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Interview-Special:
The Bereitsgesehen Conversation


Ein Interview mit einem Mitglied der BG Community:

Herzlich willkommen zur aller ersten Ausgabe von Bereitsgelesen. Ich bin der Wasserspiegel und werde euch in Zukunft mit informativen, unterhaltsamen und interessanten Artikeln die User der Bereitsgesehen Community näher bringen. Habt ihr euch schon immer gefragt, wie ein Moderator zur Community gestoßen ist oder was ein bestimmter User über die neuesten Entwicklungen im Filmbusiness zu sagen hat? Hier bekommt ihr die Antworten. Im Laufe der Zeit werdet ihr so die aktivsten User besser kennen lernen und könnt Kommentare, Kritiken und Rezensionen besser einordnen, da ihr die Hintergründe der Person besser verstehen lernt. 

In dieser beginnenden Ausgabe fangen wir direkt mit einem absoluten Knallerinterview an. Niemand geringeres als Joel Barish hat sich neben mir eingefunden und bereit erklärt, meine tiefgründigen und schockierenden Fragen zu beantworten.

1) Herzlichen Willkommen Joel Barish. Darf ich Joel sagen? Danke. Fangen wir ganz simpel an. Wie lange bist du bereits Teil der BG Community, wie bist du auf die Seite aufmerksam geworden und was sind deine aktuellen Aufgaben? 

Also in meinem Profil heißt es, dass ich mich am „Montag, 9. Januar 2006, 14:35“ registriert habe. Ich hatte Jay im Winter 2005 persönlich kennen gelernt. Wir kommen aus derselben kleinen Stadt in Ostwestfalen und auch, wenn er damals nicht mehr dort wohnte, hatte er dort nach Filminteressierten gesucht, für ein Filmprojekt. Die Relikte einer Ankündigung dieses Projekts finden sich vielleicht auch noch irgendwo in den tiefsten Untiefen des Forums, wenn ich mich nicht täusche. Jedenfalls lernte ich mit Jay einen ähnlich filmbesessenen Menschen kennen, wie ich selbst glaube einer zu sein. Ein paar Jahre zuvor war ich in einem anderen Forum unterwegs, hatte daran aber irgendwann keine Lust mehr, auch weil mein eigener Geschmack sich gerade ziemlich veränderte. Durch Jay bin ich dann logischerweise auf BG gestoßen, das sich damals noch in dieser Umbruchsphase befand, im Wechsel vom reinen Horrorfilmforum zum allgemeinen Filmforum. Von der richtigen Horrorphase habe ich aber nicht mehr viel mitgekriegt. Erst war ich nur sporadischer User, dann etwas aktiver und schließlich hatte ich Lust, Kritiken zu schreiben. Und das mache ich immer noch. Filmkritiken, gelegentliche Specials und der Posten als Co-Admin sind meine derzeitigen Aufgaben. Da es am Thron des Forum Erbauers nicht zu rütteln gibt, ist mein Aufstiegslevel „maxed out“, wie es in Videospielen, die ich nie spiele, glaube ich heißt. XD

2) Wow, das ist ja interessant. Das bringt mich gleich zur nächsten Frage. Wie hat sich deine Art, Filme zu betrachten, verändert, seit du regelmäßig Kritiken schreibst? Achtest du plötzlich auf andere Dinge, versuchst du objektiver zu bewerten und in einem Film, den du eigentlich mies findest, doch noch etwas Gutes zu erkennen? 

