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Kritik:
Creed - Rocky's Legacy


von Andreas Borsodi

Creed
(2015)
Regie: Ryan Coogler
Darsteller: Sylvester Stallone, Michael B Jordan

Story:
Apollo Creeds unehelicher Sohn will Boxer werden, dabei aber nicht im Schatten seines berühmten Vaters stehen. Er reist nach Philadelphia, um von Boxlegende Rocky Balboa, dem früheren Gegner und späteren guten Freund seines Vaters, trainiert zu werden.

Kritik:
Die Rocky-Saga ist schon etwas ganz eigenes. Musste ein eher unbekannter Sylvester Stallone in den 70ern seinen ersten Rocky noch mühsam durchboxen (haha), durchlebte die Filmreihe über die Jahrzehnte die verschiedensten Phasen - Höhen und Tiefen, Rückschläge, überraschende Comebacks - und spiegelte dabei sowohl das Leben der Figur Rocky, als auch die Karriere des Schauspielers Stallone wieder. Vom großartigen Drama, bei dem das Boxen noch eher im Hintergrund stand (I & II), über cheesige 80er Propaganda-Action mit übermenschlich gedoptem Russengegner (IV) zurück zu richtig guter Drama-Stärke mit Rocky Balboa im Jahr 2006. Dieser schickte unseren einfachen Helden mit seinem letzten Kampf versöhnlich in den Ruhestand, schloss die Saga rund und für alle zufriedenstellend ab. Auch Stallone selbst sah die Reihe als beendet an, hängte die Boxhandschuhe an den Nagel.

Dort durften sie auch bleiben, doch er selbst wurde vom ambitionierten Ryan Coogler (Fruitvale Station) zu einer weiteren Runde überzeugt. Somit brachte nun diesen Winter nicht nur Star Wars eine lang nicht für möglich gehaltene siebte Episode auf die Leinwände, auch bei der Rocky-Reihe steht der Zähler mit Creed nun auf der 7. Denn auch wenn der Titel nicht offiziell „Rocky VII“ lauten mag, Creed stellt mitnichten ein Spin-Off, sondern eine klare Weiterführung der Geschichte dar.
Das Drehbuch stammt hierbei erstmals nicht aus der Feder von Stallone selbst, sondern wurde von Ryan Coogler und Aaron Covington geschrieben. Mag dies im Vorfeld bei manchem Grund zur Sorge gewesen sein, so darf getrost entwarnt werden - Creed fühlt sich an wie ein echter Rocky, ohne zur Kopie zu verkommen.

Der Film beginnt mit einer Rückblende zum jungen Adonis Johnson, der gerade zum wiederholten Male in der Jugendstrafanstalt seine Mit-Insassen verprügelt. Sodann erhält er Besuch von Apollo Creeds Witwe, die den Jungen, ein Resultat einer späten Affäre ihres verstorbenen Mannes, bei sich aufnimmt. Dort geht es ihm gut, er lebt in einer Villa (Vater Apollo war ja Schwergewichts-Weltmeister) und ist erfolgreich in seinem Bürojob. Richtig erfüllt ist er allerdings nicht, und so schlägt er sich als Autodidakt durch kleinere mexikanische Boxkämpfe. Das reicht ihm bald nicht mehr, also sagt er dem Wohlstand Lebewohl und zieht ins heruntergekommene Philadelphia, um bei Balboa (Stallone) das wahre Boxtraining zu erfahren. Dieser reagiert erst zurückhaltend, ist aber bald positiv angetan von dem Jungspund (was eine interessante Parallele zu Stallone und Coogler ergibt). Es dräuen aber noch weitere dunkle Wolken am Horizont...

