BG Kritik:

Churchill


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Churchill (UK 2017)
Regisseur: Jonathan Teplitzky
Cast: Brian Cox, Miranda Richardson, John Slattery, Ella Purnell, James Purefoy

Juni 1944: Der britische Premierminister Winston Churchill steht vor einer epochalen Entscheidung: Soll er den Einmarsch der Alliierten Streitkräfte in das von Nazi-Deutschland besetzte Europa befehlen? Erschöpft durch den jahrelangen Krieg ist Churchill nur noch ein Schatten des einstigen Helden, der sich Hitlers Blitzkrieg widersetzte. Er befürchtet, dass man sich an ihn nur als den „Architekten des Blutvergießens“ erinnern wird, falls die D-Day-Operation scheitert. Soll er seinem Gewissen folgen oder sich der Kriegsräson ergeben? In den dramatischen Tagen vor der Invasion ist seine Frau Clementine als wichtige Ratgeberin an seiner Seite. Wie niemand sonst versteht sie es, sein impulsives und aufbrausendes Temperament resolut und liebevoll zugleich zu zügeln. Doch die Anspannungen der Kriegsjahre haben in ihrer Beziehung tiefe Spuren hinterlassen. Und so steht auch ihre Ehe in diesen Tagen vor einem Wendepunkt.

Churchill der Erste. Nun schon alles gesagt zu einem der größten Briten aller Zeiten?

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Es passiert mitunter immer wieder in der Produktionsgeschichte des Films, dass zwei Studios absichtlich oder aus Zufall zwei Filmprojekte in Auftrag geben, die sich in vielen Punkten gleichen. Man denke an ARMAGEDDON (1998) und DEEP IMPACT (1998) oder OLYMPUS HAS FALLEN (2013) und WHITE HOUSE DOWN (2013). Auch wenn diese Filme viel gemein haben, so trennt sie aber gleichzeitig in puncto Inszenierung und Schwerpunkte einiges. Gezeigt haben diese Beispiele auch, dass der Film, der als erstes seinen Kinostart vollzieht, auch meistens den größeren (finanziellen) Erfolg am Ende feiern durfte. Nun begab es sich 2016, dass gleich zwei Projekte zu der Person des Winston Churchill in Produktion gingen. In DARKEST HOUR von Joe Wright, wird Gary Oldman in die Rolle des bekannten britischen Politikers schlüpfen. Der deutsche Kinostart liegt hierbei aktuell aber erst im Januar 2018. Da hat nun somit Jonathan Teplitzky mit seinem CHURCHILL, gespielt von Brian Cox, die Pole Position in den Kinos inne. Dabei setzt er sein Biopic ein paar wenige Tage vor dem kriegsentscheidenden D-Day ein, während Joe Wright über die Anfangszeit Churchills als Premierminister zu Beginn des Zweiten Weltkriegs seinen Film ausrichtet. Wiederum signifikante Unterschiede, doch welcher Film, wird am Ende triumphieren?

Winston Churchill als Filmfigur ist bisher relativ unverbraucht. Immer mal wieder taucht er als Nebenfigur auf, so zum Beispiel in Tom Hoopers THE KING’S SPEECH (2010), wo ihn Timothy Spall mimen durfte, aber ein ganzer Film nur zu ihm, wagte man bisher kaum umzusetzen. Es mag zum einen daran liegen, dass sein Leben, schon immer politisch geprägt, vielschichtige Wendungen und Ereignisse bündelte. Ein 91 Jahre langes Leben, fast komplett im Dienste des britischen Empires. Einiges an Material was es gilt für einen Film zu verdichten oder auch nicht. Denn Drehbuchautorin Alex von Tunzelmann fokusiert sich in ihrem Skript auf wenige Tage aus seinem ereignisreichen Leben und versucht darin aber auch Vergangenes miteinzubinden. Dies aber nur zum Teil mit Erfolg. Interessant ist an ihrer Vita und dadurch auch Wahl zur Autorin des Drehbuchs, dass sie eine Historienpuristin zu sein scheint, untersucht sie doch auf humorvolle Weise in ihrer Zeitungskolumne „Reel History“ Hollywoodfilme auf ihre historische Genauigkeit. Ob darin die Lösung zu einem guten (Historien-)Film liegt?

