BG Kritik:

Der Mann aus dem Eis


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Der Mann aus dem Eis (D/ITA/AUT 2017)
Regisseur: Felix Randau
Cast: Jürgen Vogel, Susanne Wuest, André Hennicke, Axel Stein u.a.

Die Ötztaler Alpen vor 5300 Jahren. Ein Klan hat sich nahe eines Flusses niedergelassen. Ihr Anführer ist Kelab (Jürgen Vogel), dessen Verantwortung es ist auf den heiligen Schrein namens Tineka aufzupassen. Als Kaleb auf der Jagd ist, wird die Siedlung überfallen. Alle Mitglieder des Stamms, bis auf ein Neugeborenes, werden brutal ermordet und Tineka gestohlen. Blind vor Schmerz und Wut macht sich Kelab auf dem Weg und hat nur eines im Sinn: Rache.

Einer der ersten ungelösten Mordfälle der Menschheitsgeschichte, bekommt nach 5300 Jahre seine Verfilmung. Eine zufriedenstellende fiktive Auflösung?

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Jürgen Vogel spielt den Ötzi. Diese Prämisse mag erstmal nur zum Schmunzeln anregen, doch damit würde man dem MANN AUS DEM EIS nicht wirklich gerecht werden. Der Ötzi ist für die Forschung eine der interessantesten und wichtigsten Mumien Europas. Durch besondere Umstände, wurden die Überreste des Ötzis über Jahrtausende konserviert und speicherten so bis zu ihrem zufälligen Fund 1991 viele wertvolle Informationen über den sagenumwobenen Ötzi. Bis heute forscht man an seinen Überresten und konnte schon relativ viel über ihn und sein Leben herausfinden. Dazu gehört nicht nur seine Laktoseintoleranz, sondern auch der entscheidende Hinweis, dass er unter anderem aufgrund eines Pfeils gestorben sein muss. Der Ötzi als Mordopfer macht seine Geschichte nur noch spannender. Was genau vorgefallen war und was er tief in den Alpen außer zu jagen oder auf Wanderschaft zu sein noch zu tun hatte ist unbekannt und wird es wohl auch immer bleiben. Mögliche Antworten darauf kann aber ein Fiktionen erfindendes Medium wie es der Film ist geben.

Regisseur Felix Randau ist ein noch relativ unbeschriebenes Blatt, was aber mehr damit zusammenhängen mag, dass sein letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Bei DER MANN AUS DEM EIS schrieb er das Drehbuch selbst und arbeitete dabei eng mit den Wissenschaftlern aus Bozen – wo die Mumie ein eigenes Museum und ein Forschungsinstitut erhalten hat – zusammen um seine fiktive Geschichte so nah wie möglich in einen realistischen Rahmen zu setzen. So bleiben der Verlauf der Geschichte und die darin spielenden Personen völlig frei erfundene Ideen Randaus, doch kommen sie einem möglichen Szenario durch diese akribische Vorarbeit wohl sehr nahe. Ähnlich wie Mel Gibson bei seinen Historienfilmen vorgeht, ließ auch Felix Randau seine Schauspieler nicht einfach Deutsch sprechen. In den wenigen Dialogen des Films hört man dagegen eine Form der rätischen Sprache, welche zu diesem Zeitpunkt laut aktuellen Kenntnissen gesprochen wurde. Gemeinsam mit einem Linguisten versuchte man sich an einem Vokabular und einer Grammatik dieser Sprache. Doch größtenteils erzählt der Film mit seinen Bildern und seiner Musik. Das mag den ein oder anderen an einen Stummfilm erinnern, doch im Laufe des Films wird man merken, dass hier nicht auf erzwungene Art und Weise auf Dialoge verzichtet wurde, sondern sich dies auf natürliche Art und Weise ergibt.

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Mit einer Texttafel zu Beginn des Films setzt der Film direkt voraus, dass jeder Zuschauer, der sich diesen Film nun anschaut, darüber im Bilde ist, dass er nur mit dem Tod der Hauptfigur enden kann. Der Ötzi, eine Bezeichnung der Neuzeit, heißt im Film Kelab und wird von einem Jürgen Vogel gespielt, der unter seiner Maske versuchen muss sehr viele Facetten des Helden für die Zuschauer wiederzugeben. Vogel verzichtet dabei auf ein zurückhaltendes Spiel und zeigt angesichts der Ereignisse, nachvollziehbare große und expressive Gefühlsausbruche. Der Weg des Helden folgt hier einem klaren Rache-Plot. Das Drehbuch mag man vielleicht am schnellsten kritisieren wollen, denn es folgt einem einfachen Aufbau. Diese simple Struktur mag aber, angesichts des bekannten Endes der Hauptfigur, womöglich Kalkül sein. Nimmt man die Hauptfigur zur Seite, sind hier Gut und Böse klar getrennt. Man bleibt bei einfachen Charakterzeichnungen und Figuren, die schlichtweg nur überleben wollen. Felix Randau hat wohl auch dadurch etwas den Hang seine Figuren zuweilen simpel und funktional zu charakterisieren und lässt etwas Tiefe vermissen, sowie er auch manchen Erzählstrang unbefriedigend beendet oder ins Nichts verlaufen lässt. So wirken in diesen Fällen, die ansonsten kurzweiligen 90 Minuten mehr hemmend.

Viel mehr als der Inhalt, steht hier die Erfahrung im Vordergrund. Die Akribie aus der Vorbereitung des Films, soll auch hier zur Geltung kommen. Davon zeugt auch die eigentlich erste Szene, die nach einer ersten Einstellung nebst Texttafel und Titel des Films folgt und ungeschnitten in einer Einstellung in die damalige Welt entführen soll. Eine Plansequenz wird es nur noch einmal danach geben und auch bei diesem zweiten Mal ist ihr Einsatz immersiv und vollkommen legitim. Deshalb und auch aufgrund mancher Bilder mag sich der ein oder andere an THE REVENANT erinnert fühlen, doch sollte man diesen Vergleich nicht wirklich anstellen, da beide aus gänzlich verschiedenen Motivationen entstanden sind und man nur wenn man unbedingt will Gemeinsamkeiten finden kann, ansonsten bleibt dies ein Vergleich, der nicht wirklich irgendwo hinführt.

Die Kamera von Jakub Bejnarowicz ist angesichts der wenigen Dialoge eines der wichtigsten Erzählmittel des Films. Glücklicherweise findet man eine gute Mischung aus anthropomorpher Kamera und sich über alles erhebenden Panoramaaufnahmen. Lange Zeit verzichtet man noch auf solch große Einstellungen und zeigt die Größe und Wucht lieber aus Sicht der Menschen, was zuweilen mehr Wirkung hinterlässt als Kameraflüge über anonyme Bergkuppen. Diese gibt es im weiteren Verlauf durchaus, doch wäre ein Verzicht darauf auch angesichts der sonstigen Mythologisierung der Hauptfigur enttäuschend gewesen. Dem Ganzen die Krone setzt schließlich die Filmmusik von Beat Solèr auf, dessen Kompositionen zuweilen, neben gefühlvollem Momenten, deutlich atonaler Natur sind, aber durch ihren prägnanten Einsatz im Gedächtnis bleiben und auch hier wieder eine besondere Wirkung erzielen.

Fazit:

Nicht einfach der deutsche THE REVEVANT, sondern eine intensive und bildgewaltige Reise mit dem sagenumwobenen Ötzi, der hier in einer zugegeben nicht besonders kreativen aber stringent erzählten Fiktion sein bekanntes Schicksal findet.

7 / 10

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