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Kritik:
Contagion


von Christian Westhus

CONTAGION (2011)
Regie: Steven Soderbergh
Cast: Matt Damon, Marion Cotillard, Laurence Fishburne, Kate Winslet, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Jennifer Ehle, Armin Rohde

Story:
Ein neuartiger Virus schwappt aus Asien über den Globus. Schon durch geringen Körperkontakt kann man sich infizieren und innerhalb weniger Tage sind die anfälligen Personen gestorben. Die Gesundheitsbehörden und Virenexperten versuchen einen Impfstoff zu finden, die Regierung versucht vergeblich Ordnung zu halten und die Bevölkerung gerät zunehmend in Panik. Ein Vater (Damon) versucht seine Tochter zu schützen, eine Wissenschaftlerin (Cotillard) wird in China entführt, ein Blogger (Jude Law) hinterfragt alles und jeden. Bald schon geht die Zahl der Opfer in die Millionen.

Kritik:
Und schon wieder steht die Menschheit kurz vor der Auslöschung. Dieses Mal ist es aber kein überproportionierter Himmelskörper auf Kollisionskurs, keine Sonnenstürme, erlöschende Erdkerne oder gar Zombies. Die unsichtbare Gefahr, der gute alte Genosse Virus probt mal wieder den Aufstand und mutiert hier in Windeseile zu einer beinharten Pandemie biblischer Ausmaße. Ein versucht globales Kaleidoskop des sich ausbreitenden Unheils und der um sich greifenden Angst zeigt der Film. Es ist ein versucht realistisch und nur bedingt dramatisch gehaltenes Szenario einer Virus-Pandemie. Die Vogelgrippe und die Folgen. Das handelnde Personal kommt ohne klare Hauptfigur aus und steckt mehr oder weniger die üblichen Facetten aller Katastrophenfilme ab. Der einfache Mann, der seine Familie schützt, der ewige Zweifler und Kritiker, Wissenschaftler verschiedenen Ranges und Politiker. Sie alle sind beeinflusst von der Seuche, agieren, reagieren und beeinflussen sich mal direkt, mal indirekt selbst. Es ist das Herzstück des Films, wie das Script die verschiedenen Handlungsstränge koordiniert und strukturiert, wie die vielen Personen geschickt balanciert werden. Und Regisseur Steven Soderbergh weiß die Vorlage routiniert mit unmittelbarem, direktem Handkamera-Kino umzusetzen. „Traffic“ als Viren-Katastrophe. 

Soderbergh spricht eigentlich schon seit Jahren davon, seine Karriere als Filmemacher an den Nagel zu hängen, da ihm Esprit, Frische und Ideen fehlen. Er hat zwar weiterhin zwei, drei Eisen im Feuer, aber vielleicht ist es dennoch ein Indiz dafür, dass er „Contagion“ nur zu einem soliden Film macht, der aber leicht etwas Größeres und Besseres hätte werden können. Mit einer Star-Besetzung, die seinen „Ocean’s“ Filmen Konkurrenz macht, profitiert „Contagion“ von markanten Darstellern und einer sauberen Inszenierung. Eingefangen in einem durchgängigen Stahlgrau weiß Soderbergh genau, wie lange eine Szene zu gehen hat, wie er sie arrangiert und verbindet. Die globale Panik, fokussiert auf USA und China, schreitet eiskalt und unerbittlich voran. Die fast schon dokumentarische Nüchternheit lässt die realistische Wirkung verstärken und dennoch fehlt etwas.

Erschreckend kalt lassen das Massensterben und der Wettlauf gegen die Zeit, einen Impfstoff zu finden. So sehr der Film es versteht, die tückische Leichtigkeit der Ansteckung zu inszenieren, so sehr versäumt er es, wirklich zu involvieren. Und das will er eigentlich. Mit Gwyneth Paltrow fängt alles an, die von einem Auslandsaufenthalt zurückkehrt zu Ehemann Matt Damon und dem Sohn aus erster Ehe. Es ist Tag 2 der Ausbreitung und Paltrows Schicksal ist besiegelt. Kaum hat Damon den unerwarteten Schrecken wirklich registriert, da erwischt es in unmittelbarer Nähe schon den Nächsten, doch die unerbittliche Tempo-Inszenierung zwischen 325 Handlungssträngen macht den schwer wiegenden Todesfall zum unwichtigen Detail des globalen Schreckens. Das kann man so machen, doch für einen brutal allgemeinen Virus-Terror verschwendet das Script doch eigenartig viel Zeit mit kleinen, persönlichen Nebenhandlungen und Details. Nicht alle Figuren sind so klar unpersönlich und funktionell angelegt wie Kate Winslet, die nur für ihre Arbeit lebt, oder Jude Law, der als kritikfreudiger Blogger generell einfach nur dafür da ist, alles in Frage zu stellen. 

Am ehesten funktionieren die Geschichten rund um Laurence Fishburne. Er selbst glänzt mit glaubwürdiger Routine, aber bei ihm funktioniert sogar die viel zu knapp und unwichtig gehaltene Sache mit John Hawkes und seinem Sohn, oder Fishburne selbst mit seiner eigenen Frau. Doch ins emotionale Detail geht der Film nie, trotz zeitintensiv ausgewalzten Szenen. Paltrows Handlungsstrang kann man vergessen, Winslet tut sich mit ihrem Übereifer auch keinen Gefallen und die eigentlich überzeugende Cotillard kommt schlicht in zu wenig wirklich packenden Szenen vor. Es passt so ziemlich alles zusammen und funktioniert, getrieben von einem grandiosen Score, einem knallhart effizienten Schnitt und eben darstellerischer Routine der Megastars, doch das unheilvolle Schicksal der Welt beängstigt nur als Ganzes, zu selten in den gezeigten Einzelschicksalen. So findet der Damon-Handlungsstrang zwar zu einem recht einfühlsamen Ende, das aber irgendwie nicht zum kühlen, kosmopolitischen Rest passen will. Und zwischen all den Stars vor der Kamera ist es umso erstaunlicher, dass die emotional überzeugendste Szene von zwei kaum bekannten Darstellern gespielt wird, wenn eine Wissenschaftlerin ihren Vater besucht. 

Man kann vielleicht glücklich sein, dass Soderbergh und Drehbuchautor Scott Z. Burns sehr daran gelegen sind, melodramatischen Kitsch sonstiger Katastrophenfilme zu umgehen. Und auf halber Strecke gelingt ihnen damit ein technisch gekonnter und packender Virenthriller, der durch Realismus und Genauigkeit mitreißt, Verbreitung, Panik und den gesellschaftlichen Kollaps überzeugend veranschaulicht. Mit dem absolut konsequenten, aber dramaturgisch ungünstigen Schlussdrittel stellt man sich jedoch zusätzlich zur etwas zu unterkühlten Herangehensweise selbst ein Bein. So bleibt es ein erschreckendes Szenario, ein „Was wäre wenn“ aus Versatzstücken, die wir abgeschwächt sogar schon erlebt haben. Nur die Langzeitwirkung dieser Angst-Impfung dürfte nicht all zu groß ausfallen.

Fazit:
Auf diversen Handlungssträngen geschickt ausgewalzter Viren-Thriller, der in technisch gekonnter Inszenierung packt und für Beklemmung sorgt. Nur die Einzelschicksale lassen größtenteils kalt und so bleibt „Contagion“ ein realistisch anmutendes, packendes Szenario, aber nur ein leicht überdurchschnittlicher Gesamtfilm.

6 / 10

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