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Kritik:
Die Höhle der vergessenen Träume - 3D


von Christian Westhus

CAVE OF FORGOTTEN DREAMS (2011)
Regie: Werner Herzog
Cast: Werner Herzog

Story:
In der 3D-Dokumentation erkundet der deutsche Filmemacher Werner Herzog die französische Chauvet-Höhle, die 20.000 Jahre lang verschlossen war und die ältesten bekanntesten Höhlenmalereien birgt. Nur wenigen Menschen wird der Zutritt zur Höhle gewährt. Herzog lässt die Bilder aus der Höhle, mit den Kristallen, Knochen und Zeichnungen, durch philosophische Kommentare noch eindringlicher und lebendiger wirken.

Kritik:
Die ältesten bildlichen Darstellungen der Menschheitsgeschichte. Pferde, mehrfach leicht versetzt übereinander gemalt, wie in Bewegung. Simple, aber realistisch anmutende Tierzeichnungen, Nashörner, Bären, Mammuts. Dokumente menschlicher Ausdruckskunst und eines vorgeschichtlichen Naturverständnisses. Als die Höhle 1994 entdeckt wurde, hatte man aus den Fehlern im touristischen Umgang mit der vergleichbaren Lascaux-Höhle gelernt, die nach zu viel Menschenansturm Veränderungen im Höhlenklima und Pilzbefall traf. Die Chauvet-Höhlen sind seitdem streng verschlossen, die Personen, die sie betreten dürfen, streng kontrolliert und nur nach ebenso strengen Regeln unterwegs. Es ist nicht zuletzt diese dokumentarische Übertragungsarbeit, die Werner Herzogs Film so relevant macht. Mit der modernen 3D-Technologie durfte er und ein kleines Team für wenige Tage und nur wenige Stunden pro Tag die Höhle betreten. Beschränkt auf die vorgegebenen Wege der Laufstege, lässt uns Herzog an dem Teilhaben, was wohl keiner von uns je mit eigenen Augen wird sehen können. Ob auf dem Mond oder in der Chauvet-Höhle; so groß ist der Unterschied in der (Un)Wahrscheinlichkeit nicht. Nur, dass es in der Höhle wohl wesentlich mehr zu sehen gibt.

Und so schwirrt und rumpelt Herzog mit der klobigen Kamera durch die dunkle Höhle, durch die weitläufigen Flure und Gassen, und erkundet in beruhigter Neugierde die so einfach anmutenden und doch so bedeutsamen Zeichnungen. Im gewohnt plauderhaften, aber intellektuell klaren Ton kommentiert Herzog die Tier- und Menschenzeichnungen, ergründet die Wirkung, die Bedeutung und theoretisiert über die möglicherweise zu Grunde liegende Geschichte. Das trinkende Gnu, das rennende Pferd und der philosophierende Werner. Wozu wurde die Höhle genutzt, wie viele verschiedene Epochen haben sich zeichnerischen ausgelassen und was war die Motivation, diese Bilder an die Wände zu malen? Dies (und viele weitere) sind die Fragen, mit denen Herzog sich befasst. Gerade durch die 3D-Kameras wirken die Höhlenszenen großartig. Wie im inhaltlich depperten aber ansehnlichen 3D-Spielfilm „Sanctum“ entfaltet 3D im geschlossenen Raum endlich mal eine nachvollziehbare und sinnige Wirkung. Stalaktiten und Stalagmiten, die im Vordergrund den Blick auf Menschen, Felsen und Bilder versperren, oder der Blick durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende Werner Herzog gerade vorbei marschiert. Erst 3D macht das Höhlenerlebnis auch als solches erfahrbar und bietet mehr als bloßes Bildergucken. 

Auf Dauer verrennt sich Onkel Werner nämlich in Redundanz. Wenn zum gefühlt 300. Mal die markanten, faszinierenden, aber nun auch nicht überkomplexen Pferde zu sehen sind, dann hat man es irgendwann begriffen. Da kann Herzog noch so urig versuchen zu ergründen, was wohl die umherstreunenden echten Tiere dachten, als sie letztes Jahr oder vor 20.000 Jahren diese Bilder betrachteten. Auf Dauer ist der Marsch durch die Höhle dröge und auf Dauer führt Herzogs bedeutungsschwangere Schwafelei zu nichts, als zu verstrichener Zeit. Folgerichtig daher immer mal wieder der Wechsel, heraus aus der Höhle und auf ins Gespräch mit Wissenschaftlern und Forschern, endlich mal wieder ans Tageslicht. Und da merkt man erst, wie gut man es mit Herzogs sehr persönlich und sehr spirituell gefärbten Überlegungen innerhalb der Höhle hatte, denn spätestens, wenn man einem kauzigen alten Mann beisteht, der erklärt und vorführt, wie der damalige Mensch mit einem Speer auf Jagd ging, fühlt man sich in eine banale Geschichtsdoku für den Schulunterricht erinnert. Man kommt nicht umher den Eindruck zu gewinnen, Herzog habe eine knappe Stunde enorm faszinierendes Gold-Material gehabt und mit Wiederholungen und Doku-Klischee-Füllmaterial auf Spielfilmlänge gestreckt. Als extern verlängerter Blick in ein geschlossenes und seit Jahrtausenden größtenteils unberührtes Ökosystem, reizt „Die Höhle der vergessenen Träume“ dennoch.

Fazit:
Besonders in 3D fasziniert Werner Herzogs Blick auf die ältesten bekannten Bilddarstellungen der Menschheitsgeschichte enorm. Angeregt und anregend kommentiert, öffnet Herzog den Blick auf eine fast unerreichbare Schatztruhe. Auf Dauer jedoch wiederholt sich Herzog, verrennt sich in spirituellen Theorien und streckt das Material mit Doku-Füllwerk. Ein halbgares Ganzes, bisweilen auch etwas dröge.

5 / 10

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