Kritik:
Dark Shadows
von
Christian Westhus
DARK SHADOWS (2012)
Regie: Tim Burton
Cast: Johnny Depp, Eva Green, Bella Heathcote, Chloe Grace Moretz,
Michelle Pfeiffer
Story:
Barnabas Collins (Depp), Sohn einer wohlhabenden Familie englischer
Einwanderer in Maine, wird von einer eifersüchtigen Hexe
(Green) verflucht und zu einem Vampir verwandelt. In einen Sarg
gesperrt und vergraben, wird er 200 Jahre später durch Zufall
wieder freigelegt. Im Jahre 1972 muss Barnabas nicht nur erkennen, dass
sich seine Familie wirtschaftlich beinahe ruiniert hat, sondern auch,
dass sich die Welt mit Lava Lampen, Hippies und Frauen in
Führungspositionen reichlich verändert hat. Auch die
Hexe hat die Jahrhunderte überdauert und giert noch immer
danach, Barnabas‘ Herz zu gewinnen. Doch der entdeckt seine
tot geglaubte Geliebte (Heathcote) in der neuen Gouvernante der Familie.
Kritik:
Wenn ein Regisseur
niemandem mehr viel beweisen muss, wenn er ein gewisses Alter erreicht,
oder einen ganz unverkennbaren Stil entwickelt hat, kann es schon mal
vorkommen, dass er sich darauf ausruht. Irgendwann ist nicht mehr jeder
Film ein neues Wagnis, ein unbändiger Ausdruck eines inneren
Drangs, unbedingt einen Film zu machen. Irgendwann ist nicht mal mehr
jeder zweite Film eine wirkliche Herzensangelegenheit. Tim Burton
scheint genau in dieser Phase seiner Karriere zu stecken. Schon sein
letzter Film „Alice im Wunderland“ war eine
überwiegend unwürdige und wenig reizvolle
Fingerübung, die dank 3D-Push aber auch über eine
Milliarde US-Dollar an den Kinokassen einnahm. Da ist es fast nicht
verwunderlich, dass auch der neue Burton nur ein in Look und Design
aufgehübschtes Revival einer älteren Geschichte ist,
die wie üblich irgendwo zwischen Horror, Comedy und Fantasy
irrlichtert. So könnte man Burton seinen Spaß
lassen, Dauerkollege Johnny Depp mal wieder durch eine Handlung zu
dirigieren, die nur von Äußerlichkeiten am Leben
gehalten wird. Lassen wir den Burton mal machen und ignorieren den
Film, denn „Dark Shadows“ kann man sich beinahe
komplett sparen.
Basierend
auf der gleichnamigen Dauerbrenner-Soap der 60er und 70er Jahre,
häuft Burton hier diverse Zutaten an, die eigentlich einen
interessanten Film ergeben könnten. Die schräge,
dysfunktionale Familie, das vampirische neue Familienüberhaupt
und die Außenseiterrolle dieser Familie, die sich gegen den
dörflichen Pöbel zur Wehr setzen muss. Es sind
Themen, die Tim Burton eigentlich liegen müssten, die er seit
Jahren verinnerlicht hat. Mit seinem Faible fürs Absurde und
Makabre ist er zudem wie geschaffen für diese
epochenvermischende Gruselkomödie mit Soap Opera Anleihen. Nur
sehen kann man davon fast gar nichts. Es ist geradezu erschreckend, wie
gelangweilt und belanglos der Film inszeniert ist. Hier und da ein
garstiges Detail, eine heitere Einzelszene oder ein kurzer gelungener
Moment, aber wären Kostümdesignerin Colleen Atwood
und Ausstatter Rick Heinrichs nicht wieder mit viel Wonne bei der
Arbeit, gäbe es hier fast nichts zu sehen. Kameramann Bruno
Delbonnel kreist und schwebt zudem mehrfach recht angenehm
über die realen und durch die digitalen Sets, die mit jedem
nur erdenklichen Gothik- und 70er Jahre-Klischee beladen sind. Doch
sobald man etwas mehr Substanz will, sobald man die grelle
Oberfläche aus alten Gemäuern, bleicher Haut,
poppigem Violett und Blutrot ankratzt, offenbart der Film sein wahres,
konfuses und abgrundtief leeres Gesicht.
Die Hauptschuld für das
erträgliche, aber bedauerlich gleichgültige Chaos,
das da „Dark Shadows“ heißt,
trägt wohl das Drehbuch von „Abraham Lincoln:
Vampire Hunter“ Romanautor Seth Grahame-Smith.
Natürlich könnte man sagen, Burton bemühe
sich auch nicht wirklich, aus dem schwachen Material mehr zu machen.
Und das ist wahr. Er kurbelt Szene für Szene inspirationslos
runter, ohne roten Faden, ohne größeres Gesamtziel.
