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Kritik:
Captain Phillips


von Michael Eßmann

CAPTAIN PHILLIPS
(2013)
Regie: Paul Greengrass
Cast: Tom Hanks, Barkhad Abdi, Catherine Keener

Story:
Vor der Küste Somalias wird ein unter US-Flagge fahrendes Frachtschiff Opfer eines Angriffs von Piraten. Die mit automatischen Waffen bewaffneten Männer entern das Schiff und bringen den Kapitän in ihre Gewalt. Für ihn und seine 20 Mann starke Besatzung beginnt ein Überlebenskampf.

Kritik:
Basierend auf den tatsächlichen Ereignissen, die sich ab dem 8. April 2009 an Bord des Containerschiffes Maersk Alabama abspielten, inszeniert Paul Greengrass (u.a. „Das Bourne Ultimatum“, „Green Zone“) einen abendfüllenden Film mit Oscar-Preisträger Tom Hanks. Dieser spielt Frachter-Kapitän Richard „Rich“ Phillips, der an Bord seines Schiffes schon bald um sein Leben und das seiner Mannschaft bangen und kämpfen muss. Das Tom Hanks eine Bank ist, dürfte unbestreitbar sein. Der Mann hat in seiner Karriere bereits alles erreicht was es zu erreichen gibt, und beweisen muss er als Schauspieler eigentlich niemanden mehr auch nur irgendwas. Und dann kommt „Captain Phillips“. Ein Film der trotz des suboptimalen Titels zweifelsohne zu den besten Filmen des Jahres gehört, bei den nächsten Oscars vermutlich mitreden wird und wohl auch seinem Regisseur einen weiteren Schub der Anerkennung bringen wird. 

Sich ganz entsprechend seiner früheren Berufungen als Journalist und Dokumentarfilmer an den wahren Ereignissen klammernd, hält Greengrass sich bei seinem Film unglaublich nah an den Fakten und dichtet keine offenkundigen dramaturgischen Spitzen hinzu. Im Wirrwarr aller auf den Markt drängenden, „auf wahren Ereignissen“ beruhenden Filme ist dieses der eine Film, bei dem es stimmt. Denn zumindest offenkundig faktisch stimmt hier alles mit dem realen Ereignis überein, läuft aber teilweise zügiger aneinander gereiht ab, als im realen Vorbild. So dauern im Film gezeigte Verhandlungen zwischen Piraten und Schiffscrew scheinbar nur einige Minuten, während im tatsächlichen Fall zwölf Stunden vergingen. 

Mehr als diese und vergleichbare kleine Freiheiten nimmt sich der Filmemacher allerdings nicht, denn kennt man die Artikel und Berichterstattungen, kennt man die Filmhandlung und deren Stationen. Ob Kapitän Phillips allerdings tatsächlich derart selbstlos und heroisch agierte, oder dies nur erzählerischem Zweck dient, bleibt ungewiss. Eine kürzliche, anonyme Stimme aus der echten Crew dementierte jedenfalls dessen Heldenmut. Woraufhin Regisseur Paul Greengrass die Authentizität des Films in allen Punkten, als seine oberste Priorität bekundete. Wie auch immer, denn dies tut dem objektivem Filmgenuss keinen Abbruch, denn die Geschichte (ob nun zu 100 oder nur 90% authentisch), ist in einen extrem spannenden und sehenswerten Entführungs-Thriller verpackt. Andere und weniger feinfühlige Regisseure hätten aus der realen Vorlage vermutlichen ein standardisiertes Action-Werk mit einem heldenhaft die Piraten im Alleingang nieder metzelndem Helden im blutigen Unterhemd gemacht. Greengrass aber gelingt das Kunststück, einen echt wirkenden Helden zu porträtieren. Hanks sein Dank. Denn wie zuvor bereits angedeutet, ist Tom Hanks bravourös. Er spielt hier fast im wahrsten Sinne um sein Leben, den Kapitän und Familienvater vom alten Schlag. Hier punktet Tom Hanks wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sein Rich Phillips ist ein Normalo-Held wie er im Buche steht; integer, und sich für seine Crew aufopfernd und der emotionale Anker des Films. Hanks Spiel ist intensiv und mitreißend und mal wieder Oscar würdig, speziell und noch einmal in den finalen Minuten. 

Aber auch die Antagonisten um Piraten-Kapitän Muse bieten was, haben durchaus Profil, und vor allem Muse Darsteller Barkhad Abdi bietet auch eine wirklich gute Performance, kommt aber nicht an die Leistung ran, die Hanks hier abliefert. Superlative reichen kaum aus, dies zu beschreiben.

Die Piraten sind aber nicht nur den Plot vorantreibende Charaktere, sondern jeder von ihnen hat auch bis zu einem gewissen Grad Charakter. Diese brauchen zwar etwas um sich vollends zu entwickeln, sind aber bei Zeiten sichtbar. Profil gewinnen die Geiselnehmer zusätzlich, weil Grenngrass es sich nicht nehmen lässt, Kritik zu üben und aufzuzeigen (wenn auch nur am Rande), dass die Piraten auch nur Menschen sind, und dass deren Handeln auch nur aus der Not oder gar aus Zwang heraus geboren ist, und dass hinter ihnen große Warlords die Fäden ziehen. Da werden nachvollziehbare Motive und die Nebenwirkungen der Lebensweise der westlichen Welt aufgezeigt, ohne allerdings allzu lange oder besonders tiefgründig dabei zu verweilen oder darauf einzugehen. Allein die aus der Perspektivlosigkeit entstandene Motivation der Männer, - die eigentlich Fischer sind - muss hier ausreichen. Denn die Hintergründe und Grundlagen dahinter werden nur in einem Nebensatz zum Thema Überfischung der Meere, durch die Industrieländer wie Amerika eingestreut.