Ich hatte zuvor in dem anderen Forum, in dem ich als junger Teenager aktiv war, Kritiken geschrieben. Das war da so die Hauptbeschäftigung, weil es kein einheitliches Diskussionsforum zu einem einzelnen Film gab. Und als ich mich dann veränderte und plötzlich gezwungen sah, meinen Filmgeschmack zu hinterfragen, verlor ich die Lust an diesem ersten Forum. Dann kam BG, ich hatte mich und meinen Geschmack einigermaßen gefunden (man hört ja nie auf, sich zu entwickeln, aber ich hatte eine gewisse Richtung eingeschlagen) und bekam wieder Lust darauf, über Filme zu schreiben. Ich betrachte Filme glaube ich schon anders, als ein "normaler" Kinogänger, der fünf Mal im Jahr ins Kino geht und nach Filmende nicht mehr lange drüber nachdenkt. Aber das ist glaube ich eine grundsätzliche Neigung bei mir, die sich in den Kritiken ausdrückt, die aber nicht deshalb entstanden ist. Das soll nicht heißen, dass ich beim Gucken ständig distanziert bin und nur an die Kritik und eine Wertung denke. Das ist absolut nicht der Fall. Das kommt hinterher. Aber ich glaube, meine Aufmerksamkeit ist eine andere. Ich will einen Film auf inhaltlicher, technischer und emotionaler Ebene möglichst stark erfassen und je nach Film ist man damit noch ne Weile nach Filmende beschäftigt. Objektivität wird häufig verlangt, ist aber eigentlich unmöglich. Woher soll ich denn wissen, wie der Film bei anderen Leuten ankommt? Und bei welchen Leuten? Bei meiner Oma? Meinem Kumpel? Dem Nachbarn? Hans-Peter aus Buxtehude? Oder allen Deutschen? Das geht nicht, deswegen ist die Kritik schon subjektiv. Ich versuche bei den Kritiken immer nur gewisse subjektive Parameter auszublenden oder abzuschwächen. Wenn ich eine besondere Vorliebe oder Abneigung gegen einen Darsteller habe, sollte ich das nicht zu stark gewichten. Wenn ich persönlich Dinge anders gemacht hätte, ist das irrelevant. Viel eher sollte ich erkennen, wo die Probleme des Films liegen und warum sie Probleme sind, warum es an dieser Stelle hapert und was das für den Film bzw. die Figuren bedeutet.

3) Wenn man so viele Filme gesehen hat, wie du, ist die Frage nach einem Lieblingsfilm immer schwierig, da so etwas ständig wechseln kann. Daher mal ein wenig anders: Welcher Film hat dich in deinem Leben persönlich am meisten beeindruckt oder beeinflusst und wieso? 

Ja, die Frage nach Lieblingsfilmen ist schwierig. Ich stelle mir die selbst immer mal wieder und habe mich mit mir selbst auf ein halbes Dutzend Filme geeinigt, die relativ fest verankert auf den oberen Positionen sitzen und einigermaßen gut repräsentieren, welche Arten von Filmen ich mag. Aber wenn ich dann genauer überlege, vermisse ich wieder einen Film, eine Epoche, ein Genre, einen Regisseur oder gar einen Entstehungskontinent. Von daher bin ich ganz froh, dass der Kelch dieser Frage an mir vorüber geht. Ein Film, der mich in meinem Leben am meisten beeinflusst hat? Auch da kann ich nicht nur einen Film nennen. Viele würden bei dieser Frage sicherlich ihren allerersten Film bzw. den ersten Kinobesuch nennen. Die frühste Kinoerinnerung die ich habe ist „Bernard und Bianca im Känguruland“. Der ist von 1990, also war ich 4, als ich den gesehen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, noch früher mal im Kino gewesen zu sein. Und ja, ich habe ein paar relativ intensive Erinnerungen an den Film, insbesondere von den Szenen mit den gefangenen Tieren und wie sie ausbrechen. Aber es gibt dennoch stärkere Filme in meiner Erinnerung. Zum Beispiel „Das letzte Einhorn“, den ich zu Kindergartenzeiten gefühlte 50 Mal mit einer Nachbarsfreundin auf VHS geguckt habe. Hach, ich bin alt. Der flammende Stier war die intensivste Angstfigur, eine Personifikation des Schreckens, in meiner Kindheit. Bis zu einem gewissen Film, den ich mit 9 Jahren geguckt habe. Aber dazu erst gleich. Im Gegensatz zu „Bernard und Bianca“ – der immer noch gut, wenn auch nicht herausragend ist – habe ich „Das letzte Einhorn“ seit Kindertagen nicht wieder geguckt. Manchmal reizt es mich, aber ich will mir die nostalgische Erinnerung bewahren, auch weil ich heute denke, jedes Mal, wenn ich Bilder davon sehe, dass der Film animationstechnisch auch für damalige Verhältnisse ziemlich schlecht ist. Von daher behalte ich den Film, das Einhorn, den Zauberer und den Stier einfach in meiner Erinnerung. Vielleicht so lange, bis ich meinen eigenen Kindern damit Albträume verpassen kann. 

