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Kritik:
The Conjuring - Die Heimsuchung


von Christian Westhus

THE CONJURING
(2013)
Regie: James Wan
Cast: Vera Farmiga, Patrick Wilson, Lili Taylor

Story:
1971: Ehepaar Warren (Farmiga, Wilson) sind Experten in Sachen Dämonologie, Geistererscheinungen und sonstiger paranormaler Vorfälle. Sie werden von der Familie Perron kontaktiert, die in ihrem Haus mehrere übernatürliche Vorfälle erleben. Schnell wird klar, dass eine dunkle Macht das Haus beherrscht.

Kritik:
Das Horror Untergenre des Geisterhausgrusels war Anfang des Jahrtausends praktisch mausetot. Aus Asien schwappten gänzlich eigene Formen übernatürlicher Gruselwesen herüber, während man sich im Westen, insbesondere in den USA und Frankreich, einer zynisch-brutalen Hardcore-Horror Welle widmete, die nicht zuletzt „Saw“ losgetreten hatte. Es ist nicht frei von Ironie, dass sich seit einigen Jahren ausgerechnet „Saw“ Regisseur James Wan aufmachte, Geister und Geisterhäuser im Kino wieder salonfähig zu machen. „Paranormal Activity“ tat sein Übriges, war aber eher für die Found Footage Präsentation berühmt. Spätestens aber als Wans „Insidious“ mit einem Minimalbudget ein Megaerfolg wurde, schossen Dämonen, Geister und übernatürlicher Hokuspokus wieder aus dem Boden. Mit „The Conjuring“ zeigt James Wan der zeitgenössischen Konkurrenz aber auch wo’s langgeht, als wäre es der Schlusspunkt eines Karrierenabschnitts. Ein zweiter „Insidious“ steht schon abgedreht in den Startlöchern, doch danach hat sich Wan bereits einen Tapetenwechsel verordnet, wenn er den neusten „Fast & Furious“ inszeniert. Vielleicht ist dort dann ja Dwayne Johnsons Bizeps von einem Dämon besessen. 

„The Conjuring“ ist wie ein Best-Of des Geisterhaushorrors. Wan erfindet das Rad nicht neu, er weiß nur ausgezeichnet mit dem umzugehen, was das Genre bisher ausgezeichnet hat. Basierend auf (arg dramatisierten) wahren Begebenheit greift Wan eher den direkteren Geisterhorror der 70er und 80er auf. Weniger „Bis das Blut gefriert“, mehr „Amityville Horror“ und „Poltergeist“. Eine vielköpfige Familie, die Eltern und fünf (!) Töchter, ziehen in ein altes Landhaus ein. Finanziell mit wenig Spielraum, aber mit guten Absichten und gutem Charakter ausgestattet, nimmt das übernatürliche Unheil schnell seinen Lauf. Wir kennen den Ablauf. Der Hund ist der Erste, der sich vor dem Haus sträubt. Man entdeckt eine vernagelte Kellertür, eine Tochter schlafwandelt, eine andere findet eine Spieluhr und freundet sich mit einem nicht existenten (oder doch?) Jungen an. Eigenartige Beobachtungen häufen sich, die Uhren bleiben stehen, Stimmen sind zu hören und bald schon kann keiner der Anwesenden mehr verleugnen, dass hier Dinge vor sich gehen, die sie nicht erklären und nicht bekämpfen können. Für eine Weile ist „The Conjuring“ ein Film über klappernde Türen und trippelnde Schritte, über Menschen, die gerne rückwärts laufen, die zu selten vernünftig das Licht einschalten und statt einer Taschenlampe lieber Streichhölzer verwenden, damit diese von einem geisterhaften Luftzug ausgeblasen werden können.

