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Kritik:
Captain America


von Christian Westhus

CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER (2011)
Regie: Joe Johnston
Cast: Chris Evans, Hayley Atwell, Hugo Weaving, Tommy Lee Jones

Story:
Der erste Avenger: Während der zweite Weltkrieg tobt, möchte sich der schmächtige aber herzensgute und mutige Steve Rogers für den Kriegsdienst melden, wird jedoch immer wieder abgelehnt. Bald wird ein Wissenschaftler auf ihn aufmerksam, erkennt die Bescheidenheit und Aufrichtigkeit in Rogers und bietet ihm an, mit Hilfe eines neuartigen Serums zu einem Supersoldaten zu werden. Captain America ist geboren. Doch während eine Nazi-Splitterorganisation namens Hydra und ihr Anführer Red Skull eine übernatürliche Machtquelle ergreifen, wird der Captain zunächst nur als Werbefigur eingesetzt, bis er sich beweisen darf und muss.

Kritik:
Und noch eine Runde von Marvels Aufgalopp zum großen „Avengers“ Klassentreffen 2012. Nach zweimal „Iron Man“, einem „Hulk“ und einem „Thor“ gehört auch dieser Geselle in Blau, Rot und Weiß zum Avengers Team. Nur jetzt noch nicht. Mehr als 60 Jahre bevor Tony Stark, Agent Coulson und Herr Odinson die Erde (un)sicher machen, erhält Steve Rogers samt Sternenbanner eine ganz eigene und beinahe vollständig unabhängige Vorstellung. Ein Vorteil, der nicht vielen Marvel-Helden zuletzt vergönnt war. „Iron Man 2“ und „Thor“ litten mitunter recht stark an der Überpräsenz von S.H.I.E.L.D., von irgendwelchen Handlungssträngen, die erst 2012 Sinn machen könnten, von Agent Coulson, weiteren Anzugträgern oder Mister Einauge Samuel L. Jackson. „Captain America“ kann da größtenteils befreit aufatmen, kommt er doch logischerweise zu Zeiten des zweiten Weltkriegs ohne derartigen Firlefanz aus. Selbst die Anwesenheit von Tony Starks Daddy funktioniert hier ausgesprochen gut, weil unaufdringlich präsentiert und ohne größere Beeinflussung der Story. Die Figur des Howard Stark akzeptiert man auch ohne Vorkenntnisse, einfach als US-Q mit James Bond Charme. So bekommt der Captain beinahe sein richtiges, sein eigenes Abenteuer, beinahe Stand Alone, mit ordentlich Retro-Charme. 

Wehende Fahnen, patriotischer Heldenmut, Kriegsehre und alte Haudegen, und dazwischen immer mal wieder Nazis vermöbeln. Die 1940er haben im Film ihren ganz eigenen Charme, nicht zuletzt gewonnen durch die „Indiana Jones“ Filme, an die man hier teilweise erinnert. Genauso, wie es ein Fest der halb modernen, halb retrospektiven Ausstattung und Kostüme, sowie der altmodisch handfesten voll auf die 12 Action ist, erwartet man von einer Comicverfilmung namens „Captain America“ natürlich auch den obligatorischen Patriotismus und die ach so beliebte Propaganda-Keule. Amerikanische Kriegshelden, die mit Stolz, Ehrenmut und gestählter Brust gegen das urböse Nazivolk zu Felde zieht. Und ja, natürlich schwingt dergleichen mit. Stars und Stripes retten hier mehrfach den Tag und lassen sich dafür auch kräftig auf die Schultern klopfen. Zu sagen, es hätte alles schlimmer sein können, ist daher vielleicht unbefriedigend, aber so ein bisschen gehört das doch bei einem Plot wie diesem dazu. Aber Drehbuch und Marvel Studios sind (aus vermutlichen kapitalistischen Gründen) vorsichtig genug, den hauseigenen Weihrauch nicht überkochen zu lassen, hier und da ein paar humoristische oder gar ironische Spitzen einfließen zu lassen. Mit dem Captain als propagandistischer Werbebanner für die amerikanische „I want you“ Kampagne, kann man sogar ein kritisches Element entdecken, bevor Steve Rogers als Hybrid aus Individuum und Repräsentant erst schießt (oder mit dem Schild knüppelt) und dann fragt. Ja sogar die Nazi-Schurken werden alsbald gesondert betrachtet, denn Red Skulls Hydra-Schergen repräsentieren wiederum nicht den Plan des Nazi-Führers.

Es ist – natürlich – reine Kriegsfantasy, die auch über das hinausgeht, was Quentin Tarantino und seine Basterds ablieferten. Mit Hokupokus-Einflüssen aus der nordischen Mythologie, dem allzeit beliebten Supersoldaten (gerne auch Uber-Soldier) und einem Fahrzeugdesign, das häufig mehr von Steampunk, als von realistischem Kriegsgerät hat, kann man den Schmarren natürlich zu keiner Zeit ernst nehmen. Also darf man sich dem auch bitte schamlos hingeben, was der Film leider nicht bis zur letzten Konsequenz tut, ihm aber durchweg gut gelingt. „Captain America“ ist eine zünftige Kriegskeilerei mit sinistren Schurken, Laserwaffen, versteckten Geheimbasen und üppigen britischen Damen. Inszeniert von Joe Johnston, der sich nach seinem „The Wolfman“ Fiasko wieder als fähiger Handwerker rehabilitieren kann. Die Entstehungsgeschichte des Captains hat Schmiss, Schauwerte, eine gute Dosis Humor und größtenteils ansehnlich altmodische Action. Ein nicht zu unterschätzender Faktor geht leider in der deutschen Synchro verloren, denn die Hydras oder auch deutsche Wissenschaftler in Reihen der Amerikaner sprechen hier Englisch mit deutschem Akzent und das höchst knuffig. Das geht sogar so weit, dass sich auch Hugo Weaving in seiner herrlich trashigen Rolle als Oberschurke Red Skull mit seinem ebenfalls deutschkundigen Kollegen Toby Jones auf Englisch unterhält, nur damit wir zeh äkzent lauschen können. Drolliges Highlight ist jedoch der ursympathische Stanley Tucci, der einige wunderbar trockene Momente hat und sich insbesondere mit Tommy Lee Jones, dem trockenen Humor in Person, wunderbare Kabbeleien zum Zustand der Soldaten und zu Steve Rogers im Speziellen liefert. Das funktioniert in egal welcher Sprache. 

