BG Kritik:

The Conjuring 2


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

The Conjuring 2 (US 2016)
Regisseur: James Wan
Cast: Vera Farmiga, Patrick Wilson, Frances O'Connor und Franka Potente

Story: London 1978: Die alleinerziehende Mutter Peggy Hodgson (Frances O’Connor) lebt mit ihren vier Kindern in ärmlichen Verhältnissen, als zur Geldnot noch nächtliche Sorgen hinzukommen. Denn ihre 11-jährige Tochter Janet ist scheinbar von einem übernatürlichen Wesen in Besitz genommen worden, sagt unheimliche Sachen, und Dinge bewegen sich wie von Geisterhand. Die mittlerweile berühmten Dämonologen und Geistervertreiber Ed und Lorraine Warren sollen helfen, und reisen im Auftrag der Kirche nach England. Fortsetzung des Geisterhausgruslers Conjuring - Die Heimsuchung.

Einmal gutes Gruseln bitte.

Angeblich basierend auf echten Fällen


Regisseur James Wan ist zurück im Horror-Genre. Womöglich um zu beweisen, auch nach seinem Abstecher ins Hochglanz- und Blockbusterkino seines Fast 7, nichts von seinem Können im Genre-Kino verloren zu haben. Möglicherweise aber auch, um einen qualitativen Verfall zu verhindern, welcher andere von ihm gestartete Film-Serien, nach seinem Abgang von der Regieposition heimsuchte. Ja, damit seid ihr gemeint, Saw 2 bis 7 und Insidious 3. Hierfür hat er wieder Patrick Wilson und Vera Farmiga in den Hauptrollen der paranormalen Helfer Ed und Lorraine zur Hand. Ein neuer Fall für die Warrens, aber viel hat sich außer der betroffenen Familie nicht geändert. Wieder knarzen Türen, Schatten spielen Streiche, unheimliches Kinderlachen ist zu hören, eines der Kinder schlafwandelt… und nachts wird die Familie von einer übernatürlichen Macht gepeinigt, bis die Warrens eintreffen, um dem Spuk ein Ende zu machen. Die Grundzutaten ähneln sich, aber so viel sei direkt gesagt: The Conjuring 2 ist kein verstecktes Remake, sondern kann auf eigenen Beinen bestehen und wandelt auf eigenen Pfaden.

Das Sequel zum Horror-Hit aus dem Sommer 2013 beginnt mit einem gut zehnminütigen Prolog zum berühmten Fall des Amityville-Hauses und dem Schrecken, dem sich die Warrens dort stellen mussten. So schlimm, dass sich Lorraine von ihrer Gabe des Hellsehens und ihrem Tun, dauerhaft abkehren will. Nach diesem überaus gelungenen, direkt den Herzmuskel und die Nackenhaare fordernden Einstieg - der inszenatorisch Erinnerungen an die (leider abgesetzte) Serie Hannibal weckt - geht es ein wenig ungelenkt und generisch - weil schon viel zu oft gesehen bzw. gehört - zu den Klängen von The Clashs „London Calling“ ab nach England, um zum späteren Einsatzort der Warrens zu wechseln. Hier trifft man auf die in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie Hodgson, welche scheinbar eine Heimsuchung durch einen Poltergeist oder einen ähnlichen Unruhestifter erdulden müssen. Passenderweise von der Presse als Englands Amityville vermarktet, treffen im späteren Verlauf natürlich Ed und Lorraine Warren ein; auch um zu überprüfen, ob das Ganze denn nicht ein äußerst gut ausgeklügelter und durchgezogener Schwindel ist, mit dem sich die Unterschichtfamilie aus der Armut ziehen will. Mit der Abkehr vom Schrecken war es also nicht weit, und ihrem Schicksal können die Warrens nicht entkommen. Eine neue Heimsuchung beginnt.

Nachdem ihr erster Kinoeinsatz ja bereits als ihr verstörendster Fall beworben wurde, folgt nun einer ihrer diabolischsten Fälle. Man rudern im Eröffnungstext also schon etwas zurück, so im Hinblick auf potenzielle weitere Einsätze der Warrens im Kino, die ja nicht alle der schlimmste, gemeinste und übelste Fall sein können. Als Zuschauer erwartet man beim nächsten Sequel aber natürlich eh wieder Steigerungen. Einmal mehr Gruseln bitte. Zum hier genießen. Natürlich wieder beruhend auf Tatsachen und echten Fällen der realen Warrens. Das mag man wie immer in solchen Fällen glauben oder lassen, tat aber dem gruseligen Vergnügen schon beim ersten Conjuring keinen Abbruch und tut es hier ebenso wenig. Ob man als Zuschauer daran glaubt, dass dieser Film auf Tatschen beruht oder nicht, erscheint völlig irrelevant. Auch der Glaube an ein Leben nach dem Tode, Geister, Dämonen… scheint wenig bis gar nicht von Nöten, denn das übernimmt der Film für einen.