Obwohl wir die Mechanismen kennen und viele Momente eigentlich sofort durchschauen, ist „The Conjuring“ schon in seinem ersten Drittel äußerst effektiv. Gelegentlich spielt Wan zu sehr mit der Kamera herum, aber in der Regel weiß er, wie er das Maximum aus einer lange Zeit nicht sichtbaren Präsenz im Haus holt. Sehr hilfreich sind dabei erneut Musik und Klangkulisse, die oftmals nahtlos ineinander übergehen, sei es über die unerklärlichen Geräusche innerhalb des Hauses, das Flüstern, oder über das bedrohliche Dröhnen und unheimliche Fiepen der Musik. Dann der Auftritt der Geisterjäger, für die sich das Drehbuch schnell mehr interessiert, als für die Opferfamilie. Die Familie ist charakterlich aufs Wesentliche beschränkt, doch die Dämonenjäger faszinieren auch als Figuren, sind über das Grundbedürfnis an erzeugtem Unbehagen hinaus noch interessant, auch wenn sie am Ende arg schnell abgehandelt werden. Die real existierenden Ed und Lorrain Warren brauchen keine fünf Minuten, um im Haus der Perrons doppelt und dreifach fündig zu werden. Über Rückblenden und parallele Szenen erhalten wir Einblick in zurückliegende Fälle, ins Familienleben und in Seminare, in denen die Grundlagen einer dämonischen Heimsuchung besprochen werden. Durch die Geisterjäger werden die Klischees des Geisterhausfilms bewusst angesprochen und in einen thematischen Kontext gesetzt. Das macht die Mechanismen des Geisterhaushorrors nicht origineller, aber man denkt weniger über filmische Konstruktion nach und kann sich mehr den Auswirkungen widmen. Und Wan liefert. Besonders in der zweiten Hälfte gibt es mehrere Szenen, die ganz wunderbar die Nackenhaare aufstellen, die einen eiskalten Schauer erzeugen, oder die im Sitz aufspringen lassen. Natürlich gibt es falsche Erschrecker oder solche, die fast ausschließlich über Lautstärke funktionieren. Doch Wan gelingt es mehrfach, ganz authentisch Angst einzujagen und die geisterhafte Bedrohung aus der Leinwand heraus fühlbar zu machen. 

Zum Ende gehen mit James Wan wieder leicht die Pferde durch. Schon „Insidious“, von „Saw“ Kollege Leigh Wannell verfasst, verrannte sich in einem überkandidelten Schlussakt. Auch „The Conjuring“, geschrieben von Chad und Carey Hayes, wirft am Ende zu viel durcheinander, bleibt dabei aber trotzdem ungeheuer effektiv. Es wirkt, als wolle Wan das ultimative Epos des Geisterhaushorrors drehen, wenn sich plötzlich mehrere Entitäten kreuzen, wenn an verschiedenen Orten gespukt wird und insbesondere im teuflischen Familienhaus die Post abgeht. Hier büßt der Film ein wenig von seiner zuvor so gnadenlosen Atmosphäre ein, setzt vermehrt auf hysterische Panik und grelle (überwiegend gewaltfreie) Schocks, die manchmal im Tatverdacht der Albernheit stehen. Wan beschwört (haha) überdeutliche Erinnerungen an einen weiteren Horrorklassiker der 70er herauf, die er nicht mit ganz so viel Finesse ausspielt, wie zuvor den leisen Grusel eines dämonischen Hauses. Trotz kleinerer Macken im Schlussakt ist „The Conjuring“ von Anfang bis Ende ein Nagelkau-Garant für alle diejenigen, die unbehagliche Stille und zuschlagende Türen in Horrorfilmen effektiver finden, als Blut und Gewalt. Wechselkleidung beim Kinobesuch angebracht.

Fazit:
Regisseur James Wan bedient hier eigentlich nur das, was in „Insidious“ schon über weite Strecken gut funktioniert hat. Doch er tut dies mit einer Effektivität und Inszenierungsfreude, die lobenswert ist, auch wenn er am Ende zu viel will. Vielleicht der unheimlichste Film des Jahres und dabei selbst inhaltlich im Ansatz reizvoll.

7,5 / 10

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