Viel entscheidender für meine Filmfaszination sind zwei Filme. Na ja, eigentlich vier, aber eine gewisse Trilogie fasse ich als ein geschlossenes Filmerlebnis zusammen. Man kann es sich wahrscheinlich denke: „Star Wars“ Ich war 6, das heißt es war 1992 und die Special Editions waren noch in weiter Ferne. Mir fällt kein passenderes Wort ein, deswegen nenne ich es einfach so – „Star Wars“ fand ich damals einfach ‚mega cool‘. Ich war schon früh besessen von Rittern und Science-Fiction. Auch meine Lego-Sachen und das wenige Playmobil das ich hatte, sollten am liebsten nur aus diesen Sachen bestehen. An Piraten, Cowboys und Indianern hatte ich ein weitaus geringeres Interesse. Und „Star Wars“ verband Ritter und Weltraum einfach auf so unglaublich coole Weise. Es ist ein filmgewordener Jungentraum – zumindest war er das für mich. Die Laserschwerte, die Flugszenen, die Macht, die abartige Coolness von Han Solo, die Schlagfertigkeit von Leia, die so witzigen wie weisen Kommentare von Yoda und natürlich Darth Vader. Ich hatte erstaunlicherweise nicht ein einziges Star Wars Spielzeug, aber ich war besessen davon. „Star Wars“ zeigte mir, zu welch fantastischen Welten man im Kino reisen konnte. 

Der zweite Film, der meine Filmkindheit unmittelbar geprägt hat, der meine Faszination für die Möglichkeiten, die im Kino liegen, entfachte, ist „Edward mit den Scherenhänden“. Ich will mich kurz fassen, weil das jetzt schon zu ausführlich geworden ist, aber ich glaube, ich habe damals (auch da war ich ca. 6) durch die Sterbeszene von Vincent Price zum ersten Mal die Dimensionen von Tod und Sterben verstanden bzw. einen ersten Eindruck erhalten. Der Moment, wenn er Edward die Hände überreicht, wie dann sein Gesicht quasi einfriert, jagt mir noch immer einen kalten Schauer über den Rücken. Aber auch das märchenhaft Romantische und Gruselige des Restfilms hat mich damals begeistert und tut es noch heute. Die Szene mit dem Schnee oder die Umarmung – wer den Film kennt, wird wissen, was ich meine. „Edward mit den Scherenhänden“ ist noch heute einer meiner absoluten Lieblingsfilme. „Star Wars“ nicht. Danke, George. :( Und dann habe ich mit 9 Jahren alleine im dunklen Zimmer auf dem kleinen Zweitfernseher bei uns zu Hause einen gewissen Film namens „Alien“ geschaut, vor dem meine Mutter mich eigentlich gewarnt hatte. Und ich glaube jeder, der den Film kennt, kann sich ausmalen, wie das auf einen 9-Jährigen gewirkt haben muss. Ich habe ihn dennoch bei der nächstbesten Gelegenheit erneut geschaut.

4) Wer hätte das erwartet. Ich bin mir sicher, so gut wie keiner unserer Leser. Doch wechseln wir einmal den Gedankengang. Gibt es einen Film, den du vor Jahren mal richtig super fandst, aber heute nicht mehr ausstehen kannst und wenn ja, wieso? 

Ich glaube, ich habe es zuvor schon angedeutet: „Star Wars“ hat in meiner Wertschätzung ziemlich gelitten. Ich habe die alte Trilogie aber auch seit gefühlt 10 Jahren nicht mehr gesehen, was diverse Gründe hat. Klar, meine Interessen haben sich ein wenig verschoben, aber „Indiana Jones“ oder „Jurassic Park“ schaue ich noch heute gerne, da wäre generell auch für „Star Wars“ Platz. Dann kamen die Prequels, die ich alle im Kino geschaut habe, die mich aber auch zunehmend mehr desillusionierten. Es war schlechtes Timing, da die Prequels genau dann kamen, als ich ohnehin alles hinterfragen wollte, was ich ein Jahr zuvor noch gut fand. Als Episode III ins Kino kam, war dieser Prozess abgeschlossen und ich konnte relativ gefasst feststellen, dass der Film ein nicht sehr gehaltvolles, aber halbwegs unterhaltsames Space-Action-Abenteuer ist, doch die Faszination für „Star Wars“ war verflogen. Und mit den Special Editions und einer, wie ich das in Erinnerung habe, eher unfreundlichen Heimkinoauswertung für die alte Trilogie, wurde mir SW immer mehr egal. 

