranken und Mutanten
überrannt ist...
Die grundlegende Handlung des Spiels
ist eindimensional und
Muster-Klischeematerial zahlreicher
futuristischer Action-Titel, doch
erfreulicherweise stört es nie, da sie
trotzdem interessant und vor allem
amüsant umgesetzt ist. Egal ob Hunt
mit seinem Partner, einem
widerwillig zusammengeleimten
Cyborg, der an den Protagonisten aus
id Softwares
"Quake IV" erinnert, mit einer
natürlich knapp bekleideten, aber
schlagkräftigen Soldatin oder seinem
erfahrenen, aber verhassten Sarge
spricht, jede Zwischensequenz und jeder
Ingame-Kommentar
macht Spaß, da keiner dem anderen
traut und sie sich alle regelmäßig
mit süffisantem Spott in die Pfanne
hauen. Die Story hat keine
interessanten Wendungen, spielt aber
gekonnt mit den Figuren und sorgt
dafür, dass Allianzen und Motive
nicht immer gleich ersichtlich sind.
Gameplay:
Um es direkt auf den Tisch zu
bringen: in "Bulletstorm" ist
nichts wirklich innovativ. Was sich in der
kurzen Zusammenfassung bereits wie ein Mix
aus "Borderlands", "Madworld", "Gears of War",
"Timeshift" und "BioShock"
liest, ist es auch. Ein wild
zusammen gewürfelter
Genre-Mischmasch, der sich
offenherzig und unmanierlich bei der
Konkurrenz bedient und sich
erdreistet, sich selbst originell zu
krönen. Spielerisch hat das jedoch
keinen negativen Effekt, denn was
bereits in zahlreichen Titeln
funktionierte, funktioniert auch
hier in zusammengeklaubter
Zusammenstellung. Spieltechnisch
finden sich erst einmal alle Muster
eines handelsüblichen aktuellen Story-Shooters: man durchläuft eine
gnadenlos lineare Welt, in der alles
immer so ausfällt, dass es nie
interessante Alternativrouten gibt. In der Regel
begibt man sich in jedem der Level
bloß von einem Ort zu einem neuen,
wobei es unterwegs gilt, alle
störenden Angreifer ins Jenseits zu
befördern. Auch das fällt nach
bekanntem Schema F aus: man geht in
Deckung, ballert auf alles, was
nicht schnell genug in Deckung ist
und sammelt unterwegs Munition ein,
damit man auch gegen weitere
Gegnerhorden ankommen kann.
Wird man schwer verletzt, leuchtet der
Bildrand eine Weile rot, bis man
kurz in Deckung verschnauft.
Aufgelockert wird der lange Marsch unter
anderem durch verschiedene
Klettereinlagen, die konsolenbedingt extra vereinfacht
wurden, damit man sie so
unkompliziert wie möglich auch per Gamepad spielen kann. Dazu gibt es
die bekannten Geschützturmszenen und kurze Reisen in Fahrzeugen, die man
selbst jedoch nicht steuern kann. "Bulletstorm"
ist nicht ganz so rasant wie
"Call of Duty: Black Ops",
treibt aber dynamisch vorwärts.
Unterwegs wird das Geschehen immer
wieder mit interessanten Spielszenen
garniert, etwa, wenn man vor einem
gigantischem, außer Kontrolle
geratenen Schaufelrad flüchten muss
oder durch ein einstürzendes
Hochhaus hechtet.
Ein Highlight ist eine Szene, in der
man eine metallische Riesenechse mit
zerschlissener Gummihaut via
Fernbedienung steuert, mit der man
den verwahrlosten irren
Menschenfressern ordentlich einheizt. Eine Szene,
die so auch glatt im neuen Duke Nukem vorkommen könnte.
Der große Werbeaufhänger "Bulletstorms"
ist es nun, das so genannte
Skillshot-System zu bieten. Hinter
diesem verbirgt sich nichts anderes
als die bereits bekannten
Achievements / Trophys, die
spezielle ausführbare Manöver beschreiben, für
die es spezielle Sonderpunkte gibt.
