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Kritik:
Contagion


von Christian Mester

CONTAGION (2011)
Regie: Steven Soderbergh
Cast: Matt Damon, Laurence Fishburne, Kate Winslet

Story:
Mitch (Matt Damon) traut seinen Augen nicht, als er plötzlich sieht, wie seine eben noch muntere Ehefrau (Gwyneth Paltrow) von Krämpfen durchgeschüttelt zusammenbricht und noch am selben Abend im Krankenhaus stirbt. Es ist das erste Anzeichen einer neuartigen Seuche, die zeitgleich an mehreren Orten ausbricht, höchst ansteckend ist und in nur wenigen Stunden unaufhaltsam zum Tod führt.

Während der Kopf der US-Gesundheitsbehörde CDC (Laurence Fishburne) vergebens nach dem Ursprung der Krankheit und nach einem möglichen Impfstoff suchen lässt, droht allerorts das Chaos auszubrechen. Verschwörungstheoretiker verbreiten hetzerisch, dass insgeheim Regierung, Militär, Terroristen oder gar die Pharma-Industrie für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich seien, anarchische Plünderer gehen gewaltsam auf ihre Nachbarn los und die zahllosen Hilfslager fangen rasch an, sich zu überfüllen. Für die Wissenschaft ein Rennen gegen die Zeit, denn die Anzahl der Erkrankten steigen rasch bis in die Millionen...

Kritik:
Mit der Umstellung von Sommer auf Herbst darf man fast jährlich mit einem altbekannten Leid rechnen: der guten alten Erkältung. Hat man dabei Glück, so kommt man mit einem leichten Husten und ständig laufender Nase davon, anderenfalls darf es hingegen der Hauptpreis sein - die Grippe. Hat man diese erwischt, sitzt man für ein paar Tage niesend und hustend dick eingepackt zuhause, schlürft Hühnersuppe, nimmt Antibiotika ein und ist nach erfolgreichem Ausbrüten rund ein, zwei Wochen später wieder auf den Beinen.

Steven Soderbergh (Traffic) hat sich die spezielle Schreckensvorstellung einer fatalen Grippe zum Thema gemacht. Contagion (zu Deutsch: Ansteckung) visualisiert ein mysophobisches Albtraumszenario, in dem ein höchstaggressiver, fataler Erreger auf leichtestem Wege übertragbar, und somit kaum einzudämmen ist. Es sollte eine vor allem realistische Darstellung werden, die einmal ohne die üblichen Zombies oder Explosionen veranschaulichen will, wie die Menschheit auf ein solches Ereignis reagieren könnte. In Hollywood gefiel die Idee vielen, wodurch es Soderbergh gelang, namhafte Darsteller wie Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law und Marion Cotillard für sich zu gewinnen, auch wenn für einige von ihnen nur wenige Szenen zur Verfügung standen. Contagion - ein ansteckender Streifen, ein mahnender Film zum Mitfiebern?

Das Thema einer gefährlichen Übertragungskrankheit wurde schon des Öfteren in Filmen verarbeitet und dabei in verschiedenen Genres präsentiert. So zeigte sich Outbreak – Lautlose Killer Anfang der 90er als Action-Thriller, in dem Dustin Hoffman und Rene Russo verbotene Army-Experimente mit Biowaffen aufdeckten. Inmitten der 2000er folgten die ähnlichen Titel Blindness und Children of Men, in denen Menschen zwar nur blind und steril wurden, die jedoch einen Schritt weitergingen und von Beginn an klar zeigten, was passieren kann, ist eine solche Seuche nicht mehr rechtzeitig zu meistern. Im Gegensatz zum sehr popcornlastigen Hoffman konzentrierten sich diese beide Filme stärker als Dramen auf die menschliche Komponente, zeigten, welch Schicksal die darin Leidenden erlebten.

Einen gänzlich anderen Weg schlug der Film Carriers aus dem Jahre 2009 ein, in dem das Thema alternativ zum Horrorstreifen gemacht wurde. Der junge Captain Kirk Chris Pine reiste darin durch eine bereits nahezu ausgestorbene Welt, in der man berechtigte Angst davor haben musste, auf einen der vielen gefährlichen Infizierten zu treffen, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode husten können. Im direkten Vergleich verschlägt es Soderberghs Contagion in die Dramenabteilung, da jedoch in eine gesonderte eigene Ecke - es ist eine vollends nüchterne Betrachtung des Themas. In den meisten Umsetzungen von historischen oder möglichen Szenarien nutzen Regisseure diese, um inmitten ihrer eine Geschichte mit Figuren zu erzählen. Soderbergh dieses Mal nicht: ähnlich wie in seinem Film Traffic zerschnipselt er seinen Film montagenhaft in etliche Minigeperspektiven, in den das Wirken der Seuche an verschiedensten Fronten gezeigt wird. So ist Kate Winslet beispielsweise eine Seuchenforscherin inmitten der ersten Erkrankten, John Hawkes ein mittelsarmer Hausmeister beim CDC, Jude Law ein sensationslüsterner Blogger.

