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Kritik:
Cloud Atlas


von Christian Westhus

CLOUD ATLAS
(2012)
Regie: Andy Wachowski, Lana Wachowski, Tom Tykwer,
Cast: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Sturgess, Doona Bae, Jim Broadbent, Ben Whishaw, James D’Arcy, Hugo Weaving uvm. 

Story:
1849: während der Zeit des Goldrauschs besucht ein junger Anwalt (Jim Sturgess) ein Atoll, auf dem er sich mit einem geflohenen Sklaven (David Gyasi) anfreundet. Auf der Rückreise wird er schwer krank und fürchtet, seine Frau in der Heimat nie wieder sehen zu können.. 
1936: kurz vor dem Zweiten Weltkrieg freundet sich ein junger Komponist (Ben Wishaw) mit einem ausgebrannten Künstler (Jim Broadbent) an, um mit ihm ein Meisterwerk zu Papier zu bringen. Das Jungtalent geht mit der Frau des Hauses ins Bett, fühlt sich aber auch zum alten Meister hingezogen...
1973: in den USA findet eine Journalistin (Halle Berry) heraus, dass ein Unternehmensleiter (Hugh Grant) in eine drohende Katastrophe verwickelt ist: ein Atomreaktor soll gezielt hochgehen... 
2012: in England wird ein alter Autor (Jim Broadbent) von seinem Bruder in ein Heim gesteckt, in dem eine tyrannische Pflegerin (Hugo Weaving) das Szepter schwingt. Der Plan: eilige Flucht.
2144: in Neo-Seoul befreit ein Rebellenführer (Jim Sturgess) eine geklonte Kellnerin (Doona Bae), weil er in ihr den Grundstein einer globalen Revolution zu sehen meint. 
160 Monde nach dem Untergang: in ferner, postapokalyptischer Zukunft verlässt ein Jäger (Tom Hanks) sein von Kannibalen bedrohtes Dorf, um mit einer Abgesandten einer fernen, höheren Zivilisation (Halle Berry) eine berüchtigte Tempelanlage zu finden...

Kritik:
Im Zeitalter von Reboots, Sequels, Remakes, von Found Footage, Comicsuperhelden, noch mehr Comicsuperhelden und 325 verschiedene Einzelfilme zusammenfassenden Comicsuperhelden-MashUps sind echte Innovationen rar. Insbesondere dann, wenn die Filme mit großem finanziellen Aufwand betrieben werden. „Inception“ war eine nahezu überall umjubelte Ausnahme, der hochkonzeptuelle Action mit 200 Millionen Dollar Power ins Mainstream-Kino beförderte. Die nächste Ausnahme ist nun „Cloud Atlas“, eine angeblich rund 100 Millionen Dollar (oder Euro?) teure internationale Co-Produktion, die insbesondere mit deutschen Geldern finanziert wurde. Und in Sachen Ambitionen geht „Cloud Atlas“ noch wesentlich weiter als Christopher Nolans verzwurbelte Traum-Jagd. Angeführt vom Trio Tom Tykwer, Andy Wachowski und Lana Wachowski, die in einer in dieser Form einmaligen Zusammenarbeit als gleichgewichtige Co-Produzenten, Autoren und Regisseure fungieren, ist dieser Film eine Kampfansage auf diversen Ebenen. Eine Ansage, dass aufwändige Filme nicht nur in den USA entstehen. Eine Ansage, die bisherigen Vorstellungen, wie Filme einer gewissen Größe auszusehen haben und zu erzählen sind, abzulegen. Ihr prominentes und internationales Ensemble schicken Tykwer und die Wachowskis durch sechs verschiedene Episoden, zwischen denen im extremsten Fall bis zu 500 Jahre liegen. Doch es ist nicht damit getan, wild und frei Genres, Stimmungen, Stile und Erzählbahnen zu verknüpfen und zu verknoten, die Darsteller tauchen auch noch in mehreren Episoden auf, überschreiten durch Masken und Kostüme die Grenzen von Alter, Geschlecht und Rasse. „Cloud Atlas“ ist ein spirituell-philosophischer Diskurs in Reinkarnationstheorie, ist im Herzen aber ein zutiefst humanistischer Film, bei dem die menschlichen Schicksale, bei all dem Experiment, dem Spektakel und der Ambitionen, über allem stehen. 