Ich musste letztes Jahr in einem Seminar in der Uni „Return of the Jedi“ nach Jahren mal wieder gucken. Nur den. Und es bringt relativ gut auf den Punkt, was seit 1992 mit mir und mit den Filmen passiert ist. Ich mochte noch immer viel an dem Film und hatte insgesamt viel Spaß, erkannte aber auch, wie dämlich manche Sachen sind und musste außerdem immer an die Prequels denken. Spätestens wenn am Ende der Geist von Hayden Christensen neben Yoda und Obi Wan auftaucht, möchte ich irgendwas kaputt machen. Ein besseres Beispiel, wo sich meine Sicht auf den Film wirklich um 180° gewandelt hat, fällt mir gerade nicht mehr ein. Na ja, mit 14 Jahren stünde in einer Top 10 meiner Lieblingsfilme sicherlich ein Film von Michael Bay gestanden (The Rock) – das würde heute unter Garantie nicht mehr passieren. Nicht mal in einer Top 100. Aber hey, „The Rock“ ist noch immer ein guter Film, von daher passt der auch nicht zu dieser Frage. Es kann aber auch daran liegen, dass ich viele Filme aus meiner Kindheit und Jugend schon länger nicht mehr gesehen habe. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich die „Turtles“ Filme, die „Police Academy“ Filme oder „Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe“ heute noch gut finden würde.

5) Ich denke deine Erfahrungen bezüglich des Star Wars Franchises können sehr viele Leser nachvollziehen. Ein großes Thema diesbezüglich sind die stetigen Veränderungen der alten Filme. Wenn man nicht gerade Filmfan ist, hat man sicherlich keine Ahnung, wie viele Veränderungen George Lucas im Laufe der Jahre vollzogen hat, erst kürzlich gab es den Aufschrei zur Veröffentlichung der Star Wars Blu Rays, da dort zwinkernde Ewoks und ein schreiender Darth Vader eingebaut worden sind. Nun sind Director‘s Cuts an sich nichts Unübliches und wenn ein Regisseur, aus welchen Gründen auch immer, während der Dreharbeit sein Projekt nicht perfekt umsetzen konnte, dann ist eine Nachbearbeitung nur legitim. Aber immer wieder gibt es Beispiele für DCs, die schlecht bei den Fans ankommen. Da wäre zum Beispiel Donnie Darko zu nennen. Oder der ewige Streit mit dem Blade Runner DC. 
Was denkst du über die Thematik, Filme nachträglich zu bearbeiten oder besser gesagt, wann ist der Punkt erreicht, an dem es zu viel wird?

Es kommt ja darauf an, was genau dieser DC ist. Ist er im wörtlichen Sinne ein Director's Cut, also die Fassung, die der Regisseur machen wollte, aber in der Form nicht ins Kino bringen konnte? Peter Jackson weigert sich beispielsweise, die Extended Editions von "Herr der Ringe" als DC zu bezeichnen, aber ich persönlich habe eigentlich wenig Interesse daran, je wieder die Kinofassungen (also die eigentlichen DCs) zu gucken. Bei den vier Alien-Filmen gibt es das ja auch, aber auch Ridley Scott hat sich davon distanziert, die Neufassung als DC zu bezeichnen und bei Alien3 kann man das sowieso zu keiner Fassung sagen. Es ist immer interessant zu sehen, was der Regisseur tatsächlich wollte, wie SEIN Film aussehen sollte. Aber wenn es unterschiedliche Fassungen auf dem Markt gibt, muss man schon ein filmwissenschaftliches Faible haben, um Fassungsvergleiche etc. anzustellen. Für den normalen Konsumenten bleibt einfach die Wahl, welche Fassung einem besser gefällt. Zum Beispiel gibt es bei "Apocalypse Now" und der Redux Fassung (beides meines Wissens keine DCs) jeweils Dinge, die ich besser finde und die ich vermisse. Wer Interesse an einem Film hat, sollte halt aufmerksam sein und sich zusätzlich zum Filmkonsum noch informieren, was da im Hintergrund abgelaufen ist. Aber diese Flut an halbgaren "Unrated" Langfassungen für den DVD Markt verschleiern ja auch ein wenig den Blick auf das Entscheidende, den Gedanken hinter der neuen Fassung. 