Es ist prinzipiell interessant, das Wirken der Seuche in den verschiedenen Gesellschaftsschichten zu betrachten, doch der damit verbundene, ständige schnell Wechsel von Figur zu Figur erschwert es ungemein, sich diesen je zu nähern, mit ihnen zu fühlen. Es führt dazu, dass selbst ein Matt Damon insgesamt nur wenige Minuten zu sehen ist, keinen wirklichen Bogen erlebt und einsilbig bleibt. Nun lag Soderbergh viel daran, den Film möglichst hollywood-untypisch zu gestalten - sprich, es gibt tatsächlich keine geheimen Vertuschungen, keine mysteriösen Männer mit Sonnenbrillen und auch keine aufkeimende Love-Story zwischen Tests mit Reagenzgläsern, doch bei seinem Ansatz hat er sich derart zurückgehalten, dass er letzten Endes steril ausfällt, frei von Gefühlen, frei von Spannung, somit frei von möglicher Resonanz. Es gelingt ihm andererseits vortrefflich, zu veranschaulichen, wie viele Oberflächen Menschen am Tag berühren, Alltagsbanalitäten wie Hände Schütteln zum nachdenklichen Stimulus zu machen, doch er macht es nicht zur effektiven, spürbaren Bedrohung, zeigt es nur. An einer Stelle im Film überlegt Kate Winslets Figur, dass Spielbergs Der Weiße Hai als Spielfilm mit Gummihai 1975 eine Massenpanik auslöste und die Menschen von den Badestränden vertrieb, und was wohl im Verhältnis passiere, erfahre die Menschheit von einer derart tödlichen, echten Seuche. Damit hat ihre Figur vollends recht, doch was Soderbergh hier anteased, wird nicht umgesetzt. Beim Weißen Hai waren alle Angriffe des Hais packend, hier sind es rasch nur noch Statistiken mit immer größer werdenden Zahlen. Während es authentisch ist, dass die Profis professionell bleiben und selbst angesichts sechs-, siebenstelliger Totenzahlen gefasst bleiben, ehrt es sie, doch Soderbergh vermasselt es, daraus filmische Spannung zu ziehen. Trotz Streitigkeiten hinter den Szenen wirkt das CDC im Film beispielsweise nie als eindringlicher Handlungsort: bangt ein Laurence Fishburne darum, dass möglichst schnell ein Heilmittel gefunden wird, wird es zu sehr heruntergespielt. Ebenso auf Zivilistenseite, denn ein Matt Damon bleibt ratlos, fährt mit seinem Auto planlos durch die Gegend und sagt seinen Kindern, dass sie in Deckung bleiben sollen, das aber je, ohne cineastisch die geballte Verzweiflung eines Tom Cruise in Krieg der Welten oder die zerbrochene Hülle eines Viggo Mortensen in The Road zu werden.

Auch inhaltlich weiß Contagion zu enttäuschen, denn obwohl er viele Offensichtlichkeiten abarbeitet, darunter die gerechtfertigte Frage, ob nicht vielleicht doch jemand mit Intentionen hinter der Krankheit stecken könnte; wenn es einen Impfstoff gibt, wer ihn zuerst bekäme und was er kosten würde, und ob sich die westlichen Länder wohl darum scheren würden, wie es in der restlichen Welt aussähe, bleibt er so oberflächlich wie er sachlich nüchtern bleibt. Themen, die Soderbergh mangels Zeit, mangels zu vieler Baustellen nur anschneidet. Es überrascht zwar, dass er Religion außen vor lässt, doch ganz gleich ob es Menschen sind, die merken, dass sie immun sind, Wissenschaftler, die zu Verhandlungszwecken entführt werden oder Blogger Jude Law, der öffentlich alles hinterfragt und vielleicht selbst zu hinterfragen ist - alles wird nur kurz und oberflächlich behandelt, wodurch der Film in vielerlei Hinsicht leider nicht tiefsinniger erscheint als viele Unterhaltungsfilme, die Soderbergh hier mit Biegen und Brechen nicht nachahmen wollte. Ernster, aber nicht gehaltvoller.

Was ihn von einem solchen unterscheidet, ist vor allem die visuelle Komponente. Würde ein Emmerich Massenunruhen, Konvois, Karawanen und Militäraufläufe als Panoramen, Städte in Flammen und Trümmern, und Sterben als Spektakel inszenieren, hat Contagion eine zwar globale, aber stets kleine Note. Statt auf Highlights setzt er auf authentische Zusammenkünfte von meist nur wenigen in kleinen Räumen, die äußerst gut eingefangen sind, teilweise fast schon Theatercharakter haben. Filmtechnisch ist der Film sogar ein Schmuckstück: Soderbergh führt Augen stets perfekt auf die richtigen Punkte und lässt das ganze auch noch so harmonisch schneiden, dass die 100 Minuten Laufzeit wie geschmeidige 40 vorkommen. Der Soundtrack ist passabel, behält aber die nüchtern distanzierte Note des Präsentierten.


Fazit:
Gratulation - Soderbergh hat es geschafft, einen technisch hervorragend gemachten, überaus authentisch wirkenden Film über eine globale Epidemie zu entwickeln. Schade ist jedoch, dass der Film selbst keinesfalls so fesselnd wie sein eigenes Thema ist, da er seine Charakterszenen zu kurz hält, zu simpel endet, um größeren Nachdruck zu haben, und beim Versuch, möglichst wenig cineastisch zu wirken, trotz größtem Offscreen-Bodycount des Jahres fast gänzlich spannungsfrei ausfällt.

4 / 10

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