BG Kritik:

The Danish Girl


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Danish Girl (USA, UK, Dänemark, Belgien, Deutschland 2015)
Regisseur: Tom Hooper
Cast: Alicia Vikander, Eddie Redmayne

Story: Die wahre Geschichte von Lili Elbe (Redmayne), die geboren als Einar Wegener zum Künstlerzirkel in Dänemark gehörte und eine der ersten Personen war, die sich einer chirurgischen Geschlechtsanpassung unterzog.

Wie schlecht dürfen Filme zu wichtigen Themen sein?

- Oscarprämiert als Beste Nebendarstellerin, Alicia Vikander hat mehr Screen Time als Hauptdarsteller Eddie Redmayne.


Mancherorts wird ein Film wie „The Danish Girl“ schon bei seiner Ankündigung als ‚Oscar Bait‘ bezeichnet, als unehrenhaft kalkulierendes Lockmittel für Filmpreise, indem man sich wichtigen Themen aus Politik, Geschichte und Sozialem widmet. Sicherlich ist das häufig genug recht nah an der Wahrheit, doch eigentlich ist es nicht nur ein gutes Stück anmaßend gegenüber den Filmverantwortlichen, sondern schädigt auch das behandelte Thema, wenn man einzig „Berechnung!“ ruft und gar nicht hinsieht, was der Film überhaupt leistet. Ein bedauerlicher „Glücksfall“ also, dass „The Danish Girl“ dem offenen Zuschauer kaum eine andere Wahl lässt, als die Nase zu rümpfen. Tom Hoopers Film ist im besten Fall ein modisches Schaulaufen für einige wirklich erstklassige Kostüme und Sets. Abgesehen davon ist diese Geschichte einer mutigen Selbstverwirklichung ein völlig konfuses und liebloses Werk, aus dem auch die Darsteller keinen wirklichen Mehrwert destillieren können. Eine Anbiederung an die betagten und klischeegemäß konservativen Mitglieder der Oscar Academy ist am Ende die netteste Erklärung dafür, was hier schiefgelaufen ist.

Eine Frage steht am Ende von „The Danish Girl“ im Raum, die das gesamte konfuse Wesen dieses Films ganz anschaulich beschreibt: Wer ist dieses dänische Mädchen, diese Frau, um die es gehen soll? Die erste Vermutung führt uns zu Lili Elbe, die, in einen männlichen Körper geboren, durch Operationen endlich den ihrer Persönlichkeit entsprechenden Körper erhält und eine Frau sein kann und darf. Diese Verknüpfung von Titel und Inhalt ist oft genug – u.a. am Ende – klar im Film integriert. Dennoch führt bei näherer Betrachtung kaum ein Weg daran vorbei besagte dänische Frau nicht in Lili Elbe, sondern in Gerda Wegener zu sehen. Gerda, ebenfalls eine Künstlerin, steht lange Zeit im künstlerischen Schatten ihres Mannes Einar Wegener. Erst als sie Einar aus Mangel eines Models ein paar Frauenkleider überwirft erreicht Gerda mit ihrer Kunst ein größeres Interesse. Ihr neues Modell nennt sie Lili und öffnet ihrem Mann damit die Augen zu einer Wahrheit, die dieser scheinbar schon seit Kindertagen kannte, jedoch aus den Augen verlor.

- Zwischen 2007 und 2010 als Film mit Nicole Kidman und Charlize Theron unter der Regie von John Cameron Mitchell geplant.


„The Danish Girl“ ist irgendwann nicht mehr der Kampf einer Frau um psychische und körperliche Selbstfindung und Vollendung, sondern der Kampf einer Ehefrau um ihren Mann, der sich auf unerklärliche Weise verändert. Viel Aufwand und Mühen investiert der Film darin, das Erwachen von Lili Elbe als Abweichung von der Normalität darzustellen. Das verhilft Alicia Vikander zu einer sehr lebendigen, ausdrucksstarken und tränenreichen Rolle, doch ihre Figur ist dennoch der Schlüssel zum Versagen dieses Films. Nicht etwa will man durch den Perspektivfokus auf Gerda cis-(„normal“)-geschlechtliche Zuschauer an die Hand nehmen und ihnen die Welt der Transsexualität erklären, vielmehr verstärkt diese Perspektive die Kluft zwischen dem was gesellschaftlich als Normal und Anormal gilt. Gerda Wegener, dessen biographisch belegte Bisexualität quasi komplett verschwiegen wird, ist die tapfere heterosexuelle Ehefrau, die lange standhaft um ihre Ehe und ihre einstige große Liebe kämpft. Lili Elbe ist das Fremde, der Störfaktor, der diese Ehe gefährdet und undankbar weitere Opfer von Gerda fordert, die so lange so viel gegeben hat und nun mit ihrer Kunst eigentlich endlich mal einen Moment für sich verdient. Das jedenfalls scheint die furchtbare Haltung dieses Films zu sein, der sich schließlich auch durch die historischen Fakten komplett ins Abseits befördert. Folgt man einzig diesem Film, möchte man Lili Elbe kaum wirklich bedauern, geschweige denn ihren Grenzen sprengenden Mut applaudieren.





Am Ende ist die Frage, wie schlecht Filme zu wichtigen Themen sein dürfen, nichts weiter als die Frage, wie gut solche Filme sein müssen. Man wünscht sich vielleicht ein progressives, kunstfertiges Meisterwerk, doch manchmal ist eine banal-oberflächliche Mainstream-Behandlung der notwendige erste Schritt, um wichtige Themen – was immer sich dahinter verbirgt – vorzustellen und den Weg für tiefergehende Behandlungen zu ebnen. Umso bedauerlicher also, dass „The Danish Girl“ kaum diese Anforderungen wirklich erfüllt. Das Drehbuch lebt „hinterm Mond“ und ist strukturell konfus; darüber hinaus ist Tom Hooper noch immer ein Regisseur, der scheinbar selbst nicht versteht, wie er in die Rolle als oscarprämierter Prestige-Regisseur geraten ist. Seine Kamera ist nicht ganz so deplatziert und kontraproduktiv wie in „Les Misérables“, doch noch immer herrscht eine Diskrepanz zwischen Absicht und Ertrag. Ständig wird geheult, geschluchzt, werden Treueschwüre geschworen oder lauthals gestritten, doch kaum etwas davon dringt zu uns durch. Nicht nur will der Film durch seine Perspektive die falschen Emotionen in uns wecken, dies gelingt ihm nicht einmal sonderlich gut. Die Krone dieses lediglich an der Oberfläche nett anzusehenden Stückwerks setzt sich Eddie Redmayne auf. Der frisch gebackene Oscargewinner ist nicht zuletzt auch ein Opfer des schwachen Drehbuchs, doch Redmaynes angestrengt manieristisches Spiel, die affektierten Gesten und ein nicht enden wollendes halb-schüchternes Lächeln machen Lili Elbe noch mehr zu einer Repräsentation des Fremden und Widernatürlichen. Ein fataler Eindruck für einen Film, der bis zuletzt irgendwie behauptet genau das Gegenteil im Sinn gehabt zu haben.

Fazit:

Verpasste Chance. Nicht ohne Schauwerte, am Ende jedoch ein weitgehend gefühlskalter Film, der unsicher ist, wie er sein zentrales Thema an ein Publikum bringen soll und wie dieses Publikum überhaupt aussieht.

3,5 / 10

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