Dieses Jahr in Cannes wurde der fast fünfstündige Final Cut von "Es war einmal in Amerika" erstmalig vorgeführt, da man vor kurzem ein altes Master der ursprünglich von Sergio Leone intendierten Komplettfassung gefunden hat. Die bisherige Fassung ging schon vier Stunden und wurde schon gefeiert, nachdem man den Film damals zum Kinostart auf nicht einmal drei Stunden gekürzt hatte. Diese neue Fassung ist nun die endgültige Fassung, diejenige, die Leone schon damals vorführen wollte. Zumindest mich interessiert es wahnsinnig, was da bisher "fehlte", besonders bei einem Film, der eh schon überlang und detailreich ist. Aber in einer idealen Welt kommt immer direkt der DC im wörtlichen Sinne in die Kinos und der Regisseur unterbindet jegliche weitere Fassungen, egal wie viel Material im Schneideraum unverwendet blieb. Denn auch ich habe nicht immer die Lust, zwischen verschiedenen Fassungen zu unterscheiden und zu vergleichen. Wenn man sich über Apocalypse Now, über Herr der Ringe oder Star Wars unterhält, muss man ja eigentlich immer mit anfügen, auf welche Fassung man sich bezieht. 

Was George Lucas macht ist ja ne ganz andere Sache. Er fügt ja nicht (nur) neue Szenen ein oder nimmt andere heraus, er manipuliert das bestehende Bildmaterial. Und zwar mit mehr, als nur Farbkorrekturen etc., was relativer Standard für Filme eines gewissen Alters ist. Die ganze "Greedo shot first" Debatte ist eigentlich nur peinlich und wird noch peinlicher, wenn Onkel George behauptet, dies sei von Anfang an so geplant gewesen. Die angesprochene Anwesenheit von Hayden Christensen am Ende von "Return of the Jedi" ist einfach nur ein Ärgernis, weil er wie ein Fremdkörper im Film wirkt. Der gehört da nicht rein. Neue Szenen eines DCs sind immerhin neue Szenen, in sich geschlossen, Teil der Handlung, technisch identisch. Aber einzelne Details zu verändern, und zwar mit einer 25 Jahre fortgeschrittenen Technik, ist eigentlich nur dumm. Wenn ein Film einmal regulär im Kino lief, sollte er ruhen. Langfassungen und DCs sind Erweiterungen, die ja auch entsprechend gekennzeichnet sind, aber bei SW wirkt es, als hätte George uns nur 30 Jahre lang zu Testscreenings beordert und hat die endgültige Fassung noch nicht gefunden. Das nervt.

6) Fortgeschrittene Technik ist ein gutes Stichwort. Die Filmbranche befindet sich im stetigen Wandel. 3D wurde anfangs als Licht am Horizont empfangen, heute sind die meisten Menschen genervt. Hohe Ticketpreise, 3D Zwang bei vielen Filmen, schlechte Konvertierungen... die Probleme sind vielfältig. Wie stehst du zu dieser Thematik und welche Entwicklung steht uns in den nächsten Jahren deiner Meinung nach bevor? 

Ein weiteres großes Problem wird in Deutschland, wie ich es mitkriege, ja kaum oder gar nicht thematisiert. Na ja, vielleicht ist es auch kein Problem, aber eben ein trauriges Zeichen, dass sich die Filmwelt wandelt: Film stirbt aus, damit meine ich das Speichermedium Film. Gerade der 3D Hype hat dafür gesorgt, dass immer weniger Kinos Film projizieren können. Alles wird digital. Die Unterschiede fallen den meisten Zuschauern bei den meisten Filmen wohl nicht auf, aber man muss sich bewusst machen, dass das, was dieses Medium und diese Kunstform (u.a.) zu seinem Namen gebracht hat, innerhalb der nächste fünf Jahre wohl komplett verschwunden sein wird. Mit David Fincher, James Cameron und Steven Spielberg sind drei absolute Giganten der Filmwelt mittlerweile komplett auf Digital umgestiegen. Ach ja, Peter Jackson auch, der ja mit seiner (und Camerons) 48FPS Geschichte noch weiter gehen will. Erst diese Woche kündigte Martin Scorsese an, „The Wolf of Wall Street“ auch digital drehen zu wollen, dabei war Scorsese einer der engagiertesten Kämpfer für Film, der sich intensiv mit Filmrestaurierung etc. beschäftigte. Er gab sich dem Druck geschlagen, sieht bei Digital aber auch Vorteile, die nicht nur etwas mit praktischem Nutzen und finanziellen Vorteilen zu tun haben. Chris Nolan, Quentin Tarantino und Paul Thomas Anderson sind drei der letzten großen Filmemacher, die noch auf Film drehen und das am liebsten auch so beibehalten wollen. 

