BG Kritik:

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber


von Christian Westhus

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

The Cook, the Thief, his Wife & her Lover (UK, Frankreich 1989)
Regisseur: Peter Greenaway
Cast: Michael Gambon, Helen Mirren, Alan Howard, Richard Bohringer, Tim Roth

Story:
Albert (Gambon), der quasi-kriminelle Besitzer eines Edelrestaurants, terrorisiert mit Egomanie und cholerischen Anfällen den kunstfertigen Koch (Bohringer), die weiteren Gäste, seine Handlanger (u.a. Tim Roth) und seine Frau Georgina (Mirren). In seinem Exzess aus Wut und Fressen bemerkt Albert nicht, dass Georgina noch im Restaurant eine Affäre mit dem intellektuellen Michael (Howard) anfängt.

Fressen und gefressen werden. Der spätere Dumbledore Darsteller Michael Gambon reißt in der Rolle eines der widerlichsten Widerlinge der Filmwelt die Kontrolle im Edelrestaurant an sich, türmt sich meterhoch auf, erniedrigt alle Umstehenden und ist eine Hälfte des Zentrums von Peter Greenaways allegorisch aufgeladenem Gemälde von einem Film. Je nach Lesart gehen Religion, die moderne Überschussgesellschaft und Margaret Thatcher Hand in Hand und kommen in egal welcher Lesart äußerst schlecht weg.

Gambon sollte eigentlich Michael spielen, wurde dann umbesetzt.


Das Kino des Briten Peter Greenaway ist im Kosmos des Inselkinos seine eigene kleine Insel. Der gelernte Maler sagte angeblich, wer Geschichten erzählen will, sollte Romane schreiben, aber bloß kein Filmemacher werden. Nicht verwunderlich also, dass bei einem Peter Greenaway das Bild wichtiger ist als die Handlung, die sich auf die visuelle Komponente übertragen zu einem mehrdeutigen Abbild einer stilisierten Idee entwickelt. Wie kein zweiter macht Greenaway die Kinoleinwand zu einer Malerleinwand und lässt darauf die Welt als bewusst abstrakte Theaterbühne aufmarschieren. Gezielte Brüche mit der Illusion des Films, Hintergrundmusik, die sich plötzlich als Teil der Handlung entpuppt, und eine in häufig gleichen Bewegungen beobachtende Kamera sind bei Peter Greenaway an der Tagesordnung.

Zunächst: Farben. Die Kamera zieht elegant gleitend am gedachten „Bühnenrand“ des Restaurants entlang, von außen (blau) in die Küche (grün), in den Speisesaal (rot) und in die Badezimmer (weiß). Kunst ist manchmal auch Künstlichkeit. Jeder Abschnitt des opulent und betörend schön ausgestatteten Restaurants hat seinen eigenen Farbcode. Wüterich Albert, seine Handlanger und Georgina passen sich diesem Farbcode an. Beim Schritt durch die Tür in einen anderen Raum machen auch die elegant entworfenen Roben von Jean-Paul Gaultier einen Farbwechsel durch. Der grellrote Speisesaal wird von einem gewaltigen Gemälde überblickt, auf dem eine Gruppe Männer skeptisch zurückblickt. Männer, die Albert und seinen Mannen äußerst ähnlich sehen. Im Speisesaal wird Essen üppig als barockes Stillleben ausgestellt und in der Küche türmen sich Töpfe, Küchenwerkzeuge und Zutaten unterschiedlichster Arten und Farben zu einer schwülstigen Melange auf.

"Continuity is boring." - Regisseur Peter Greenaway


Man kann sich – Achtung Wortspiel – kaum satt sehen an dem, was Greenaway, seine Ausstatter und sein Kameramann hier auftischen. Zwei nackte Menschen steigen in einen vergessenen Lieferwagen, in dem Rinderbeine, baumelnde Schweineköpfe und gerupftes Geflügel schon halb verrottet sind und bestialisch stinken. So sieht er aus, der Höhepunkt von Greenaways visueller Poesie. Es ist ein zuweilen ungemütlicher Film, bis heute kontrovers besprochen, der damit beginnt, wie „Dieb“ Albert einen Mann erniedrigt, indem er ihn mit Hundekot beschmiert und über ihn uriniert. Im Folgenden macht Albert zumeist auf sich aufmerksam, wenn er unfassbare Dinge sagt. Wenn er dann aber doch mal wieder Hand anlegt, dann auch richtig. Albert ist menschlicher Abschaum, ein unerträglicher Unhold, der in seinem gekauften Restaurant ungebremst wütet und häufig so laut schreit, damit niemand merkt, was für ein kleiner Wicht er ist. Ein wütender Tyrann, der verdient, was allen Tyrannen irgendwann bevorsteht.

Albert hat es auf den Intellektuellen abgesehen, auf Michael, der sich doch allen Ernstes einbildet, im Restaurant ungestört lesen zu können. Lesen! Wo kommen wir denn da hin? Dass dieser Michael bei den über mehrere Tage hinweg täglich stattfindenden Restaurantbesuchen eine Affäre mit Alberts Frau Georgina angefangen hat, zunächst im Bad, dann, vom Koch geschützt, im Vorratsraum, kann und will Albert zunächst nicht sehen. Greenaways von sakraler Choralmusik und einer teilweise zu behäbigen Dramaturgie geleiteter Film ist zunächst nur die Geschichte eines Tyrannen, eines geschassten Künstlers, eines getretenen Intellektuellen und einer misshandelten Frau, doch Greenaways mitunter effekthascherisch wirkende Stilisierung drängt sich auf und forciert mehrere Deutungen. Die Welt ist eine Bühne, um es mit Shakespeare zu sagen. Und die Bühne ist ein Gemälde. Ein Film für ein experimentierfreudiges und neugieriges Publikum, das gerne Filme sieht, die es so eigentlich kein zweites Mal gibt.

Fazit:

Artifizielles, symbolisches und auch ein wenig selbstverliebtes Sittengemälde mit allerhand Subtext und einem unvergesslichen Film-Widerling im Zentrum.

8 / 10
> Lies alle Meinungen zum Film! (226)


Gleich weiterlesen:


    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikcookthief.php on line 85

  • Selma   Christian Mester

  • Wild   Christian Mester

  • Alien Isolation   Christian Mester

  • Whiplash   Christian Mester
bereitsgesehen.de - Lass uns über Filme sprechen! - Home - Kritiken - Community - Specials - Impressum
Copyright 2017 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich