BG Kritik:

Chrieg


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur war er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin tätig.

Chrieg (CH 2014)
Regisseur: Simon Jaquemet
Cast: Benjamin Lutzke, Ste, Ella Rumpf, Sascha Gisler, John Leuppi

Story: Matteo (Benjamin Lutzke), rebellisch, aber unbeholfen, scheint nur so in den Tag hinein zu leben. Er verlangt den Respekt von seinem Vater, den er aber nicht bekommt. Anstatt dessen lässt dieser ihn ohne Vorwarnung eines Tages abholen; er landet in einer Art Erziehungscamp mitten in den Bergen, fernab jeglicher Zivilisation. Dort herrscht aber keineswegs ein strenger Erzieher - das Heft haben die drei Jugendlichen Anton (Ste), Dion (Sascha Gisler) und Ali (Ella Rumpf) in der Hand. Sie machen, wozu sie gerade Lust haben.

Vier Jugendliche ganz allein in den Schweizer Bergen. Schöne neue Welt oder Chaos pur?

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Mit dem Hauptpreis vom Max-Ophüls-Filmfestival, einem der wichtigsten – wenn nicht sogar dem – wichtigsten Festival für den deutschen Nachwuchsfilm, im Gepäck startet CHRIEG nun mit reichlich Verspätung auch hierzulande. Im Schweizer Fernsehen hatte der Film bereits sogar schon seine TV-Premiere. Es sind mal wieder diese rebellischen Jugendlichen, die im Mittelpunkt stehen. Unkontrollierbare Gewaltbomben, die man nicht wirklich in Schach halten kann. Kontrolliert sollen sie in diesem Fall auch gar nicht werden. Völlig autonom und frei (oder auch nicht?) hausen sie in einer Hütte irgendwo in den Schweizer Bergen. Matteo findet dank einer Mutprobe – bei der man sich fragt, ob der Dreh dieser Szene an sich nicht auch eine Mutprobe war – und mehreren anstrengenden Tagen der Demütigung seinen rechtmäßigen Platz in dieser Gruppe. Seiner neuen Familie.

Die Eltern können als schreckliche Menschen gesehen werden, die der Grund für Matteos Gewalt sind, aber durch die Unbestimmtheit von Matteos Figur, kann die Gewalt ihn auch schon immer angezogen haben. Seine Eltern sind vielleicht gar nicht so böse und der Grund seines Leids. Was in den Bergen passiert vermag vielleicht nur seine Rechtfertigung zu sein und lässt ihn machen, was er eigentlich schon immer machen wollte. Der Film zeichnet das Bild einer Generation, die in die nächste Stadt fährt um dort wie in einem Videospiel Unheil anzurichten. Gehen sie intelligent genug vor, kommen sie schon ungeschoren davon - so die Annahme. Simon Jaquemet kreiert auf diese Weise eine kaputte Welt, in der die konventionellen Formen der Familie und des Staates versagt haben. Die Jugendlichen sehen nach dem Versagen der Erwachsenen nur eine Lösung in der Gewalt. Doch auch auf diesem Wege drohen sie zu scheitern und ein Happy End rückt somit für jede Person außer Reichweite.

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Der Schweizer Regisseur Simon Jaquemet lässt den Zuschauer an diesen Geschehnissen teilhaben, ohne sie durch bestimmte Kompositionen zu bewerten. Er lässt die Bilder stehen wie sie sind. Keine Erklärungen, keine Wertungen, soweit dies möglich ist. Nahezu jeder vor oder hinter der Kamera feierte mit diesem Film sein persönliches Filmdebüt. Kurios: Dion-Darsteller Sascha Gisler lebte vor dem Dreh auf der Straße und fasst nun langsam Fuß mit einem Praktikum als Sounddesigner! Diese scheinbare Laienhaftigkeit führt aber tatsächlich zu einer elektrisierenden Authentizität, die nur durch die etwas schablonenhafte und brüchige Zeichnung der Figuren etwas an Dynamik verliert. Vielerorts diskutiert man das Pro und Contra der nicht weiter erklärten Herkunft dieser endlosen Wut. Jeder mag dies anders einordnen, doch führt es am Ende dazu, dass der Zuschauer, wie auch vielleicht unser Protagonist, der Antiheld, selbst, gar nicht mehr weiß was und wohin er eigentlich will. Worin liegt das Ziel? Gibt es überhaupt eins?

Fazit:

Roh und direkt erzählt hier der Schweizer Simon Jaquemet von einer Welt und einer Jugend ohne Zukunft. Von einer gescheiterten Gesellschaft und unbändiger Gewalt. Schade nur, dass die Figuren dabei etwas blass bleiben und das mitunter absichtliche Zurückhalten von Informationen und Erklärungen, nur zu noch größerer Verwirrung führt.

6 / 10

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