BG Kritik:

Dallas Buyers Club


von Christian Westhus

Dallas Buyers Club (US, 2014)
Regisseur: Jean-Marc Vallée
Cast: Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner

Story:
Basierend auf wahren Begebenheiten: Texas 1985. Ron Woodroof (McConaughey) ist Elektriker, reitet Rodeo, trinkt, kokst und umgibt sich gerne mit Frauen. Nach einem Schwächeanfall wacht er im Krankenhaus auf und erfährt, dass er HIV positiv ist. Die als Schwulenkrankheit stigmatisierte AIDS Erkrankung wirft den stolzen Ron aus der Bahn. Bis er ein ungetestetes Medikament in Mexiko entdeckt, es in die USA bringt, es für Geld an hunderte Patienten bringt und sich mit der Pharmaziebehörde anlegt.

„Wer ist Rock Hudson?“, wundert sich ein Kollege von Ron Woodroof, als sie in der Zeitung vom AIDS-Tod des Schauspielstars lesen und fassungslos überlegen, wie ein Typ wie Hudson angesichts zahlreicher weiblicher Hollywoodschönheiten schwul sein konnte. „Hast du nicht ‚Der unsichtbare Dritte‘ gesehen?“, fügt ein anderer Kollege bezeichnenderweise als Erklärung an und verwechselt Hudson scheinbar mit Cary Grant. Unwissenheit, Desinteresse und Homophobie gehen Hand in Hand. Ron ist zu Beginn nicht groß anders als seine Kollegen. Die ersten Filmmomente zeigen ihn in einem Stall im Rodeo-Stadion, wie er mit zwei Frauen gleichzeitig Sex hat. Es ist der etwas zweifelhafte, aber auch sehr faszinierende Reiz dieses Films, dass der Protagonist in einem AIDS-Drama (das auch politische Pharma-Kritik ist) zu Beginn ein homophobes Rassisten-Arschloch ist. Und was zunächst nach banaler „Vom Saulus zum Paulus“ Reise klingt und das in gewisser Weise auch ist, macht es sich zum Glück nicht zu einfach, aus Macho-Heißsporn Ron einen respektablen Mann zu machen.

Der Film ist für 6 Oscars nominiert.


Ron Woodroof muss am eigenen Leib miterleben, wie das Stigma der „Schwulenkrankheit“ auf ihn übertragen wird. Seine Arbeitskollegen und Freunde bekommen von der ärztlichen Diagnose natürlich Wind und sehen nur einen Grund, wie Ron sich damit infiziert haben könnte. Erst bei eigenen Recherchen in der Bibliothek kommt Ron auf den Trichter, dass man sich auch beim ungeschützten Verkehr mit Frauen anstecken kann. Der Film beschreitet damit einen ganz schmalen Grat, der aber meistens gelingt. So ein Versuch kann ganz schnell den gegenteiligen Effekt haben, einen gefestigten Hetero Homophobie am eigenen Leib erfahren zu lassen oder das falsche Stigma der Krankheit abzulegen. Aber Rons langsame Öffnung hin zu überwiegend homosexuellen Kunden seines bald florierenden Medikamentenhandels vollzieht sich in langsamen und nachvollziehbaren Schritten. Die Geschichte – ob wahre Begebenheit oder nicht – gelingt, weil Ron auch zum Ende hin nicht unbedingt der sympathischste Typ ist und weil der Film mehr ist, als eine AIDS-Warnung oder eine Lektion in Homophobie.

400 Dollar kostet die monatliche Mitgliedschaft im bald so genannten Dallas Buyers Club. Die ungetesteten, dadurch in einer Art juristischen Dunkelgrauzone befindlichen Medikamente lässt Ron aus Mexiko kommen und bringt sie unter die Leute. Wer den Monatsbeitrag nicht zahlen kann, bekommt vom mit neuem Selbstbewusstsein aufgeladenen Ron die kalte Schulter gezeigt. Mit zunehmender Deutlichkeit werden im Hintergrund die Machenschaften von Pharmaindustrie und Medikamentenbehörde durchleuchtet, die ihr schwammig getestetes und deutlich teureres Medikament auf den Markt schmeißen wollen. Der zunehmend ins Zentrum der Handlung rückende Zwist zwischen Rons Buyers Club und den Behörden wirkt lange Zeit wie ein Kampf ums Geld, um Wirtschaftsvorrechte und Marktanteile, weniger ein Kampf um selbstbestimmte Medikamentierung oder gegen Diskriminierung. Ron braucht seine Zeit, um auch die Menschen in seinem Medikamentenclub wirklich wahrzunehmen. Den Kontakt zur Hauptzielgruppe, den homosexuellen Männern, bekommt Ron über den transsexuellen Rayon (Jared Leto), dem Ron zu Beginn noch kaum in die Augen schauen konnte, ohne dass ihm die Galle hochkommt.

Jennifer Garners Ärztin und Jared Letos "Rayon" wurden für den Film hinzugefügt.


„Dallas Buyers Club“ ist trotz seiner noch heute in vielen Bereichen relevanten Themen ein Darstellerfilm. Die Inszenierung des Kanadiers Jean-Marc Vallée (The Young Victoria) ist bis auf ein, zwei verspielte, aber durchaus gelungene visuelle Einzelszenen sehr natürlich und realistisch, bietet damit die Bühne insbesondere für Matthew McConaughey. Ron Woodroof ist natürlich schon auf dem Papier eine sehr dankbare Rolle, insbesondere für jemanden wie McConaughey, der sich in den letzten paar Jahren als ausdrucksstarker und mutiger Charakterdarsteller quasi neu erfunden hat. Er sorgt dafür, dass wir selbst den „Saulus“ Ron gerne folgen, ohne dass er Ecken und Kanten dafür abschleifen muss. Dass McConaughey zusätzlich zu seiner starken Darstellungsleistung auch körperlich viel in die Rolle investiert hat, ist da fast schon zweitrangig.

Auch Jared Leto verlor einige Kilos für die Rolle als Rayon und überzeugt in seiner ersten Filmrolle seit mehreren Jahren, nachdem er sich zuletzt nur auf seine Musikkarriere mit „30 Seconds to Mars“ konzentrierte. Die schleichende Freundschaft zwischen Ron und Rayon hätte sicherlich noch mehr Aufmerksamkeit verdient, belebt diesen Film aber dennoch. Jennifer Garner als Ärztin, die zwischen Berufsethik und dem reinen Wunsch auf Hilfe steht, ist gewohnt sympathisch und erinnert daran, dass sie sich ruhig häufiger in Filmen zeigen dürfte.

Fazit:

Toll gespieltes und thematisch nach wie vor relevantes Drama über AIDS, die finanziellen Interessen der Pharmaindustrie und die Abkehr persönlicher Vorurteile. Erzählt aus interessanter Perspektive, ist „Dallas Buyers Club“ absolut sehenswert, wenn auch nicht der ganz große emotionale Wurf.

7,5 / 10
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