Das ist etwas schade, für viel mehr erscheint aber in der Tat kaum Platz gewesen zu sein, da „Captain Phillips“ in seinen 134 Minuten das Tempo nie zu lange herausnimmt, um den Puls des angespannt dreinblickenden Zuschauers nicht zu lange zur Ruhe kommen zu lassen. Längen hat der Film daher trotz ordentlicher Laufzeit nur wenige, und vornehmlich im Mittelteil, was auch und vor allem am Stil von Greengrass liegt. Wer allerdings mit Greengrass typischer Kameraführung nicht klar kommt, wird auch hier auf altbekannte Probleme stoßen. Die Kamera wackelt merklich, wenn auch nicht wie zu Zeiten eines „Green Zone“. Allerdings zieht der Film eine ansonsten wohl nicht zu erreichende Kraft aus dem fast schon dokumentarischen und an Greengrasses „Flug 93“ erinnernden Stil. Die sich mit den Wogen der Wellen mitbewegende Kamera bleibt hierbei meist nah am Mann, und die fast stetige Nähe der Kamera sorgt speziell in der zweiten Hälfte, für eine extrem beklemmende Stimmung. Unterlegt werden die starken Bilder von einem unaufdringlichen aber kraftvollem Score, welcher phasenweise an Bourne erinnert, und mit afrikanisch klingenderen Anleihen versehen wurde. Greengrass versteht es aus seinen Szenen das Optimum raus zu holen, und schafft es so selbst aus dem Versuch zur Flucht nach vorn, seitens des massiven Frachters Alabama, eine spannende Szene zu gestalten. 

Genau hier blitzen leider erzählungstechnisch unnötig erscheinende Schnipsel einer Schiffsschraube aus dem Computer auf, welche im Anbetracht der sonstigen Sorgfalt um Authentizität und Glaubwürdigkeit negativ auffallen. Ein kleiner aber merklicher und unschöner Makel, der auch nicht zum restlichen Ansatz passen will, denn ansonsten existieren beinahe nur CGI frei wirkende Szenen, die gerade deshalb so intensiv wirken. Denn anstatt auf digitale Schiffe und Meere zu setzen, - und es sich im gemütlichen und trockenem Studio bequem zu machen - wurde hier größtenteils und wann immer möglich auf reale Aufnahmen auf hoher See oder in Wassertanks gesetzt. Vieles wurde gar sichtlich unter den erschwerten Bedingungen auf offenem Meer und mit und auf echten Schiffen gedreht, was dem Film extrem zugutekommt. Als Zuschauer kann man sich so wunderbar in dem Werk verlieren, während man seine Fingernägel in den Armlehnen vergräbt, und die Illusion in all ihrer Rauheit, Dramatik, Spannung und Emotionalität genießen. Zu der intensiven Illusion tragen auch immer wieder Details bei. Kleinigkeiten wie eine tiefe, nur nach Minuten entstehende Druckstelle auf der Stirn seines Protagonisten, durch den aufgedrückten Lauf einer Pistole, sind es, mit denen Greengrass sein Werk abrundet. 

Bei all dem sucht der geneigt kritische Zuschauer den allseits (un)beliebten Hurra-Patriotismus allerdings vergebens. Denn auch wenn die Damen und Herren vom US-Zerstörer USS Bainbridge hier scheinbar die einzig aktiv in Erscheinung tretende mögliche Rettung sind (dies liegt aber schon im wahren Fall begründet), so sind sie doch nicht die unfehlbaren, gefeierten Helden. Entsprechend des möglichst real anmutenden Ansatzes sind diese und andere später noch in Erscheinung tretende Retter, nur Menschen. Hier werden Fehler gemacht, man scheint trotz deutlich überlegender Kriegsmaschinerie ganz und gar nicht Herr der Lage, bzw. zumindest nicht ihres guten Ausgangs zu sein; und gleich zu Beginn geht bei der US-amerikanischen Maritimen Sicherheit, nicht mal einer ans Telefon. Stattdessen wird dann halt ersatzweise erstmal im guten alten England durchgeklingelt. Nein, Greengrass wollte offensichtlich keine Beweihräucherung der US-Marines und US Navy SEALs abliefern.

Fazit:
„Captain Phillips“ ist ein sehr guter und wunderbar stimmiger Mix aus Entführungs-Thriller und Doku-Drama. Zudem eine mitreißende Erfahrung auf hoher See, und sowohl darstellerisch als auch filmisch, potenzielles Oscar-Material. Ein Werk voller toller Momente und eine weitestgehend gelungene Balance aus großem Studiofilm und Aufklärungskampagne zum Thema moderne Piraterie, welches die Problematik vor Ort ein wenig ins öffentliche Licht rückt, aber weiteres dem Zuschauer überlässt. Unglaublich und bis in die Haarspitzen spannendes Kino, welches seine volle Wirkung wohl auch nur dort erreicht.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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