Auch der Schnitt kann den Wust der Nichtigkeiten nicht wirklich
bändigen. Aber das alles geht auf’s Script
zurück, das einer mittelschweren Katastrophe gleichkommt. Eine
so eigenwillige Mischung wie diese, mit Horror-, Comedy-, Liebesfilm-,
Familiendrama- und Soap Opera-Elementen, funktioniert nicht
automatisch. Insofern ist der Versuch gleichermaßen mutig,
wie potentiell reizvoll, doch Grahame-Smith wild wuchernde
Handlungsstränge lassen nicht mal das Scheitern des Films
wirklich interessant werden. Ohne Hand und Fuß irren wir von
einem ansehnlichen, aber auch stereotypischen Prolog zur Ankunft der
Gouvernante, ehe Barnabas erwacht und plötzlich die Handlung
übernimmt. Bis zum Schluss ist nicht wirklich klar, ob die
Geschichte der jungen Victoria, die der Geliebten von Barnabas
ähnlich sieht, ein wirklicher Handlungsstrang sein soll, oder
eine verkrüppelte Nebenerzählung, wie die Helena
Bonham Carters als Psychiaterin oder Johnny Lee Millers als
unzuverlässiger Dad. Immer mal wieder tauchen Subplots,
Flashbacks, irgendwelche sinnlosen Zwischenszenen oder Gastauftritte
auf, die den Film in neun von zehn Fällen nur in die
Länge ziehen, statt ihn interessant zu machen. Eine wilde
360° Sex-Szene gab es in ähnlicher Form schon mal
besser bei „Buffy“, aber sie ist auch absolut fehl
am Platz. Und Alice Coopers Gastauftritt ist so banal, wie der von
Christopher Lee unwitzig ist.
Auch den Ton weiß
Grahame-Smith nicht zu händeln und hält so jede Szene
separat, was den Film grauenhaft unharmonisch erscheinen
lässt. Im einen Moment befinden wir uns in einem leicht
ironisierten Gruselfilm, kurz darauf in einer grellen Komödie,
zwischendurch ist es richtiger Horror und im Anschluss ein
rührseliges Drama um Liebe und Familie. Stimmungen, Genres und
Handlungsstränge schlagen wirr und konfus
übereinander. Das Script weiß nie, wo es mit den
Figuren und ihren Motivationen hin will, insbesondere, was der Held
überhaupt für ein Typ sein soll. Der Blutdurst, die
Jahrhunderte im Sarg – all das tangiert Barnabas immer nur
dann, wenn die Szene irgendeinen Katalysator für eine Aktion
braucht. Ist Barnabas ein Getriebener? Ist er Opfer seines Fluchs? Das
Script jedenfalls meint uns zumuten zu können, dauerhafte
Sympathie und Mitgefühl für eine Hauptfigur zu haben,
die aus nur bedingt nachvollziehbaren Gründen am Ende ein
gutes Dutzend unschuldiger Menschen getötet hat und bisweilen
recht rabiat mit Familienmitgliedern umspringt. Nun ist Barnabas ja
ganz witzig, wie er aus der Zeit gefallen den Kulturschock erlebt und
permanent halbaristokratisch und altmodisch daherredet. Für
wahr, mir deucht, es ward schon Nacht. Johnny Depp kann so einen
Großteil der witzigen Szenen einstreichen, die sich durchaus
mal ins Script verirrt haben. Es ist keine Schande zu lachen, wenn
Barnabas das Zeichen einer Fast Food Kette als Zeichen des Teufels
sieht, Autoscheinwerfer als bedrohliche Laterne, oder wenn er Alice
Cooper als hässliches Frauenzimmer bezeichnet. Und dennoch,
trotz ein paar inspirierter Blicke und Gesten von Depp, ist Barnabas
keine tolle Figur und witzige Sprüche machen noch keine
funktionierende Story. Was Barnabas genau will und warum er tut, was er
tut, wissen wahrscheinlich weder Burton, noch Depp, noch Seth
Grahame-Smith.
Aber Depp und Barnabas haben
immerhin was zu tun. Das können Michelle Pfeiffer und Chloe
Moretz nicht von sich behaupten. Die Eine hat nicht einen
erinnerungswürdigen Moment, die Andere muss permanent
nervtötend den schmollenden Teenie geben und klingt
insbesondere in der deutschen Synchronisation wie eine Nymphomanin mit
Verstopfung auf Gras. Oder so. Quasi-Newcomerin Bella Heathcote wird
zunächst als nicht uninteressante zweite Hauptfigur etabliert
und verschwindet dann für eine gefühlte Stunde, um im
mit digitalen Effekten, unspektakulärer Action und komplett
beliebigen Charakterszenen und -wendungen zugemüllten Finale
auch keine große Rolle zu spielen. Das ist, angesichts ihrer
theoretischen Wichtigkeit, einfach nur schlecht geschrieben. So bleibt
Eva Green, die Depp als Einzige Paroli bieten kann, das auch muss und
ihre Rolle mit überdrehter Spiel- und Grimassierfreude angeht.
Immerhin ist Hexe Angélique so ziemlich die einzige Figur,
bei der man einigermaßen klar sagen kann was sie ist, was sie
will und was sie im Film soll. Diesen unzusammenhängenden,
beliebig montierten, widersprüchlich arrangierten Haufen an
Einzelszenen und schwachen Charakteren plustern Tim Burton und sein
Team optisch mit Gewalt auf, so dass der Schmarren immerhin ganz nett
anzusehen ist. Zwischendurch ist das immer mal wieder witzig und sei es
nur als überdrehte 70er Parodie und Fundgrube für
fast vergessene Musiknummern. Der Haupteindruck aber bleibt, dass
„Dark Shadows“ ein Film ist, den keiner wirklich
braucht und keiner wirklich wollte. Und das schließt auch Tim
Burton ein.
Fazit:
Hübsch,
leer und vollkommen neben der Spur. Wie auch sonst lebt Tim Burtons
Film in erster Linie von Optik und Design, dazu haben Johnny Depp und
Eva Green ein paar nette Momente. Doch die eigentliche Handlung und die
restlichen Figuren sind in einem chaotischen Script hoffnungslos
verloren. Wie der thematisch und emotional komplett verquaste
Gesamtfilm.
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