BG Kritik:

Café Belgica


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur war er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin tätig.

Cafe Belgica (BEL/FRA 2016)
Regisseur: Felix Van Groeningen
Cast: Stef Aerts, Tom Vermeir, Stefaan De Winter

Story: Die Geschichte zweier Brüder, die erst wieder zusammenfinden als sie sich entscheiden, ein Café gemeinsam zu einem Partytempel auszubauen. Doch bald müssen sie feststellen, dass Nachtleben und Familienleben nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. Dabei entstehen nicht nur familiäre Probleme, sondern auch die Beziehung zwischen den zwei Brüdern droht zu zerbrechen.

Lohnt sich ein Abend im Café Belgica? Oder gleich die ganze Nacht?

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Nach dem der Belgier Felix van Groeningen schon in seinem letzten – Oscar-nominierten – Film THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN (The Broken Circle, BEL/NL 2012) die Musik als ein elementares dramaturgisches Mittel einsetzte, bleibt er auch in seinem mittlerweile fünften Film der Musik in gewisser Weise treu. Selbst biografische Bezüge arbeitet er diesmal mit rein, denn das reale Vorbild für das Café Belgica ist das Café Charlatan, welches man in Gent findet und von Van Groeningens Vater 1989 eröffnet wurde. Die Musik, der Rhythmus der Nacht, treibt diesmal wieder die Figuren an und leitet sie scheinbar, wenn die Sonne untergeht, in die Erlösung und zur Erfüllung aller ihrer Wünsche und Träume. Doch morgens wenn das alltägliche Leben wieder hereinbricht, scheint alle Hoffnung wie verflogen. Was man vom Leben will und was es einen gibt muss nicht immer zum selben Ergebnis führen.

Es ist erst mal als ein großer Pluspunkt anzurechnen, dass Felix Van Groeningen mit CAFE BÉLGICA nicht einfach einen Partyfilm machen wolte. Das Zentrum sind klar die beiden Brüder und was das Café, die nächtlichen Ausbrüche und das Leben mit ihnen und ihren familiären Beziehungen machen. Anders wie bei seinem Vorgängerfilm erzählt er hier mal wieder in großen Teilen streng chronologisch ohne jegliche Rück- oder Vorausblenden. Der Zuschauer wird mit in den Strudel gezogen und weiß genauso wenig wohin die Reise gehen wird. Man bleibt als Zuschauer dabei zu weiten Teilen wie die beiden Hauptcharaktere in diesem Café gefangen. Immer mal wieder gibt es kleine Ausflüge zur Familie, doch ansonsten spielt sich alles innerhalb der Räumlichkeiten des Café Belgica ab. Ein Zeitgefühl geht dabei völlig verloren. Es werden Nachtexzesse ineinander montiert und es können Tage, aber auch Wochen sein die hier vergehen. Klar, dass dies nicht immer so weitergehen kann.

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Fast schon minutiös wird gezeigt, wie aus einem kleinen Café ein großer Club gebaut wird. Die Probleme die damit einhergehen, Notausgänge müssen vorhanden sein, Security-Männer organisiert und bezahlt werden etc., und wie nach und nach das gesamtem Konstrukt für die beiden Brüder zum Zusammenbruch führt. Dabei sind Exzesse mit Hilfe von Drogen ein gern genutztes aber auch mittlerweile sehr klischeebeladenes stilistisches Mittel. Auch bleiben die Gäste und ein Großteil der restlichen Mitarbeiter eher blass. Wer eigentlich noch von diesem Club angezogen wird bleibt unbekannt, doch darum geht es Van Groeningen auch gar nicht.

Tom Vermeirs Frank und Jo gespielt von Stef Aerts sind quasi die Antihelden des Films. Zu Beginn des Films treffen mit Ihnen zwei Lebensmodelle aufeinander, wobei im Laufe des Films genau diese umgedreht werden sollen. Frank, der Familienvater, über dessen sonstige Vergangenheit leider nicht viel mehr bekannt wird, glaubt das es im Leben noch mehr geben muss als den tristen Familienalltag. Jo dagegen merkt im Laufe des Films, dass ihn das Belgica nicht glücklich machen wird und erlebt selbst wie dadurch keine gewöhnliche Familienplanung möglich ist. Van Groeningen macht es dem Zuschauer dabei mit der Empathie nicht ganz so einfach, da wie bereits erwähnt Franks Beweggründe klar sind, aber es trotz allem nie wirklich nachvollziehbar wird inwiefern diese ganzen Partynächte ihn wirklich erfüllen können. Dafür ist die Beschreibung seines Lebens vor Filmbeginn mit Familie etc. zu unscharf. Vielleicht von den auch Machern gewollt, entfernt man sich dadurch als Zuschauer immer mehr von ihm.

Anders als der Trailer es vielleicht suggeriert, verliert man sich nicht in minutelangen Partyszenen und selbst in betreffenden Szenen hat Van Groeningen größtenteils immer seine Figuren im Fokus. Er scheitert in diesen Momenten vielleicht nur daran die Stimmung der Bilder auf den Zuschauer zu übertragen, wenn das überhaupt sein Ziel war, aber durch die relative Kürze der Szenen wird man dem Ganzen dann auch nicht so schnell überdrüssig. Der Soundtrack wird auf jedenfall seine Abnehmer finden können. Interessant hierbei ist, dass man mit der Elektro-Rock-Band Soulwax aus Gent zusammengearbeitet hat, die jegliche Musik, die im Film gespielt wird, ob auf der Bühne oder vom Tonträger, von ihnen stammt. Die auftretenden Bands, egal aus welchem musikalischen Genre, sind fiktiv und spielen Kompositionen aus der Feder von Soulwax.

Fazit:

Nicht so laut und prollig wie man es vielleicht erwartet. Sondern teilweise überraschend feinfühlig und immer nah an seinen Figuren, verliert der Film nur etwas an Boden was die Charakterisierung und die Motivation seiner Figuren betrifft. Nicht ganz so stark wie THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN, aber auf jeden Fall einen Blick wert.

6,5 / 10

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