Etwa so direkt wird dann auch im Film mehrfach ausgesprochen, dass „unsere Leben nicht uns gehören“, dass „alles miteinander verbunden“ ist und dass „der Tod nur eine neue Tür“ ist, die zu etwas Neuem führt. Aus dieser Reinkarnationstheorie entwickelte das Regie-Trio dann auch die Idee, die verschiedenen Darsteller durch die Jahrhunderte reisen zu lassen. Wenn Jim Sturgess sich im 19. Jahrhundert mit einem Sklaven anfreundet und hofft, seine Frau in der englischen Heimat bald wiedersehen zu können, passt das nur zu gut zu Sturgess‘ Reise ins Neo-Seoul 2144, wo er als Befreier der Arbeitsklone die Auserwählte Sonmi befreien will und sich in sie verliebt. Und damit es so richtig gut passt, spielt die Südkoreanerin Doona Bae nicht nur Sonmi, sondern gibt unter einer Maske auch die kaukasische Frau des Seefahrers. Die Qualität der Masken ist sicherlich streitbar. Mal sensationell, mal eigenwillig, aber passend, mal irritierend künstlich. So sieht ein gealterter Hugh Grant aus, als wäre er 175 Jahre alt. Und der zur strengen Oberschwester in einem Altenheim gemachte Matrix-Schurke Hugo Weaving wirkt als Frau so maskulin und befremdlich, dass selbst Kathie Karrenbauer (…pardon…) in einem wortlosen Mini-Auftritt wie eine grazile Dame wirkt. Es passt aber zum Konzept, dass man die Masken als Masken enttarnen kann. Wenn wir Tom Hanks als irren Schiffsarzt, als gierigen Portier, als Wissenschaftler in einer moralischen Zwickmühle oder als misstrauischen Jäger in der postapokalyptischen Welt immer wieder durch die Masken erkennen, greift das höhere Thema des Films. Hanks Figur macht durch die Jahrhunderte eine Entwicklung durch.

Hanks und Halle Berry, Jim Sturgess und Doona Bae. Diese beiden Paare und ihre verschiedenen Auftritte machen den Hauptreiz des Films aus. Ihre Rollen und Entwicklungen sind spannend, (meistens) nachvollziehbar und besitzen einen funktionierenden Bogen, ein höheres Entwicklungsziel, das ganz wunderbar gelingt. Etwas problematischer sind da andere Episoden, denen wohl nicht zuletzt durch die Verkürzung auf (stattliche 170 Minuten) Spielfilmlänge ein wenig die Wirkung und Entwicklungsmöglichkeiten genommen wird. Der Zusammenhang zwischen Jim Broadbents beiden entscheidenden Rollen, als musikalischer Eremit und als Verleger, der aus einem Altenheim fliehen will, sind sich zu ähnlich für eine Weiterentwicklung, nicht vergleichbar genug, um wirklich den Sinn und Zweck hinter der implizierten Reinkarnation zu erkennen. Dass Halle Berry 1970 ohne erkennbare Wirkung auf Plattenverkäufer Ben Whishaw trifft, mit dem sie 1936 noch als blondierte Frau des Musikers intim war, riecht dann erst recht nach einer bloßen Maskenspielerei, die bei dem hoch gesteckten thematischen Zusammenhang eher verwirrt. Und wir lernen, dass Hugh Grant und Hugo Weaving scheinbar so böse sind, dass sie durch die Jahrhunderte auch böse bleiben, bis Weaving in seiner finalen (erzählten) Rolle sogar ein übersinnliches Teufelswesen ist. Zudem schleppt der Film mit großer symbolischer Mühe das immer wieder auftauchende Muttermal aus der Romanvorlage mit sich, das verschiedene Figuren in einen Zusammenhang setzt, der Idee der mehrfachen Besetzung jedoch auch ein wenig zu widersprechen scheint. 