Creed lässt sich Zeit. In der ersten Hälfte ist der Film prinzipiell einwandfrei, der Funke mag aber noch nicht so ganz überspringen. Adonis zieht um, er entdeckt Philadelphia und seine nette Nachbarin (Tessa Thompson). Man zeigt sich mit Referenzen an die alten Teile verhältnismäßig zurückhaltend, so weit dies bei der erzählten Story eben möglich ist. Rocky ist zwar recht bald anwesend, aber nicht Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, somit bekommen erst einmal die neuen Charaktere Raum zum atmen. Später kommt dann doch noch vermehrt die Nostalgie zum tragen; Coogler vergisst dabei aber weiterhin nicht, nach vorne zu schauen und beides harmonisch zu verbinden – ein bezeichnender musikalischer (Gänsehaut-)Moment, als Creed endlich sein eigenes Theme erklingen lässt. Eine deutliche Hommage an das unsterbliche Rocky-Theme, altmodisch, jedoch mit eingeschobenen moderneren Klängen, wuchtigen Trommeln, und ja, sogar Rap. Ähnlich lässt sich das auch auf den Film an sich übertragen. Mit 2h 13min ist Creed der bisher längste Film der Reihe, und stellenweise spürt man die Laufzeit auch. Letzten Endes macht es sich aber bezahlt, selbst wenn man unter Umständen um 5 oder 10 Minuten hätte straffen können.

Man könnte den Rocky's im Grunde vorwerfen, dass sie in verschiedenen Variationen grob gesehen alle die gleiche Story verkaufen: Ein Underdog (sei es weil er aus ärmlichen Verhältnissen stammt, weil er der Box-Szene nicht mehr genug Aufmerksamkeit widmet, oder weil er alt geworden ist) stellt sich einem übergroßen Kampf, um mit Hilfe seiner Freunde und großartiger Trainingssequenzen seinen Gegner im Ring zu besiegen. Dieser Gegner ist immer man selbst, ob man technisch gesehen am Ende dem anderen Mann im Ring unterliegt oder obsiegt, ist Nebensache. Das erklärt Rocky wiederholt seinem Schüler, und das handhabt auch Creed nicht anders. Wer sich bahnbrechende Neuerungen erhofft, könnte hier enttäuscht sein, denn das simple, aber immer noch effektive Grundprinzip gilt auch hier. Um nochmal eine Brücke zum neuen Star Wars zu schlagen, der ja eine ähnliche Aufgabe zu meistern hatte: So wie man bei The Force Awakens unweigerlich innerlich jubelt, sobald der Millenium Falke auf der Bildfläche erscheint, so ist man auch dabei und lehnt sich im Sitz gespannt nach vorne wenn bei Creed die Musik einpeitscht, wenn die Gegner auftreten, die persönlichen Dramen aufgelöst werden. Man wird mitgerissen, auch wenn man die Abläufe und die üblichen Ups & Downs schon beinahe mitsagen kann.

Womöglich ist gerade das ein Grund für die ungebrochene Popularität der Reihe. Eine simple, ehrliche Grundstory wird variiert, aus verschiedenen Positionen und anderen Grundkonstellationen heraus immer wieder neu beleuchtet und erlebt. Hier kämpf Rocky erstmals nicht selbst im Ring, vielmehr steht er nun anstelle von Mickey als alter Profi neben dem Ring und feuert seinen Schützling an. Eine Rolle die er schon in Rocky V innehatte, doch da hatte er auf den falschen Schüler gesetzt und sich so seinen eigenen Obi-Wan-Komplex zugelegt. Ein ewiger Kreislauf.

Die neuen Schauspieler schlagen sich durchaus gut. Michael B. Jordan als Adonis Johnson/Creed erinnert optisch tatsächlich an Apollo-Darsteller Carl Weathers und gibt einen sympathischen Protagonisten. Nachbarin/Freundin Bianca wiederum ist keine Adrian 2.0, sie hat ihre eigene kleine Musik-Karriere am laufen und respektiert Adonis' Box-Ambitionen einfach nach einem „Leben und leben lassen“-Prinzip. Sehr interessant ist bei ihr übrigens das Element ihres zunehmenden Gehörverlusts - das könnte sich in zukünftigen Filmen noch zu einem ernsten Thema entwickeln.
Beide haben auch eine gute Chemie mit dem alten Haudegen Rocky, welcher von Stallone diesmal besonders feinfühlig gespielt wird.