Letztes Jahr hatte ich ja noch geglaubt, 3D sei wieder rückgängig geworden, die Leute würden die Extrakosten und die teils schlechte Qualität nicht länger einfach hinnehmen. Aber das war scheinbar nur ein kleiner Ausrutscher. Der Mega-Erfolg von „The Avengers“ ist maßgeblich daran beteiligt, dass 3D eben nicht nur ein kurzer Drei-Jahre-Hype wird. Das Avengers-3D war nämlich – wie bei sämtlichen Marvel-Filmen – ziemlich schwach, aber weil der Film gut war, nahm man das in Kauf. Ich glaube, in den nächsten Jahren werden die Konvertierungen nach und nach weniger und irgendwann aussterben. Das wäre definitiv ein Glücksfall. Konvertierungen wird es dann nur noch für alte Filme geben und da muss man aufpassen, denn einige Studios machen es sich damit zu leicht und deuten die Erfolge von „Titanic 3D“ und „König der Löwen 3D“ falsch. Ich würde gutes Geld bezahlen, um einen geliebten Klassiker wieder in anständiger Qualität in einem großen Kino sehen zu dürfen, aber bitte nicht in 3D. 

Die Ticketpreise sind ein Problem, aber ich sehe keinen Weg, daran etwas zu ändern. Die Leute zahlen es und wenn sie fern bleiben, wird es nur noch teurer, weil man die Sache wieder auf Raubkopien und Streaming und so schiebt. Das ist nochmal ein ganz anderes Thema, was hier definitiv den Rahmen sprengen würde. Man muss irgendwie die Mentalität der Leute ändern, der Studiobosse, der Verleiher, aber auch der Kinogänger und sonstigen Filmkonsumenten. An einem schlechten Tag stelle ich mir ein Jahr 2025 vor, in dem es qualitativ hochwertiges Kino nicht mehr gibt. Jeder bekommt seinen Film per instant Stream auf die Netzhaut projiziert, erlebt den Film einsam für sich und schaut höchstwahrscheinlich 25-Minuten Schnipsel, die von irgendwelchen Handwerkern in einer Höhle vor Shanghai gezimmert wurden und nicht ein einziges reales Element beinhalten. Daran möchte ich gar nicht denken. 

Ich warte bei 3D tatsächlich mal auf einen Spielfilm, der die Technologie wirklich herausfordert. Wirklich positive 3D-Erlebnisse hatte ich bisher nur mit Dokus, mit „Pina“ als leuchtendes Beispiel, wie es auszusehen hat und in den Erzählansatz eingebunden werden kann. Scorseses „Hugo“ und – unfassbar, aber wahr – der eigentlich grausige Höhlenfilm „Sanctum“ setzten es immerhin ganz ansprechend ein. Ich bin daher sehr gespannt auf „The Great Gatsby“ und „Life of Pi“, denn in 9/10 Fällen merkt man dem Film und dem 3D-Gebrauch an, dass ein filmischer Könner am Ruder sitzt. Und so könnten Ang Lee und Baz Luhrman endlich mal zeigen, dass auch ein narrativer Spielfilm von der vierten Dimension profitieren kann. Sie könnten ein wirkliches Statement dafür setzen. 

7) Vielen Dank für diesen Einblick. Doch wechseln wir einmal das Thema und widmen uns einer anderen Thematik. Filme oder Serien? In welchem Medium bieten sich deiner Meinung nach die besseren Möglichkeiten, Geschichten an den Zuschauer zu bringen? 

