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Kritik:
Cosmopolis


von Christian Westhus

COSMOPOLIS
(2012)
Regie: David Cronenberg
Cast: Robert Pattinson, Sarah Gadon, Kevin Durand u.a.

Story:
Eric Packer ist noch nicht 30, hat als Finanzgenie aber bereits Milliarden gemacht. An diesem Tag setzt er sich in seine Stretch Limousine, sein gepanzertes Büro, und versucht einen Friseur zu erreichen, um einen neuen Haarschnitt zu bekommen. Doch auf den Straßen tummeln sich Demonstranten, ein Attentäter scheint umzugehen und eine Fehlspekulation bedroht Packers Vermögen.

Kritik:
Die Tücken der Werbung. Es war schon lange nicht mehr derart gefährlich, einen Film-Trailer zu gucken und davon auszugehen, dieser liefere ein realistisches Bild des fertigen Films. Die Werbeclips für David Cronenbergs Don DeLillo Verfilmung „Cosmopolis“ versprachen einen wilden, halluzinatorischen Hochgeschwindigkeitsritt, eine Rückkehr des kanadischen Regie-Stars zu alter Form, zu alten Terror-, Paranoia- und vielleicht gar Horrorgefilden. Tatsächlich aber ist „Cosmopolis“ in seiner trägen Redseligkeit ein viel besserer Partnerfilm zum direkten Cronenberg-Vorgänger „Eine dunkle Begierde“, als man zunächst annehmen konnte. Cronenberg inszeniert den Todesmarsch des Kapitalismus mit eiskalter, klinischer Präzision, wie man sie vielleicht am ehesten aus „Die Unzertrennlichen“ kennt. Und auch wenn „Cosmopolis“ fern ab der surrealen Natur der berühmtesten Filme seines Machers ist, so befinden wir uns dennoch in einer Parallelwelt, die uns als eine Nahzukunftsversion unserer Welt verkauft wird.

„Ein Gespenst geht um in der Welt“, heißt es an markanter Position im Film. Das Gespenst heißt Kapitalismus und die Straßen fordern seinen Kopf. Ratten werden spöttisch als neue Währung angepriesen. Es ist der Protest, der Kampf der 99% gegen die 1% und Robert Pattinsons Eric Packer ist einer der Könige der 1%. In einer unterkühlten Grundhaltung, die nach Gleichgültigkeit aussieht, aber schon frühzeitig angespannt ist, steigt Packer in seine rollende Festung, die wahlweise Büro, Arztpraxis oder im symbolischen Sinne Sarg bedeutet. Auf diesem Tagestrip, den der Film zeitlich und räumlich begrenzt absteckt, will Packer eigentlich nur seine Haare schneiden und doch umweht die Reise etwas Gebrochenes und Endgültig. Schwanengesang für eine kollabierende Welt. Aber Packer will zum Friseur; ein absurd erscheinendes Unterfangen, nicht nur weil er zuvor so exakt frisiert ist, sondern weil die Straßen gerade chaotisch voll sind. Auch scheint der Friseur die einzige Person zu sein, die Packer nicht in sein Luxusgefährt einzulassen gedenkt. Ein ganz bestimmter Friseur muss erreicht werden; das ist von entscheidender Bedeutung an diesem Tag.

In der Limousine hält Packer Briefings und Meetings ab und Cronenberg fokussiert sich gänzlich auf das gesprochene Wort und reduziert das gesprochene Wort auf eine oft unwirklich erscheinende, unpersönliche, unrealistische Weitergabe von Informationen, mit Dialogpartnern, die oft genug gar nicht aufeinander eingehen. Cronenberg klebt an Don DeLillos sperrigen, oft undurchdringlichen Worten. Im Schneckentempo bahnt sich der weiße Limo-Koloss seinen Weg durch die überfüllten Straßen und im Schneckentempo kommt Packer seinem Ziel und damit seinem Scheitern näher. Es ist unbestreitbar, dass Cronenberg die Geduld seines Publikums bis zum Äußersten strapaziert, mit diesem äußerst episodisch wirkenden, tempolosen und emotional abgestorbenen Dialogexzess. Und auch inhaltlich wechseln sich viel sagende Banalitäten mit fundiert klingenden, aufgeblasenen Fachdiskussionen über die Finanzwelt ab. 

Packer selbst könnte auch der beste Kumpel von American Psycho Patrick Bateman sein, befindet er sich als schwerreicher New Yorker Yuppie doch ebenfalls auf dem Weg in den Wahnsinn. Doch Packer rastet (noch) nicht aus. Packer ist (noch) nicht vollkommen übergeschnappt. Er hat sich verkalkuliert, verliert gerade im Sekundentakt Millionen, hat eine Ehefrau, die nicht mit ihm schlafen will und hat eine asymmetrische Prostata, wie er bei seinem täglich stattfindenden medizinischem Check-Up (in der Limo) erfahren hat. Und Packer ist derart fokussiert, ist (noch) so sehr mit seinem Job verwachsen, dass er einer verschwitzten Mitarbeiterin Anweisungen gibt, während er rektal inspiziert wird. Packer sieht die Welt, seine Welt in sich zusammen fallen und gewöhnt sich immer mehr an den Gedanken der Zerstörung und Selbstzerstörung, um den Kampf, etwas Neues zu erfahren und zu erleben. 

Pattinson spielt diesen Scheintoten der Finanzwelt mit einer schläfrigen Zurückgezogenheit die funktioniert. Wie ein gelangweilter König sitzt er in seinem ausdrucksstark designten rollenden Thronsaal und berichtet halb sarkastisch, halb desinteressiert von Millionenverlusten oder hört den Berichten über einen Attentäter zu, der es eventuell auf ihn abgesehen hat. Besonders gelungen sind die Momente mit Sarah Gadon, in der Rolle als Packers frisch angetraute Frau, die ihm den Sex verweigert und erst jetzt, Wochen nach der Hochzeit, zum ersten Mal erkennt, dass ihr Gatte blaue Augen hat. Gadons vermeintlich blutleere und hinter einer kühlen Hülle doch spürbar brodelnde Figur macht die wenigen und etwas holprig inszenierten Außenepisoden spannend, wenn sich auch am gemächlichen Tempo und der Aktionslosigkeit der Geschichte wenig ändert. Cronenberg steckt Schauspielgrößen auch in winzig kleine Gastrollen und setzt spärliche Momente aus Schocks, Überraschungen und Provokation, in einem Film, der wie eine klinische, intellektuelle Theorieüberlegung zur (Finanz-)Situation im frühen 21. Jahrhundert wirkt, die aber am Ende genau darüber stolpert. „Cosmopolis“ ist ein Film, mit dem man arbeiten muss, der viel verlangt, insbesondere Geduld, der aber zu keiner Zeit wirklich emotional mitreißt. Eric Packer ist keine uninteressante Figur, aber schlussendlich ist er uns auch egal. Er ist in der „99% gegen 1%“ Debatte nur ein Hundertstel Prozent, nur ein Name vor einer Zahl mit vielen vielen Nullen.

Fazit:
Der langsame Zerfall des Finanzwesens. David Cronenberg inszeniert eine statische Dialogorgie im Schneckentempo, die oft gekünstelt und unangebracht trocken erscheint. Ein Geduldsspiel, das viel bietet, dieses aber nicht all zu leicht herausrückt.

6 / 10

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