Die Adaption von David Mitchells gleichnamigen Roman (Dt. „Der Wolkenatlas“) ist dennoch erstaunlich gut gelungen. Natürlich ärmer an Details, dafür fokussierter und klarer – und filmischer. Mitchells Roman ist wie eine Matrjoschka-Puppe aufgebaut. Die Geschichten liegen halbiert ineinander, bis zum geschlossenen Mittelteil, nach dem sich die Puppe wieder als Ganzes zusammensetzt. Der Film kombiniert die verschiedenen Ebenen dynamischer, freier, cleverer. So ist die Sehnsucht von Komponist Frobisher, doch auch die andere Hälfte des Tagebuchs von Sehfahrer Ewing zu finden, im Film zwar von geringerer Bedeutung, doch insgesamt tut das direktere Verschmelzen den Geschichten gut. Obwohl mit separaten Crews gedreht (die Wachowskis drehten Episode 1, 5 und 6, Tykwer 2, 3 und 4), wirkt der so widersprüchlich erscheinende Film dennoch erstaunlich homogen. Die ohnehin nicht zu groß angelegte Sci-Fi Action in Neo-Seoul wird mit einem 70er Politkrimi kombiniert und folgt direkt auf die Altenheimflucht, die eigentlich durchweg eine reine Comedy-Episode ist. Mal werden drei, vier Handlungsstränge dynamisch miteinander in Parallelmontage kombiniert, wenn sie gleichzeitig dramatisch, spannend oder romantisch sind, dann wieder setzt der Film auf bewusste Kontraste. Damit provoziert er natürlich Ablehnung und das Gefühl, ein wenig ungalant durch verschiedene Stimmungen geschubst zu werden, doch die Ideen und Themen halten den Film jederzeit zusammen. 

Der Aufwand der Produktion ist beachtlich, mit Kostümen, Ausstattung, Effekten, Ensemble und Drehorten in gewaltiger Größe und zig-facher Belegung und Ausführung. Doch wirklich groß sollen bei „Cloud Atlas“ die Emotionen sind. Um diese wird so stark gekämpft, dass es manches Mal eher das Gegenteil hervorruft, insbesondere dann, wenn die eigentlichen Geschichten für sich genommen ruhig noch mehr Spielzeit vertragen hätten. Eine tragische Liebesgeschichte mit Selbstmord hat zum Beispiel nicht die emotionale Wucht, wie uns das Spiel der beteiligten Darsteller und wie uns die Inszenierung einreden wollen. „Cloud Atlas“ erzählt Geschichten von menschlicher Güte, von Verantwortung, vom Mut sich zu ändern, und von den Folgen, es nicht zu tun. Liebe, die Jahrhunderte überdauert, politische und menschliche Ideale, die sich erst noch entwickeln müssen, Taten, die ganze Generationen beeinflussen, und menschliche Schicksale, die ein anderes Ende nahmen, als die Schicksalsboten zunächst vorausgesehen hatten. Ein zutiefst moralisches, humanistisches Stück Kino, verpackt als angeblicher Blockbuster im Genre-Mischmasch. Was dabei aber fast immer gelingt und den Film neben der Ambitionen und der bildgewaltigen Umsetzung vom Multiplexkino abgrenzt, ist die Nähe zu den Figuren. Nicht alle erhalten sie so viel Raum zu Entfaltung wie nötig, doch was an Zeit da ist, wird fast ausschließlich in die Figuren investiert, die die Darsteller mit überwiegend großer Spiellust zu Leben erwecken. Grant und Weaving überzeugen als Widerling und Schurke, Jim Broadbent ist selbst als arroganter Künstler und nörgelnder Alter sympathisch, Halle Berry tut sich manchmal schwer, überzeugt aber insbesondere als junge Reporterin im Schatten des Vaters. Tom Hanks ist zu oft zu sehen und macht dennoch eine hervorragende Frage. Doch es sind Jim Sturgess und Doona Bae, die die herausragenden Leistungen dieses Films liefern. Vielleicht auch, weil ihre Geschichte(n) zu den gelungensten gehören.

Fazit:
Große Ambitionen, große Ideen. Tom Tykwer und die Wachowskis suchen ein denk- und experimentierfreudiges Publikum, das sich von ihnen durch sechs unterschiedliche und doch untrennbare Geschichten führen lässt. Ein Mix aus Genres, Stilen und Stimmungen, mit interessanten Ideen und einem gut aufgelegten Ensemble. Nicht alles funktioniert und die Gesamtwirkung ist nicht so unmittelbar begeisternd, wie die Grundidee, doch als Statement auf diversen Ebenen, als originelles Stück Kino, kann „Cloud Atlas“ klar begeistern.

8 / 10

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