Rogers selbst ist eine klassische Heldenfigur, eine Art Spider-Man, der als kleiner Hänfling ständig einstecken muss, der etwas leisten will, aber nicht darf, und schließlich eine außergewöhnliche Chance erhält, jedoch ohne sich zu verstecken. Denn auch für Mister Uber-Soldier gilt die Maxime, aus großer Kraft folge große Verantwortung. Und diese erwartet man beim bescheidenen Rogers eben eher, als beim bulligen Kollegen. Also wird unser Stevie groß (that’s what she said) und stark. Dass sein Körper-Upgrade inklusive Kampffähigkeiten kommt, nehmen wir einfach mal stillschweigend zur Kenntnis. Es ist halt Fantasy. Doch während Steve mit den Hydras spielen will, hat er andere Dinge zu erledigen. Auffällig ist die Geduld, der Zeitaufwand den man betreibt, um Steve als Figur, seine kontinuierliche Entwicklung hin zu Captain America zu festigen. Das ist sehr löblich und funktioniert recht gut, gerade im Vergleich zur Comickonkurrenz, auch wenn der ideal besetzte und beeindruckend trainierte Chris Evans meist nur den nachdenklichen oder den gefeierten Helden geben darf, ohne seinerseits so gewitzt oder cool zu sein, wie es Chris Hemsworth als Thor vormachte. Dafür wird dem Captain mit Peggy Carter (Hayley Atwell) die bisher beste Frauenfigur im Avengers-Universum an die Seite gestellt, denn Atwell gibt Peggy richtig Pfeffer und das Script gönnt ihr, eine starke und selbstbewusste Frau zu sein. Gerade im Vergleich zu Natalie Portmans lauem Lüftchen aus „Thor“ überzeugt Atwell. Außerdem funktionieren so auch die amourösen Verwicklungen zwischen ihr und unserem Helden. 

Kurzweiliger Retro-Spaß also, mit Witz und gut ausbalancierten Charakteren. Aber so ganz rund läuft das noch immer nicht. Weil man sich so stark auf Steve als Figur konzentriert, kommt Red Skull eher kurz. Dessen Pläne sind zwar anständig finster, aber dafür, dass er sich so sehr als Experte des mächtigen Cosmic Cubes aufspielt, nutzt er dessen Macht eher einfallslos. Klar, Laserwaffen peppen das WW2-Szenario auf, besonders wenn die Gegenseite bereit ist, nur mit einem Frisbee-Schild zu kämpfen (in ein, zwei Momenten die einzige Möglichkeit, das abermals überflüssige 3D wirklich zu erkennen), was ohnehin schon viel gutmütiges Entgegenkommen seitens der Zuschauer erfordert. Aber die mythische Energie-Quelle, die angeblich das Ende der Welt heraufbeschwören kann, macht – zumindest in Red Skulls Händen – nicht viel her. Schwerwiegender aber, dass die Fehde zwischen ihm und Cap relativ unpersönlich ausfällt. Es gibt einen kleinen Knotenpunkt, doch eigentlich ist der Eine für den Anderen nur lästig, statt wirklich eine Erznemesis zu sein. Dementsprechend gibt sich die Action ziemlich lange ziemlich konfus, mit einer zuweilen nichtigen Chronologie, denn eigentlich ist es nur ein launiges Abklappern verschiedener Stationen, immer dem Totenkopf und seinem Gefolge nach. Selbst die spaßige Tour mit des Captains Team, die in einer kurzweiligen Montage verschiedene Hydra-Stationen ausmisten, scheint wenig zielgerichtet und ergo wenig dramatisch. So wirklich Spannung kommt zu selten auf, also bleibt nur Spaß, der uns am Ende noch mal gründlich vermiest wird. 

Es ist so schon schade, dass ein, zwei lieb gewonnene Figuren so frühzeitig aus der Handlung scheiden, aber das Ende verdirbt all das, was den überwiegenden Rest so unterhaltsam und nett gemacht hat. Natürlich geht es nämlich doch noch um die Avengers und wie Steve Rogers mit seinen zukünftigen Kollegen in Verbindung steht. Man kann nur hoffen, dass der Captain irgendwie doch noch ein Abenteuer in Zeiten des zweiten Weltkriegs erleben kann, fern von fliegenden Robo-Anzügen und Augenklappenträgern. Denn wenn dieser Film eines gezeigt hat, dann dass die Marvel Filme immer dann am besten funktionieren, wenn sie unabhängig stehen können bzw. dürfen.

Fazit:
The Star Spangled Man. Mit einer erträglichen Dosis Patriotismus ist „Captain America“ der beste der Avengers-Filme, seit „Iron Man“. Gut besetzt, mit Witz und Dampf inszeniert, nett ausgestattet und eigentlich durchweg unterhaltsam, wenn auch erst spät wirklich zielgerichtet. Dass Andeutungen zu den Avengers hier zumeist fehlen, ist der größte Pluspunkt.

6,5 / 10

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