Ich würde die feige – aber in meinen Augen richtige – Antwort geben, dass beide Formen ihre jeweiligen Vorteile haben. Es sind eben zwei unterschiedliche, obwohl sehr ähnliche, Formen bildlichen Erzählens. Man muss bei der zu erzählenden Geschichte abwägen, welche Erzählform besser geeignet ist. Serielles Erzählen lebt von seinen Pausen, von Spannungsaufbau und Herauszögern der Auflösung. Serien haben in der Regel mehr Zeit, können mehr Details unterbringen, dauern eben auch entsprechend länger. Aber auch, wenn das eher etwas mit Finanzpolitik zu tun, so sind Serien länger in der Schwebe, können schnell ohne klares Ende abgebrochen oder endlos in die Länge gezogen werden. Bei Filmen passiert das selten, nur wenn die geplante Trilogie (Hallo „Goldener Kompass“, hallo „Legende von Aang“) wegen schlechtem Einspiel abgebrochen wird. Film ist ein geschlossenes Ganzes und kann in seiner komprimierten Gesamtheit ein intensiveres Erlebnis schaffen, als eine Serie in fünf Staffeln. Dafür verschmilzt man als Serienzuschauer noch intensiver mit den Figuren, weil man ihr Leben so lange mitverfolgt hat. In einer 100-minütigen Romcom wären die Jungs und Mädels von „How I met your Mother“ nicht mal im Ansatz so gelungen. Ted wäre ein nervtötender Quälgeist, Barney ein überzeichnetes Klischee, Robin eine Langweilerin, und Lily und Marshall konfus gezeichnete Nebenfiguren aus der dritten Reihe. In Serienform funktioniert es viel besser (auch wenn man so langsam mal zu einem Ende finden könnte). Ich persönlich bin zuerst ein Filmmensch und dann ein Serienmensch. Ich mag es, in ein bis vier Stunden eine ganz Geschichte, lebendige Figuren und große Emotionen zu erleben. Nicht, weil ich möglichst viel sehen will (das will ich, ist hier aber nicht der Grund), sondern weil ich das Erlebnis am Ende der Reise bei Filmen lieber habe, als präziser und belohnender empfunden habe. Aber gerade in den letzten paar Jahren hat insbesondere der US-Serienmarkt so abartig groß an Output und Qualität (ich muss unbedingt weiter Mad Men gucken) zugelegt, dass man gar nicht weiß, was man zuerst ausprobieren sollte. Serien sind anders als Filme. Beide können auf ihre Art großartig und intensiv sein, beide können auch unendlich enttäuschend sein.

8) Das Internet hat einen riesigen Einfluss auf nahezu jeden Lebensbereich. Onlinevideotheken sind stark im Kommen, Plattformen mit Flatrates sind in einigen Ländern bereits vorhanden. Die Kluft zwischen Kinorelease und Veröffentlichung der DVD und Blu Ray wird immer kleiner. Denkst du, dass sich das Heimkino in naher Zukunft immer stärker durchsetzen wird und dem Kino bald nur noch der Nostalgiebonus übrig bleiben wird? 

Ich glaube, das habe ich in einer vorigen Frage schon leicht angerissen. Für mich als Kinofan ist das ein ungemütliches Thema. Ich habe weit über 300 Filme Zuhause im Regal stehen, habe also durchaus ein Faible fürs Heimkino, aber im Zweifelsfall geht nichts über ein richtiges Kino. Es ist nicht nur die Größe der Leinwand oder die Tonqualität, denn gerade in den kleineren Kinos, die ich häufiger besuche, ist man dort überdurchschnittlichen Heimkinosälen durchaus schon unterlegen. Man könnte höchstens die Film vs. Digital Diskussion wieder ins Spiel bringen, aber das spare ich mir. Ich mag es einfach ins Kino zu gehen, mit allem, was dazu gehört. Ich mag es, das Haus dafür zu verlassen, mir zwei, drei Stunden dafür Zeit zu nehmen. Ich mag es, einen Film quasi in der Öffentlichkeit zu schauen, mit fremden Leuten zwei Reihen vor mir, die genau jetzt in diesem Moment mehr oder weniger dasselbe erleben wie ich. Ich mag es eigentlich sogar, Geld auszugeben, ich mag nur nicht, dass mein Portemonnaie leerer wird. Ich mag die Filmwerbung vor dem Film, ich mag die Kratzer und Fussel auf den uralten Werbeclips, ich mag sogar das Rattern des Projektors, das ich in ein, zwei Kinos noch hören durfte. Ich mag es, danach erst noch nach Hause gehen zu müssen und Zeit zu haben, das Gesehene zu verarbeiten, statt sich daheim direkt wieder neu zu beschäftigen. Und ganz besonders mag ich die feierliche Präsentation, mit einem Vorhang und Licht-aus. Im Heimkino wirkt das albern, aber im Kino genau richtig. Das möchte ich auch in Zukunft nicht missen, aber ich weiß, dass ich da eher einer Minderheit angehöre. Gäbe es die Wahl, einen Film zeitgleich zum Kinostart legal zu Hause zu gucken, würde ich nicht ausschließen, dass ich häufiger mal auf den Kinobesuch verzichten würde. Aber das Kino als solches soll mir doch bitte so lange wie möglich erhalten bleiben, wenn ich mal so einen egoistischen Wunsch äußern darf. 

