Kritik:
Cosmopolis
von
Christian Mester
COSMOPOLIS (2012)
Regie: David
Cronenberg
Cast: Robert Pattinson, Sarah Gadon, Kevin Durand u.a.
Story:
Eric Packer ist noch nicht 30, hat als Finanzgenie aber bereits
Milliarden gemacht. An diesem Tag setzt er sich in seine Stretch
Limousine, sein gepanzertes Büro, und versucht einen Friseur
zu erreichen, um einen neuen Haarschnitt zu bekommen. Doch auf den
Straßen tummeln sich Demonstranten, ein Attentäter
scheint umzugehen und eine Fehlspekulation bedroht Packers
Vermögen.
Kritik:
Altmeister David Cronenberg ist
einer der interessantesten
Regisseure seiner Unterzunft: Werke
wie Videodrome, Scanners, Die
Unzertrennlichen, The Dead Zone, Die
Fliege, The Brood und Naked Lunch
muss jeder gesehen haben, der eine
semi-gesteigerte Faszination für
seltsamere, ungemütlichere Filme
hegt. Bekannt geworden war der
mittlerweile fast 70jährige für sein
Faible für verworrene, unheimliche
Geschichten, in denen Menschen mit
Fernseher verschmolzen, wirrste
Halluzinationen bekamen, Köpfe
explodierten oder tiefsitzende
Ängste in Form bösartiger Kreaturen
manifestiert wurden. Auch in den
letzten Jahren war der Mann
weiterhin aktiv, setzte mit A
History of Violence, Eastern
Promises und A Dangerous Method
allerdings eher auf reale,
gewöhnliche Geschichten, die das
Ungewöhnliche außen vor ließen.
Sein neuer Streifen Cosmopolis ist
traditionelle Rückbesinnung auf alte
Stile und Thematiken, da die
Verfilmung des Romans von Don
Delillo altbekannte Cronenbergmotive
fortführt: eine ungewisse, leicht
zynisch betrachtete Zukunft, in der
ratlose Protagonisten vor
Bedrohungen entkommen und sich in
komplizierten
Bekanntschaftskonstrukten auf die
Suche nach klaren Antworten begeben.
Mit Robert Pattinson, Kevin Durand,
Paul Giamatti, Juliette Binoche,
Mathieu Almaric und Samantha Morton
ansprechend besetzt, mit Sex,
Gewalt, Sozial- und Politkritik
inhaltlich stark bestückt, schreit
Cosmopolis danach, als weiteres
bedeutsames der Cronenberg Stücke
qualitativ mit seinen anderen zu
verschmelzen. Leider ist dem nicht
so. Cosmopolis hat alle nötigen
Ingredienzien um das zu erfüllen,
was er sein könnte, eventuell sein
will, er versagt jedoch kläglich in
seiner Ausführung.
Der Trailer des Films mag rasanten
Thrill oder eine zumindest
aufregende Reise durch die Nacht
versprochen haben, doch das Wort
Tempo ist Cosmopolis völlig fremd.
Selbst das Wort Puls, denn bis auf
kleinste Ausnahmen ist es ein
vollends statischer Film, in dem
Standaufnahmen nahezu reglose
Charaktere beobachten. Es wird zwar
miteinander geschlafen und
aufeinander geschossen, das doch in
lebloser Leichenstarre. 95% des
Films besteht aus starr, monoton
geführten Gesprächen, sowohl Mono-
als auch Dialogen, die in ihrem
Inhalt und ihrer Ausführung ein
Gräuel sind. Ein Gesprächsfilm kann
bekanntlich ungeheuer fesselnd sein,
s. Die 12 Geschworenen, doch
Cosmopolis erschwert es sich darin,
dass der Film fast gänzlich
emotionsfrei bleibt. In ewig gleich
monotoner Tonlage, in gleicher,
fader Geschwindigkeit werden
langatmig Ansichten gleichgültiger
Personen ausgetauscht. Egal ob es
ein Mann ist, der Erics Leben
bedroht, seine Frau, seine Affäre,
sein Wachmann oder ein
Geschäftspartner, es bleibt stets
timbrelos bei Gefasel ohne Streit,
ohne Spaß, ohne Freude, sprich ohne
Leben im Gespräch, was im Einklang
mit starren Kameras und fast völlig
fehlendem Score ein prinzipiell sehr
anstrengendes Filmerlebnis bedeuten
kann.
Selbst das wäre akzeptabel, noch
kein Qualitätsverlustkriterium,
wären Dialoge und ihre Sprecher
inhaltlich interessant. Doch der
Film, der all-in auf den Gehalt
seines gesprochenen Wortes setzt,
versagt genau darin. Es wird über
den Finanzsektor, den Sinn von
Beziehungen, den Umgang miteinander,
über, Zeit, Zeitvertreib und das
nonblümerante Dasein philosophiert,
doch letzten Endes erscheint es
stets als verquertes Geschwätz, das
vor allem Hauptcharakter Eric mit
einer nervtötenden Gleichgültigkeit
präsentiert. Stark
gewöhnungsbedürftig ist DeLillos
Ausdrucksweise, da die Dialoge
konstant philosophischen Ton haben
und damit nie authentisch wirken;
irritierend ist die Tatsache, dass
die Charaktere oft aneinander
vorbeireden. So erzählt einer etwas
über den Verfall der Geschäftswelt,
während sein Gegenüber bloß über
einen Friseurtermin schwafelt. Was
Kunst sein will und es in Buchform
sein mag, wird im Filmbild zu
überkandidiertem, fast parodierbaren
Quark ala Bullys beliebtem Sketch
Die drei Kastagnetten. Was Autor
DeLillo aussagen und zeigen will,
ist offensichtlich: der
Emotionsverlust der
Geschäftstreibenden, das schier
sinnlose Anhäufen von Finanzen und
die Langeweile im Nichtbedarf
weiterer Anstrengungen, das
Ignorieren der wachsenden
Instabilität der Außenwelt, die
Gleichgültigkeit den Nichthabenden
gegenüber, das Verlieren des
Menschseins obwohl man doch selbst
zum Übermensch wird. Sprich: auch
wenn Eric als wohlhabender Mann mit
weitreichender Macht über all denen
steht, die er täglich in seinem
High-Tech-Gefährt passiert, ist er
doch nicht beneidenswert, ist seine
Situation nicht vor Verzweiflung
gefeiht, eventuell gar sogar dazu
bestimmt.