Akkurat sollen historische Fakten und Personen in ein mehr oder weniger fiktives filmisches Gewand gepresst werden. Die ersten Bilder zeigen Gary Oldman jetzt bereits hinter viel Make-Up und Prothesen. In vorliegendem Fall beschränkt man sich auf nur wenige Korrekturen und setzt dagegen auf Brian Cox mit Requisiten und seiner natürlichen Erscheinung. In ein paar wenigen Totalen mag er dann auch zuweilen wie der Winston Churchill erscheinen, den man von so vielen Fotos oder kurzen Ausschnitten zu kennen scheint. Doch ansonsten ist man weniger darauf bedacht, dass der Hauptdarsteller so aussehen soll wie sein historisches Original. Anstatt dessen darf Brian Cox seine Interpretation eines alternden, grantigen Kriegsstrategen geben, der im D-Day nicht einen alten Fehler aus dem ersten Weltkrieg wiederholen möchte.

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Die Diskussion, die sich daraus ergeben könnte, über Verluste von Männern, Menschen, durch solche Strategien sind ein durchaus interessanter Aspekt, denn der Film aber nicht wirklich sinnvoll zu nutzen versteht. Churchill lamentiert wohl die drohenden Verluste, doch bleiben diese als kleine Zweifel am Rande im Raum stehen. Ähnlich verhält es sich mit anderen historischen Problematiken wie der Rolle von Russland beziehungsweise ihrer drohenden Ausbreitungsmöglichkeiten im neuen Europa. All dies interessiert aber den Film wenig bis gar nicht. Die Russen tauchen hier genauso wenig auf, wie sie überhaupt Erwähnung finden. So könnte sich wohl Alex von Tunzelmann mal selbst in ihrer Kolumne analysieren und aufdecken.

Es ist löblich sich nur auf wenige Tage aus Churchills Leben zu konzentrieren, doch scheint das Ziel des Films zu sein dadurch aus einem Mythos einen Menschen zu machen. Mit Einwürfen seiner vergangenen Fehler und dem Hang zur Malerei, der treuen Ehefrau und den zu ihm aufblickenden Menschen. Das Durchhalten im Krieg war sein großer Verdienst. Doch der Film und Brian Cox können dieser Ikone bei allem Hang zur Menschlichkeit kein Leben einhauchen. Wenn er am Ende eine Radioansprache hält, so zeigt diese beim Zuschauer keine Wirkung mehr. Es gibt keine Adressaten im Film. Denn der Film spart sich aus, das Land und die Welt im Krieg zu zeigen. Wohl auch aus Budgetgründen gibt es keine Sequenzen von den Schlachtfeldern, noch von England außerhalb ländlicher Gebiete. Eine kurze Fahrt im Auto durch London ist der einzige Blick nach „Draussen“ und der geschieht durch die Autoscheibe.

Das Problem steckt vor allen Dingen in der Inszenierung, die von Anfang versucht jeder Einstellung eine Bedeutung zu entlocken. Kameramann David Higgs vermag dies in schönen Bildern einzufangen, doch die Unterstützung durch die Filmmusik von Lorne Balfe oder Zeitlupen wirken oftmals zu viel des Guten und lassen leisere Zwischentöne vermissen. Zu allem Überfluss ist man bemüht wirklich alles erklären zu müssen und so wirkt das für den Film erste Aufeinandertreffen von Churchill mit Eisenhower wie eine Farce. Genauso verhält es sich mit der Rolle von Churchills Sekretärin, die funktionalisiert wird und quasi das Volk darstellen soll, aber schließlich die Filmfigur Churchill nur umso mehr in die Kitschebene überführt. So muss DARKEST HOUR nicht befürchten unter zu gehen, denn bisher ist der Stand, dass man eigentlich alles nur besser machen kann, wenn man das Leben oder einen Teil davon aus Winston Churchills Leben ins Kino bringen möchte.

Fazit:

Zu seicht geratenes Biopic über den laut Film größten Briten aller Zeiten. Der Film lässt ihn viel menscheln und man fragt sich wieso die Macher ihn so nahbar machen wollten und von seinen großen Taten nur erzählen lassen. So wird er zu einer entmystifizierten Legende, die einsam am Meer steht und im Schmalz fast unterzugehen droht.

4,5 / 10

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