BG Kritik:

Deadpool


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Deadpool (US 2016)
Regisseur: Tim Miller
Cast: Ryan Reynolds, Ed Skrein, Morena Baccarin

Story: Um seinen Krebs im Endstadium zu kurieren, lässt sich der zwielichtige Söldner und Dauerquasselbacke Wade Wilson auf ein Experiment ein. Eines, das ihn zu einer unsterblichen Waffe macht, das ihm aber auch ungeahnte Feinde schafft...

Penis.

Deadpool schaffte den erfolgreichsten Start eines R-Rated Films, und mehr als die meisten anderen ersten Teile anderer Heldenreihen


Als Ryan Reynolds 2004 in Blade 3 als Hannibal King mitspielte, gab er im Grunde schon da den Charakter Deadpool. Eine endlos vorlaute, dauerfluchende Nervensäge, die selbst im Anblick größter Gefahren noch dumme Sprüche reißen kann. Blade 3 sollte eigentlich Sprungbrett für weitere Filme mit seiner Figur werden, doch weil u.a. Rüschen-Dracula nicht unbedingt der sehenswerteste Blade Gegner war, wars damals damit aus.

Für Reynolds ging der Spaß aber noch eine Weile weiter, denn er versuchte seinen Humor weiter an den Mann zu bringen. Selbst ist die Braut von 2006 mit Sandra Bullock war ein großer Erfolg, doch sowohl RIPD, als auch Green Lantern scheiterten in Folge kreativer Fehlentscheidungen. Als er dann 2009 erstmals als Deadpool in X-Men Origins: Wolverine auftauchen durfte, trat man sein Rampenlicht wieder mit Füßen. Seine witzigen Szenen waren limitiert, dann verwandelte sich Deadpool auch noch statt in Deadpool in eine seltsame neu entwickelte Gestalt mit Riesenklingen und verschmolzenem Mund, die im Kampf von Scott Adkins übernommen wurde. Reynolds wird so einige Abende Kekse essend weinend in der Dusche gesessen haben.

Was jetzt im Kino zu finden ist – und wie eine Bombe einschlug – ist ein Wunder. Nach all den Flops und Fehlschlägen hatte Reynolds eisern weiter an seine Stunde geglaubt, und jemand bei Fox war verrückt genug, es ihm doch noch zu realisieren. Der fertige Deadpool Film darf sich nicht nur comic-getreu nennen, er ist einer der gewagtesten und damit erfrischendsten Comic-Filme der letzten Zeit. Nicht unbedingt einer der besten Comic-Filme als solcher, aber für die Comic-Filmgeschichte ein sicherlich äußerst einflussreicher.

Reynolds spielte zuvor bereits Green Lantern und Blades Gehilfen


Wie kein Superheld zuvor durchbricht Nervensäge Deadpool die 4. Wand, spricht direkt mit dem Zuschauer, spricht über andere Helden, spricht über Ryan Reynolds den Schauspieler. Er macht auf Klischees und Lächerlichkeit von Superheldengeschichten aufmerksam und zieht sich, sein Studio und die Studios anderer Heldenfilme hemmungslos durch den Kakao. Fox beweist damit Mut, da es vor allem der hauseigene X-Men Franchise so sehr abkriegt, dass Reynolds sogar mit der vorherigen Deadpool Actionfigur abrechnen darf und die Produzenten im Vorspann Arschgeigen nennt. Verbunden mit einer schonungslos schamlosen wie geschmacklosen Dauerflucherei, die mitunter selbst South Park Schamesröte ins Gesicht treiben könnte, ergibt das ein Ebenen-Erzählerlebnis, das konsequent vertieft, was Kick-Ass, Kingsman und Wanted zuvor dezent anfingen. Dieser Aspekt ist zwar nie sonderlich clever und stets alles andere als subtil, doch oft witzig genug, dass er kontinuierlich unterhält.