Einen Vergleich muss man
unweigerlich ziehen: wie schon in
der Easton Ellis Vefilmung American
Psycho geht es auch hier um eine
emotional abgestumpfte
Verbildlichung der killenden
Oberschicht, die trotz finanzieller
Sorglosigkeit und sämtlicher offener
Möglichkeiten hilflos bleibt und im
seelischen Dreck versumpft. Während
Psychos Gesamtbild aber mit Hilfe
einprägsamer Sprüche („Ich muss noch
ein paar Videobänder zurückbringen“)
und Szenen (Visitenkarte), einer
beeindruckenden Darstellung des
Protagonisten (Christian Bale),
Einstreuung relativ kontroverser
Szenen (Kettensäge) und einer
gewissen Drastik (Dreier) als
faszinierend, vermutlich positiv in
Erinnerung bleibt, hat Cosmopolis
nichts dergleichen. Neben der
inhaltlichen Leere und
anstrengenden, nirgends hinführenden
Gespräche ist Pattinson in seiner
Rolle verloren. Worin ein junger
Willem Dafoe oder Jeremy Irons eine
beeindruckende Leistung gegeben
hätte, kann Pattinson nur auf das
zurückgreifen, was ihn schon in den
Twilight Filmen auszeichnet: das
Unvermögen, als stiller, scheinbar
unnahbarer Typ faszinierend zu
wirken. Was der Geschichte gut getan
hätte, was ihm fehlt, ist ein
Auflösen der Starre. Dass der
anfänglich maschinell wirkende
Geschäftsmann zum weinenden, oder
vor Wahnsinn lachendem Mensch wird –
im Gegensatz zu Patrick Bateman
durchläuft Eric Packer keinen
Charakterbogen: auch gegen Ende ist
er ein regloser Klotz, dessen
weiteres Tun gleichgültig bleibt.
Auch helfen Sex, Gewalt und
Ungemütliches nicht, Cosmopolis
interessanter zu gestalten; erstere
beiden erscheinen zahm, während das
Ungemütliche lediglich daraus
besteht, dass sich Pattinson einmal
minutenlang eine Doktorhand in den
Hintern stecken lässt, um seine
Prostata getestet zu haben.
Schockierend ist das nicht, eher
unfreiwillig komisch, da es
aussieht, als müsse sich Pattinson
beim Gepuhle in seinem
Allerwertesten zusammenreißen, nicht
drüber lachen zu müssen. Cronenbergs
Regie an sich ist dieses Mal nichts
Besonderes; dazu wirkt der Film oft
wie ein winziges Low Budget Projekt.
Die Darsteller? Neben Pattinson
tauchen eine gute Schar fähiger
Leute auf, doch auch sie haben keine
interessanten Figuren und können
nichts aus den verquasten Dialogen
machen. Traurig ist, dass man so
ziemlich jede Szene rausnehmen und
als Geschnittene Szene separat
belassen könnte, was dem Film keinen
Abbruch tun würde, was im
Umkehrschluss bedeutet, dass er gar
keine einzige wichtige hat.
Fazit:
Cosmopolis kommt mit einem Koffer
gut gepackter Ideen und springt
damit qualitativ schulterzuckend vor
den nächstbesten Zug. Ein Grauen?
Der letzte Twilight Film Breaking
Dawn Teil 1 ist ein besserer
Cronenberg Film. Eine Geburt eines
Menschvampir-Hybriden, bei dem das
Baby der Mutter die Wirbelsäule
durchtritt und der Vater das Kind
aus dem Bauch freibeißen muss? Das
ist Cronenberg. Im Falle Twilight
ergab es keinen guten Film, aber
verglichen mit diesem hatte der noch
Leben, Storybewegung und zumindest
simpelste Charakterentwicklungen.
Über dessen pathetische
Kisch-Dialoge sei besser kein Wort
verloren, doch trotz Dümmlichkeit
sind sie alle Male erträglicher als
das selbstverliebte, eventuell
ungünstig übersetzte, extremst fade,
pseudophilosophische Geschwätz
dieses Nichts an Filmes, in dem
Pattinson als reicher, gelangweilter
Schnösel durch eine Stadt langweilt
und sich irgendwann einen Finger in
den HIntern stecken lässt.
Cronenbergs schlechtester Film,
schockierend: Pattinsons
schlechtester Film, und der
vermutlich schlechteste ernst
gemeinte Film des bisherigen
Kinojahres.
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