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The Conjuring 2 nimmt sich (wie schon Teil 1), seine Ereignisse und Figuren für bare Münze und das überträgt sich sehr leicht und unmittelbar auf den Zuschauer. Hierbei aber ohne eine Spur von Selbstironie oder dergleichen. Und doch spielt Wan geschickt mit dem Genre und Erwartungen die sich aus erworbenem Vorwissen generieren. So erlaubt er sich hier und da Untergrabungen, indem er eine Szene auf eine gewisse Art aufzieht, damit zu spielen beginnt und erfüllt, oder eben auch bewusst nicht erfüllt. Aber immer todernst und mit festem Glauben an das Präsentierte. Humor gibt es aber hier und da trotzdem, aber eben nicht auf eigene Kosten oder der der Spannung. Der Schrecken wird hierbei langsam und bedächtig aufgebaut und gesteigert, und dichter Atmosphäre wird zumeist Vorrang vor billigem Schockmoment gewährt. Überhaupt wird Atmosphäre hier groß geschrieben. Nein, Wan schickt einen nicht zu unheimlicher Musik bei knarzenden Dielen und Stufen in einen dunklen Keller mit flackerndem Schummerlicht hinab, um dann mit einer billigen Katze auf einen zu werfen. Natürlich gibt es den dunklen Keller, die knarzenden Dielen und Treppenstufen, unterlegt von unheilvollen Melodien. Aber er lässt die Katze weg. Solche plumpen Jump Scares aus der Motten- und Retortenkiste werden hier nicht aufgefahren, aber natürlich gibt es Jump Scares und Variationen bekannter Schockmomente. Nur meistert und versteckt Wan diese besser und anders. Er bedient sich halt so ziemlich aller Mittel und Techniken, welche man in allerhand gängigen Genre-Werken nur finden kann. Dabei sondiert und evaluiert er allerdings besser, als die Mehrzahl seiner aktuellen Kollegen, und setzt die zur Verfügung stehenden Mittel somit oft besser ein. Wan erzeugt so Angst- und Schreckensmomente in Serie, die am Nervenkostüm und vielleicht auch an den Fingernägeln der Zuschauer nagen.

Aber er nimmt sich auch Zeit für die ruhigen Momente und vor allem Momente mit der Familie, was den Figuren sehr zugute kommt. Wan erzeugt sie als zutiefst menschliche, verletzliche Wesen mit Problemen und Seele und generiert keine Abziehbilder und schnelles Geisterfutter ohne Nährwert. Dementsprechend tiefer dringt der Schrecken vor, wenn diesen Menschen Übles widerfährt. Lorraine und Ed Warren sind hierbei ja bereits eingeführte und mit einem gewissen Ballast an Hintergrundinformation gefüllte Wesen, welche der Zuschauer als alte Freunde willkommen heißen kann. Aber auch die aktuell gepeinigte Familie der Hodgsons wirkt lebendig und schauspielerisch ist das gesamte Ensemble inklusive Kinderdarsteller top, und auch in kleinen Nebenrollen gut besetzt. In einer dieser kleinen Rollen gibt es gar Franka Potente zu entdecken. Nachteilig erweist sich die Vorgehensweise Wans aus langsamen, sich wiederholendem und langsam steigernden Spannungsaufbau, sowie der Zeit mit der Familie allerdings in der Laufzeit, denn mit seinen nicht nur für einen Horror-Film üppigen 134 Minuten, ist der zweite Conjuring eine Spur zu lang geraten.

Das Überstrapazieren von Sitzfleisch und Adrenalindrüsen wird allerdings belohnt, nicht nur mit sehr vielen guten und abwechslungsreichen Schreckensmomenten, sondern auch mit wunderbarem Set-Design und Ausstattung, was völlig 70er Jahre atmet. Und wer sich nach Jahren im Genre immer noch fragt, wie gruselig ein kleines Kinderspielzeug wie ein Feuerwehrauto schon sein kann, dem wird hier abermals Antwort gegeben. Poltergeist lässt schön grüßen. Horror-Püppchen Annabelle (die ja zwischenzeitlich ihre eigene Spin-off Reihe gestartet hat) darf diesmal zwar nur im Schaukasten verweilen, trotzdem ist auch der zweite Conjuring ein exzellenter Vertreter seiner Gattung, mit multipler Gänsehautgarantie geworden. Beim ersten Sequel zu Insidious konnte Wan ein Absinken der Qualität auch als Regisseur nicht gänzlich verhindern, u.a. da der Film nichts besser machte, und gar das böse Ende des Erstlings abschwächte und insgesamt unnötig wirkte. Hier hingegen klappt auch im Sequel fast alles besser, auch weil man einen neuen Orts- und Personenkreis zum Spuken wählte, und als Film nicht überflüssig wirkt. The Conjuring 2 ist gar ziemlich genau auf Augenhöhe mit dem gelungenen Serienstart einzuordnen und für Horror-Fans Pflichtprogramm, welches wie immer bei James Wan, mit einem Fokus auf toller, fließender Kameraarbeit eingefangen wurde. Das Ergebnis ist gewohnt stattliches Gruseln auf hohem Niveau, und statt eines Geistes im Schatten, darf man diesmal als Zuschauer in die Hände klatschen, und dem Horror-Meister James Wan Beifall spenden. Er erfindet das Rad des Haunted House-Horrors dabei zwar nicht neu, muss, bzw. kann er aber auch gar nicht, denn was das Rad lediglich muss, ist ordentlich am Laufen gehalten werden, und dabei wertig aussehen.

Fazit:

Wer beim Klatschen im Schrank und auf der Kellertreppe in Conjuring das volle Gruselprogramm verspürte, dem wird es wohl auch beim Schaukelstuhl schaukeln in Teil 2, eiskalt den Rücken runter laufen. Nach dem verstörendsten und nun einem der diabolischsten Fälle der Warrens, darf bei einer solchen bleibenden Qualität, gerne noch ihr gemeinster, gefährlichster und letzter Fall folgen.

7,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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