Diese beziehen sich auf das variable
Erledigen der Gegner im Spiel,
sodass man beispielsweise unter
Alkoholeinfluss für einen Schuss in die
Hoden des Gegners und einen
anschließenden Kick über eine Klippe
mehr Punkte bekommt
als für nüchterne ungenaue, ungezielte Schüsse in die
Beine. Die dadurch gesammelten Punkte
lassen sich regelmäßig an überall herum
stehenden Automaten einlösen, die
Munition und Erweiterungen für die
Schusswaffen bieten. Das Prinzip ist anfangs
noch recht lustig, die oftmals
völlig verrückten Forderungen der
Liste zu erfüllen, doch da die meisten
Manöver in etwa gleich viel Punkte
ergeben und es lästig ist, immer
wieder nach zu sehen was man noch
offen hat, nutzt man später immer
dieselben gleichen Moves. Die meist
genutzte Taste wird die Treten-Taste,
da praktischerweise überall scharfe
Kanten, Eisenstangen, Kakteen,
fleischfressende Riesenpflanzen und
tiefe Abgründe bereit stehen, um
ahnungslose Gegner tödlich aufzufangen.
Rätsel gibt es keine, ebenso keine
Physik-Spielereien ala "Half-Life
II"; es gibt lediglich eine
Energiepeitsche, mit der sich Gegner
heranziehen lassen (um sie in
Zeitlupe in den Tod zu kicken). Die
verfügbaren Waffen sind Standardware
(Maschinengewehr, Shotgun,
Granatenwerfer etc.) und nichts
Besonderes.
Grafik und Sound
Die Unreal Engine 3 gehört
derzeit fraglos zu den mächtigsten
der Branche, was Epic Games
in "Bulletstorm" in aller
Pracht stolz demonstriert. Große
Sichtweiten, hoch aufgelöste
Texturen und eine Liebe fürs Design
sorgen für erstklassige Optik. Das größere Lob gebührt
jedoch den Level-Designern, denn die
Spielwelt von "Bulletstorm" ist
eine der schönsten seit "Bioschocks" Rapture. Einige
Abschnitte wiederholen sich mitunter, doch die zerfallende
Edelarchitektur der utopischen Stadt gibt eine exzellente
Welt ab, die bis zu Spielende
immer wieder interessant umgesetzt
ist. Soundtechnisch bretzelt ein
hämmernder Mix aus Rock- und
Elektroklängen durch die Boxen, der
das Geschehen recht gut untermalt,
sich bei längeren Partien jedoch
merklich wiederholt. Große Momente
greifen mitunter zu
Orchesterklängen, sodass "Bulletstorm"
durchaus des Öfteren einen leicht
epischen Eindruck hinterlässt.
Multiplayer und Spielumfang
"Bulletstorm" bietet zwei
Modi: in einem Survival-Modus kann
man mit bis zu drei Freunden gegen
immer wieder anrückende Armeen
antreten; hier gilt es darum, so
lange wie möglich zu überleben. Der
Echo Modus dagegen wiederholt
Abschnitte der Solokampagne und
sieht Level als Parcours, durch die
man so schnell wie möglich hasten
muss und in denen man so viele
Skillshot-Punkte wie möglich
erzielt. Da Held Hunt die gesamte Kampagne mit
Partnern bestreitet, ist es schade,
dass es keinen Koop-Modus gibt, vor
allem, da im Multiplayer noch
Team-Skillshots hinzu kommen, die
das gemeinsame Skillen angenehm
untermalen.
Der Umfang der Kampagne ist im
üblichen Rahmen und lässt sich in
ca. sechs - acht Stunden bestreiten.
Was direkte Wiederspielbarkeit betrifft,
so macht "Bulletstorm"
jedoch nur höchstens
dann noch einmal Spaß, ist man verrückt
danach, sämtliche Skillshots einmal
geschafft zu haben. Aufgrund
fehlender Wahlmöglichkeiten und dem
völligen Fehlen von interaktiven
Elementen und sammelbaren Secrets
kann es durchaus sein, dass man
anschließend erst einmal andere
Spiele im Auge hat. Die deutsche
Version des Spiels ist übrigens
stark geschnitten - sämtliches Blut
und Körperteilabtrennungen fehlen;
eine Farce, bedenkt man, dass man
noch immer Menschen in riesige
Stachel kicken darf und dafür
belohnt wird.
Fazit:
"Bulletstorm" erfindet das Rad
gewiss nicht neu, ist aber ein guter Shooter, der durch eine sehenswerte
Kampagne in schicker Spielwelt
überzeugt. Das groß umworbene Skillshot-System ist leider weder
neu, noch der große Hit, bietet aber
gerade im Multiplayer recht
angenehme Abwechslung zum
ausgelatschten Einerlei. Kein
Must-Have, aber ohne Frage ein guter
Top-Titel, den man als Genrefan
kennen sollte.
7,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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