Viel mehr stört mich, dass wir, trotz dieser Möglichkeiten mit Net-Streams, Onlinevideotheken, florierendem Heimkinomarkt etc., noch so viele Lücken in der Filmauswahl haben. Es gibt so viele Filme, ältere Filme, die man zumindest in Deutschland nicht erwerben kann. Und einige dieser Filme haben eine funktionierende deutsche Synchro, haben ein vollständiges Master etc., aber es gibt keine DVD, es gibt kein legales Net-Stream Angebot, einen Film wie Antonionis „La Notte“ zu gucken, der ganz zweifelsfrei ein Monument der Filmgeschichte ist und eben kein unbekannter Underground-Film. Zumindest ist mir keine Möglichkeit für den Film untergekommen. Ich musste auf das Zufallsglück im TV zurückgreifen und die Tage des Fernsehens, in seiner aktuellen, an feste Ausstrahlungszeiten gebundenen Form, sind auch gezählt. Es kann jedenfalls nicht sein, dass ich so oft auf UK Importe zurückgreifen muss, um gewisse Filme in Deutschland gucken zu können.

9) Kommen wir zu deinem Wunschtraum. Wenn du alles Geld der Welt hättest und ein Projekt starten könntest, dass du dir schon immer gewünscht hast. Welches wäre das und welche Schauspieler würden die Rollen übernehmen? 

Mit allem Geld der Welt würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden und dann Selbstmord begehen, weil der Druck der Menschheit auf mir lastet, da ich von mir selbst erwarten würde, Großes zu leisten. Und so sehr ich Filme mag, sie bekämpfen nur in Ausnahmefällen die Probleme dieser Welt. Aber als rein theoretischer Gedanke, wenn ich viel Geld hätte und damit Filme unterstützen wollte… Zunächst mal würde ich wohl eigene Filme machen wollen. Selbst wenn keine Sau sie ansieht, wenn ich Morddrohung erhalte, weil die Filme so scheiße sind, würde ich mich zumindest vier, fünf Mal ausprobieren, bis ich einsehe, dass ich in meiner Selbsteinschätzung falsch liege. Dann würde ich sämtlichen kreativen Menschen in meinem Freundeskreis ermöglichen wollen, ihre Geschichten zu erzählen, ihr „Ding durchzuziehen“. Was real existierende Projekte von richtigen Regisseuren und Filmemachern betrifft, nun ja… Ich hätte wahrscheinlich dafür gesorgt, dass Darren Aronofsky „Noah“ drehen kann, selbst wenn es ein unguckbares und Altersfreigaben sprengendes 500 Millionen Dollar Monster wäre. Aber der Film kommt ja jetzt, daher werde ich nicht gebraucht. Ich würde wahrscheinlich dafür sorgen, dass David Lynch aus dem Ruhestand zurückkehrt. Ich würde dafür sorgen, dass PT Anderson für den Rest seines Lebens die Filme machen kann, die er machen will. Ich würde mich mit Francis Ford Coppola über Megalopolis unterhalten und mal nachfragen, ob David Cronenberg vielleicht irgendwelche zurückgestellten Traumprojekte hat, die er für unfinanzierbar hält. Es gibt so viele Filmemacher, denen ich gerne Geld zukommen lassen würde, damit sie weitere Filme machen. Ich würde eine radikale Neuverfilmung der Harry Potter Romane angehen, eine Neuverfilmung von „In meinem Himmel“ und würde versuchen durchzusetzen, dass Mainstream-Comicverfilmungen extravaganter, experimenteller, gewagter und so weiter werden. Und wenn mir nochmal jemand erzählt, wie toll und genial doch diese abartig lange Romanserie „Rad der Zeit“ ist, dann sorge ich dafür, dass die in einer zwei Milliarden Dollar teuren Mega-Serie endlich verfilmt wird, damit ich diese Ungetüme nicht zu lesen brauche. :D

Auch ich habe das Rad der Zeit noch nicht gelesen, aber ich bin mir sicher, in der Community gibt es bestimmt jemanden. Ich danke dir Joel, für dieses wunderbare Interview, ich hoffe, unseren Lesern hat es genauso gut gefallen wie mir. Deine Antworten werden sicherlich für Diskussionsstoff sorgen. 

Zum Abschluss dieser Ausgabe weise ich darauf hin, dass ich Vorschläge betreffend zukünftiger Interview Partner gerne entgegen nehme. Mein Postfach ist für euch alle Rund um die Uhr geöffnet. Bis zur nächsten Ausgabe von Bereitsgelesen. 

Euer Wasserspiegel

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