Die Hauptcharaktere sind also gut etabliert, wie ist es um die Gegenseite bestellt? Apollo in den ersten beiden Filmen war ein etwas zu selbstsicherer, aber durchwegs fairer, menschlicher Gegner. Clubber Lang und vor allem Ivan Drago nahmen in den darauffolgenden Teilen eher flache Comic-Villain-Ausmaße an, Tommy Gun war zwar als Charakter interessant konzeptioniert, jedoch nicht ideal umgesetzt (wenn man bedenkt welches Potenzial die Figur gehabt hätte), und Mason Dixon in Rocky Balboa war zwar ein, dem versöhnlichem Thema des Films entsprechend, angenehm bodenständiger, aber auch leicht langweiliger Widersacher. Der Brite Ricky „Pretty“ Conlan (Tony Bellew) fällt (leider) irgendwo dazwischen. Er fightet, weil er vor einer drohenden jahrelangen Haftstrafe das Preisgeld gut für seine Familie brauchen könnte, benimmt sich auf der Presse-Konferenz jedoch wie der übliche Proll-Rüpel. Die eine Gesprächsszene mit seinem Trainer (Graham McTavish) ist eher halbherzige Pflichtübung, als dass die Figur und ihre Motivationen dem Zuseher tatsächlich nähergebracht werden. Somit stellt der Gegner (wieder einmal) am ehesten den Schwachpunkt des Filmes dar. Er ist anwesend, er tut was er soll, aber er ist nicht interessant. Bedauerlich, aber nicht allzu schlimm, denn der Film ist mit Rocky, seinem Protegé und dessen Love Interest schon gut bedient und benötigt keine Nebenstory.

In Rocky-Filmen geht es ja in erster Linie immer um die Menschen und erst in zweiter ums Boxen, aber wie steht es nun um die Kämpfe? Im Vorfeld hörte man ja schon von einem Fight in der Mitte des Films, der als ungeschnittener One-Shot realisiert wurde. Dieser ist tatsächlich beeindruckend intensiv, allerdings steht noch nicht allzu viel auf dem Spiel. Der Hauptkampf dann erinnert in der Machart am ehesten an den realistischen HD-Look von Rocky Balboa und spielt alle Stückerln wie wir es von Rocky gewohnt sind. Spannend, wuchtig, tut weh. In die Fußstapfen eines Rocky zu treten, das klang nahezu anmaßend, nach einem technischen K.O. in der ersten Runde. Der erste Film gewann 1977 drei Oscars, darunter Bester Film und Bestes Drehbuch. Die Rocky-Reihe ist Sylvester Stallones persönliches Baby, und trotz einiger schwächerer Einträge eine Filmreihe die die Zeit überdauert hat und heute Kultstatus genießt.

Und doch, es funktioniert. Nicht nur irgendwie, über weiteste Strecken tut es das sogar richtig gut. Gemäß dem offiziellen Zusatztitel „Build your own legacy“ vermag es Creed, den Wurzeln Tribut zu zollen, sich dabei aber auch auf eigenen Beinen zu behaupten, und steht die 12 Runden mit Bravour durch.

Fazit:
2015 könnte als das Jahr in die Filmgeschichte eingehen, das uns einige überraschend gute späte Fortsetzungen brachte. Wir hatten den exzellenten Fury Road, den gar nicht so verkehrten Jurassic World, einen ebenfalls zufriedenstellenden The Force Awakens, und nun tatsächlich einen siebten Rocky-Film, der vielleicht nicht ganz an das Original rankommt, sich aber bei vielen sicher zumindest mit Rocky Balboa und Rocky II um einen ehrenwerten Stockerlplatz matchen dürfte. Eine geglückte Staffelübergabe, bei der die Balance zwischen dem zelebrieren von nostalgischen Momenten gekonnt mit dem Aufbau des Nachfolgers abgewogen ist - Creed 2 kann kommen.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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