Leider weniger gelungen sind die anderen beiden Hauptelemente. Banal verfährt die Gegenwartsstory, in der es darauf hinausläuft, dass Deadpool, Colossus von den X-Men und eine neue jugendliche Figur namens Negasonic Teenage Warhead, die Druckwellen von sich geben kann, einen Bösewicht namens Ajax (der neue Transporter Ed Skrein) und seine stämmige Handlangerin Angel Dust (Gina Carano) jagt. Der vollständig computeranimierte, an P-Jack von Tekken erinnernde Colossus ist ganz spaßig als konservativer Stahlriese, der Deadpool ins Gewissen zu reden versucht, doch die übrigen Figuren sind eindimensionale, wortkarge Kontrahenten. Da Deadpool nahezu unsterblich ist und alles heilen kann, und keiner der Gegner was dagegen zu tun vermag, fallen die Actionszenen eher fad aus. Deadpool wirbelt spektakulär viel herum, doch die versuchte Coolness seiner Slow-Motion-Kills verpufft stets, weil etwa ein Hello Kitty Rucksack im Weg liegt, Deadpool seine Unterhose rausreißt oder sonstigen infantilen Blödsinn treibt. So witzig Deadpools endlose Dreistigkeit ist, so einsilbig und absehbar ist sie leider auch. Zwar gibt es so dermaßen viele Witze, dass trotzdem noch mehr als genug ankommen, doch hier hätte es dem Film gut getan, Deadpool eine weitere Figur an die Seite zu stellen. Keine, die ihn zu übertreffen versucht, aber eine, die ihm passend Bälle zuspielt. Colossus und Warhead stehen die meiste Zeit über nur regungslos herum und hören sich Deadpools Sprüche an.

Deadpool geht knapp über 100 Minuten und ist voller Witze und Action, jedoch zieht ein narratives Gewicht alles herunter. Um dem Dauerblödler Resonanz zu verleihen, wird groß aufgezogen, wie er seine Freundin kennenlernte, wie sehr sie sich liebten und wie sehr es ihn beschämte, später wie eine halb gegessene Salamipizza auszusehen, die auf der Toilette eines Truckerrastplatzes vergessen wurde. Morena Baccarin aus Fernsehserien wie dem V Remake, Homeland oder Firefly macht mehr aus ihrer Rolle als Prostituierte mit Herzen aus Gold und einer ebensolchen Laberbacke, wie sie Deadpool hat, als viele andere Freundinnen-von-Superhelden in deren Filmen, doch die versuchte Ernsthaftigkeit dieser Beziehung ist die vergebene Handbremse des Films. Deadpool macht immer wieder klar, dass er ewig der kindisch blödelnde Spacken bleiben wird – was im Übrigen die Entscheidung ist, die Will Smiths Hancock unterhaltungskonträr fundamental falsch wählte – doch Film und Figur werden durch den Ballast einer echten Story zurückgehalten. Im Vorfeld machte die Promo sich einen Spaß daraus, dass Deadpool eine Romanze sei, die man sich zum Valentinstag ansehen sollte. Zum nicht geringen Teil ist sie das sogar.

Der Film von Tim Miller hatte verglichen mit anderen Superheldenfilmen ein eher kleines Budget, doch Deadpool stört sich nicht an den Limitierungen. Die Action ist handwerklich durchaus befriedigend und die eher kleinen Spielorte fallen eh nie sonderlich auf, da fast jede Aufnahme ein Close-up auf den niemals endenden Ryan Reynolds ist. Effekte? Der gänzlich animierte Colossus stellt keine Minute ein Problem dar und eine aufwendige Slow-Motion-Sequenz zu Anfang des Films lässt sogar fast wünschen, sie wäre in 3D. Sofern man nicht gerade den Eventfilm des Jahres erwartet, dürfte man damit zufrieden sein. Ist Miller aber selbst ein interessanter Regisseur? Kann man so nicht sagen. Matthew Vaughn, der Macher der tonal ungefähr ähnlichen Kick-Ass und Kingsman, lässt den Deadpool Film spielend simpler und unkreativer aussehen; es ist kein Geheimnis, dass er gänzlich auf Reynolds und das Script angewiesen ist. Dennoch, da es ohnehin die reinste Reynolds Show werden sollte und wurde, kann man damit, und ein paar guten Chimichangas, leben.

Fazit:

Hyperaktiver, amüsant meta-lastiger Actionfilm, dessen Erzählweise und Riesenerfolg trotz oder gerade wegen blutigen R-Ratings jede Menge zukünftige Superheldenfilme beeinflussen wird. Oft geschmacklos, gnadenlos infantil und immer platt in seinen Aussagen, dabei aber fraglos witzig. Schade ist, dass dem ganzen ein leidlich generischer Superheldenplot unterliegt und ein viel zu langer Flashback Spaß mit vergebenen Mühen vergeudet, das Ghost: Nachricht von Sam der Comic-Filme zu werden. Exzellente Umsetzung der Vorlage, amüsanter Film, aber ein nur okayer als solcher.

Ausnahmsweise einmal extra gelobt sei die Marketingkampagne zum Film, die einen fantastischen Job gemacht hat, den Humor Deadpools auf vielfältige Weise abwechslungsreich und lustig zu bewerben.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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